Belastender Einsatz: Wenn Menschen plötzlich mit dem Leben überfordert sind

31. März 2018 at 21:05

Belastender Einsatz: Wenn Menschen plötzlich mit dem Leben überfordert sindAus unserer Reihe Mit den Kollegen auf Streife haben wir die Zuschrift eines Kollegen bekommen. Wenn Menschen plötzlich mit dem Leben überfordert sind, alles aus den Fugen geraten ist, sich niemand darum kümmert und dann plötzlich Polizisten vor der Tür stehen, dann ist das für beide Seiten kein einfacher Einsatz:

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“Übler Geruch aus einer Wohnung lässt schlimmes erahnen. Doch es kam anders als wir dachten. Wenn wir die Meldung bekommen, dass aus einer Wohnung übler Geruch kommt, geht man unweigerlich vom Schlimmsten aus.

Mein Kollege und ich haben uns darauf eingestellt dass, wir gleich eine Leiche zu sehen bekommen. Aber weit gefehlt. Als wir an dem Haus ankamen, stand schon eine Nachbarin vor der Tür und wartete auf uns. Sie erzählte uns, dass in der Wohnung eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern wohnt.

Jetzt machten wir uns noch mehr Sorgen und eilten die Treppe hinauf. Da die Einsatzzentrale keine weiteren Informationen hatte, alarmierte sie sofort auch die Feuerwehr für die Türöffnung und den Rettungsdienst. Als wir an der Tür ankamen, stach uns dieser beißende Geruch entgegen.

Ich machte mir Gedanken, wie es überhaupt soweit kommen konnte, der Geruch muss schon seit Tagen schlimm gewesen sein und dann informiert man uns erst jetzt?

Wir klopften und klingelten zuerst und gaben uns als Polizisten zu erkennen. Erst war es leise in der Wohnung, doch dann hörten wir wie sich mit kleinen Schritten jemand der Tür näherte. Dann wurde die Tür geöffnet.

Ein kleines Mädchen, vielleicht im Alter von 6 Jahren, öffnete uns, total zerzauste Haare, in einem dreckigen Schlafanzug. Sie muss seit Wochen keine Dusche mehr gesehen haben oder saubere Klamotten getragen haben.

Mein Kollege und ich fragten die Kleine, ob wir reinkommen dürften. Das Mädchen öffnete die Türe weiter und wir sahen das Chaos in der Wohnung. Überall Müll, Essensreste, leere Flaschen und vieles mehr… Hier hatte offenbar lange Zeit niemand mehr sauber gemacht haben.

Wir betraten die Wohnung, ein kleiner Junge saß im Wohnzimmer, jedenfalls sah es danach aus, auf dem Boden zwischen dem ganzen Dreck. Die Mutter lag auf dem Sofa, nicht ansprechbar, aber offenbar am Leben. Wodkaflaschen standen auf dem Tisch.

Mein Kollege ging zuerst zum Fenster und öffnete es. Der Gestank war kaum auszuhalten. Nun kam die Frau langsam zu sich und schaute uns mit großen Augen an. Sie auch etwas wacher und war auch ansprechbar. Sie fing an zu weinen und stammelte ein paar Worte die wir nicht verstanden hatten.

Mein Kollege sagte, dass er sofort wieder da wäre und kam kurze Zeit später mit seiner Thermoskanne Kaffee wieder und gab ihn der Frau. Nach etwa 15 Minuten war sie so weit wieder auf dem Damm, dass sie mit uns sprechen konnte.

Sie erzählte uns, dass ihr Mann vor 5 Monaten bei einem Unfall ums Leben gekommen war und sie die Liebe ihres Lebens so sehr vermisse. Sie war zu nichts mehr fähig. Sie schaffte es gerade noch so die Kinder mit Essen zu versorgen, aber mehr? Nein, mehr war nicht drin.

Wir versuchten herauszufinden, ob es Angehörige gab, die sie nicht unterstützen hätten können. Sie verneinte. Vielmehr es gab Verwandte, aber die waren hunderte Kilometer weit weg. Ihr Mann war wenige Monate vor dem Unfall dienstlich versetzt worden und hier gab es einfach niemanden. Hilfe anzunehmen fiel ihr auch extrem schwer oder überhaupt darum zu bitten.

Wir informieren das Jugendamt und innerhalb einer Stunde war eine Sozialarbeiterin vor Ort. Die junge Mutter hatte Angst dass, man ihr die Kinder wegnehmen würde. Wir sagten: “Nein, wir wollen ihnen helfen, damit sie ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen.”

Da fing sie bitterlich an zu weinen und stammelte nur noch ein “Danke”.

Auch uns ging dieser Einsatz an die Nieren. Wie kann niemand mitbekommen, dass hier dringend Hilfe benötigt wird?

Leider schauen gerade in großen Wohnblöcken die Menschen nicht aufeinander. Aber auch Verwandte hätten mitbekommen müssen, dass hier was nicht stimmt.

Ich hoffe die junge Frau nimmt die Hilfe an, um für sich, aber vor allem auch für ihre Kinder, das Leben wieder lebenswert zu gestalten.

Wir werden uns definitiv immer wieder nach der kleinen Familie erkundigen, denn auch dieser Fall war für uns nicht einfach.”

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, er möchte jedoch anonym bleiben.

Leider ist dies kein Einzelfall, deswegen achtet bitte aufeinander und informiert die Behörden, wenn Ihr denkt, dass hier jemand Hilfe benötigt.