Gedanken eines Polizisten: Was in einem Menschen vorgeht, der über den Suizid nachdenkt

11. März 2018 um 19:37 Uhr

Gedanken eines Polizisten: Was in einem Menschen vorgeht, der über den Suizid nachdenktVergangenes Wochenende haben wir die Angehörige eines Polizisten zu Wort kommen lassen, die ihren Partner tot aufgefunden hat, da er Suizid begangen hatte. Wie viele Leser dieses Thema beschäftigt, haben wir daran gesehen, wie viele unseren damaligen Artikel aufgerufen haben, aber auch an den Kommentaren auf Facebook auf die Worte der Angehörigen.

Als Reaktion haben wir die Wortmeldung eines Kollegen erhalten. Er möchte aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben, jedoch zur Diskussion und vor allem zum Verständnis beitragen:

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Hallo liebes Polizist=Mensch Team

Mit großem Interesse, habe ich den Leserbrief zum Suizid eines Kollegen “Die Tränen rinnen mir nur so über das Gesicht” und die Kommentare dazu verfolgt.

Dabei fiel mir auf, dass die Verfasserin des Leserbriefes und auch sehr viele Kommentatoren, die einen Menschen durch Suizid verloren haben, Schuldgefühle oder Verständnisschwierigkeiten haben, weil sie nicht begreifen können, was in dem Menschen vorgegangen ist und warum man ihm nicht helfen konnte, bzw. warum er nicht bei den engsten Vertrauten Hilfe gesucht hat.

Ich würde gerne mit meiner Geschichte dazu beitragen, dass die Angehörigen verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der sich mit seinem Suizid gedanklich auseinander setzt und warum gerade die engsten Vertrauten ihm am wenigsten helfen können, einen Ausweg zu finden.

Bei mir war der Auslöser kein dienstlich belastendes Ereignis, sondern die Trennung von meiner Frau und den beiden Kindern im Alter von 8 und 6 Jahren. Dieses Ereignis war für mich nur ganz schwer zu verkraften. Jede Nacht im Traum hörte ich meine Kinder nach mir rufen und ich wachte schweißgebadet in einem nun viel zu großem leeren Haus auf.

Hinzu kamen finanzielle Probleme, da ich weiterhin erstmal alle finanziellen Belastungen alleine stemmte und ein wirklicher Rosenkrieg, genauso wie ein gerichtlicher Streit um die Kinder.

Insgesamt war die Belastung neben meinem Beruf viel zu groß. Aber ich hatte gelernt zu kämpfen und wieder aufzustehen, wenn man hingefallen war. Folglich krempelte ich die Ärmel hoch und war gewillt zu kämpfen und wieder aufzustehen.

Natürlich standen mir meine Eltern und mein Bruder zur Seite und halfen, wo sie nur konnten. Auch mein Streifenpartner hatte immer ein offenes Ohr für meine Probleme, wenn ich einfach mal jemanden zum Zuhören brauchte.

Selbst mein Dienstvorgesetzter reagierte sofort, erkannte sofort die belastende Lage für mich, nahm mir die Dienstwaffe weg und parkte mich erstmal in der Aktenhaltung für 3 Monate. Zwischenzeitlich stattete er mir unregelmäßige Hausbesuche ab und als er nach ca. 3 Monaten sicher war, dass ich wieder mental stärker war und mich nicht suizidieren würde, fuhr ich auch wieder Streife mit Dienstwaffe. Die Maßnahme meines Dienstvorgesetzten war ja gar nicht schlecht, nur zum völlig falschen Zeitpunkt. Dort war ich in der Phase, dass ich kämpfen und aufstehen wollte und gar nicht an einen Suizid dachte.

Das erste Mal dachte ich 9 Monate nach der Trennung an einen Suizid als Lösung. Da blickte ich das erste Mal zurück und erkannte, dass ich gar nichts erreicht hatte, im Gegenteil meine Situation hatte sich weiter verschlechtert.

Ein Blick in die Zukunft war auch nicht rosig, ein Silberstreif am Horizont war nirgends in Sichtweite. Von meinem ersten Suizidgedanken war ich selbst erschrocken und dachte mir, jetzt ist es so weit, jetzt brauchst du professionelle Hilfe. Also suchte ich einen niedergelassenen Psychologen auf. Erzählte ihm in 90 Minuten meine ganze Geschichte mit meinen Sorgen und Nöten und der Tatsache, dass ich mich im Kreis drehe und keinen Ausweg sehe, außer einem Suizid, weswegen ich nun bei ihm saß.

Der Psychologe stellte mir nur eine vernichtende Frage: “Was soll ich dabei machen?”
Da war das Gespräch für mich sofort beendet und mir war klar, dass ich dort keine Hilfe erwarten konnte.

Durch Unterhaltszahlungen, Anwaltskosten und andauernde Klagen ging es mir finanziell immer schlechter. Zum Überleben suchte ich mir eine Nebentätigkeit für 300 Euro im Monat.
Da war er wieder der Kämpfer, ohne zu sehen, dass mich das noch weiter kaputt macht. Zumindest reichte das Geld jetzt für Essen im Monat und für Benzin für die Kinderbesuche.

Je weiter ich mich durch Überlastung aufrieb, je häufiger betrachtete ich meine Situation und meine Perspektiven, mit immer häufigeren Gedanken an einen Suizid, wenn irgendwann nichts mehr gehen sollte. Meine Eltern und mein Bruder halfen mir in der Zeit oft finanziell und versuchten mich aufzumuntern, wenn ich unten war.

Von den Suizidgedanken erzählte ich ihnen jedoch nichts, denn ich wollte sie nicht noch mehr beunruhigen und der Suizid war ja inzwischen soetwas wie ein Vertrauter geworden. Das wäre meine selbstbestimmte Endlösung, wenn die Kraft bei mir am Ende wäre, ich am Boden liege und nicht mehr hoch komme.

Es dauerte noch knapp ein Jahr, in denen ich immer wieder Schwachpunkte hatte und an den Suizid dachte, wenn nichts mehr gehen sollte. Es waren nun fast 2 Jahre um, in denen man immer wieder von seinen Problemen erzählt hatte und je häufiger man davon erzählte, je mehr hatte man den Eindruck, es hört keiner zu oder die Gesprächspartner sind gar nicht in der Lage, zu verstehen.

Teilweise hätte man auch eine Parkuhr vollquatschen können.

In solchen Gesprächen, habe ich dann teilweise offen gesagt, dass ich mich umbringen werde. Wenn mein Gesprächspartner wider erwartend reagierte, habe ich das dann mit dem Argument entkräftet, dass ich nur testen wollte, ob er mir noch zuhört. Oftmals wurde da aber auch gar nicht drauf reagiert. So kam man immer wieder zu der Erkenntnis, es hört dir keiner zu, bzw. keiner versteht dich mehr und keiner kann dir wirklich helfen.

So kam fast genau 2 Jahre später, was kommen musste. Mein Körper stellte komplett die Verdauung ein, ich war krank geschrieben und hatte sehr viel Zeit mich mit mir selbst zu beschäftigen.

Dieser Morgen war eigentlich ein schöner Morgen, die Sonne schien, es war warm und ich hatte eine gute Bekannte getroffen, mit der ich ins Quatschen kam. Sie kam sogar mit zu mir und wollte den Tag mit mir verbringen. Mein Vater stand überraschend wie ein Mahnmal in meinem Garten und war dabei das meterhohe Unkraut zu entfernen, worum ich ihn nicht gebeten hatte. Das war für mich eine sehr peinliche Situation, weil ich nicht wollte dass mein Vater meine Arbeit macht und ich ihm aber in dem Moment auch nicht helfen wollte. Mein Vater ging also verärgert und für mich war dass der Auslöser für meinen Zusammenbruch.

Ich weinte einfach drauf los und bekam mich gar nicht wieder ein.

Meine Bekannte saß die ganze Zeit bei mir und versuchte herauszufinden, was mit mir ist. Nach ungefähr einer Stunde hörte ich auf zu weinen, weil ich nichts mehr fühlte. Das kann man gar nicht richtig beschreiben. Normalerweise empfindet man immer und zu jeder Zeit irgendetwas. Man freut sich, man ärgert sich, man findet den Tag schön, die Tapete ist hässlich, man hat Hunger oder Durst, es ist einem kalt oder warm etc.

Und nun war da nichts außer einer großen Leere. Einer eisiegen, gewaltigen Gefühlsleere.

Wenn ich dazu fähig gewesen wäre, hätte ich Angst vor dieser Gefühlskälte gehabt. Das war es also nun. Ich hatte meinen Endpunkt erreicht. In dem Moment wollte ich mich umbringen. Hätte ich meine Dienstwaffe zuhause gehabt, hätte ich mich sofort erschossen. Meine Bekannte hielt mich davon ab und sie blieb, bewachte mich und erinnerte mich immer wieder an die Situation für meine Kinder, bis ich in der Lage war, wieder etwas zu fühlen und zu begreifen, dass das nicht die Lösung sein darf.

Heute bin ich weit davon entfernt, mich umzubringen, weil ich wieder einen Sinn und Stabilität in meinen Leben gefunden habe. Ich bin der Bekannten unendlich dankbar, dass sie im richtigen Moment da war und richtig gehandelt hat. Das war aber ein reines Zufallsprodukt. Hätte ich sie an dem Tag nicht getroffen, gäbe es heute weitere Angehörige und Freunde die diesen Schritt, den ich mit Sicherheit gegangen wäre, nicht verstanden hätten.

Bei mir war es eine Spirale abwärts mit dagegen ankämpfen bis zur völligen Erschöpfung. Erst wenn man diese große Gefühlskälte registriert, ist man nach meiner Meinung auch in der Lage den letzten Schritt zu gehen, weil man nichts mehr empfindet und einem alles egal ist.

Aus meiner Sicht waren die nächsten Angehörigen und Freunde, meine größten Feinde, weil die mit allen Mitteln versucht hätten, meinen Plan zu vereiteln. Hätte ich sie eingeweiht und alle Mittel hätten nicht ausgereicht um meinen Suizid zu verhindern, glaube ich, wäre ihre Verzweiflung nur noch größer, als wenn sie nichts davon wissen. Ich habe versucht sie und meinen Plan zu schützen.

Vielleicht verstehen die Hinterbliebenen jetzt eher, was die Person zu dem Schritt bewegt haben könnte und Kollegen hilft es vielleicht auch eher, eine Person direkt darauf anzusprechen, denn man sehnt sich nach Hilfe von einem Außenstehenden.

Einem der zuhört und die Situation objektiv betrachten kann und mal sagt, hör auf mit dem Scheiß, du machst dich kaputt.

Manchmal ist es doch besser aufzugeben und einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Manchmal braucht man dafür Hilfe, weil man den anderen Weg nicht sehen kann oder Angst hat, ihn zu gehen.

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Der Autor ist uns namentlich bekannt.