Leserbrief von Dieter Müller: Polizeiliches Denken – Einblick in die Polizistenseele

18. März 2018 um 21:19 Uhr

Leserbrief von Dieter Müller: Polizeiliches Denken - Einblick in die PolizistenseeleUnsere treuen Leser kennen Dieter Müller bereits, der zwar kein Polizist mehr ist, aber dennoch der Polizei sehr nahe steht. Er selbst ist Professor für Straßenverkehrsrecht an der Hochschule der Sächsischen Polizei, begann seine Laufbahn jedoch als Polizist bei der niedersächsischen Polizei. Auch sein kürzlich verstorbener Vater trug die damals noch grüne Uniform. Dieter Müller kann es sich also erlauben, einen tiefen Blick in die Polizistenseele zu wagen:

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Polizeiliches Denken …

ist untrennbar verbunden mit polizeilichem Handeln. Beides sind zwei Seiten einer Medaille. Es ist der rote Faden im Leben eines Polizisten. Viele unserer Mitmenschen verstehen diese Art des Fühlens, Einordnens und Beurteilens nicht, manchen ist es sogar unbewusst zuwider.

Die Uniform schreckt nicht wenige Zeitgenossen ab. Respekt? Ein Fremdwort!

Das Volk liebt zivil gekleidete Tatortkommissare mit schicken Autos der oberen Mittelklasse in dezent gedeckten Farben, Metallic inklusive.

Ich habe das polizeiliche Denken und Handeln quasi mit der Muttermilch aufgesogen, eher der Vatermilch; denn mein Vater war Polizist, ein Schutzmann durch und durch. Der Schutzmann ist der traditionelle Urpolizist, später kamen der Kriminalist, der Verkehrspolizist und der Bereitschaftspolizist hinzu und noch später der Bundespolizist. Alle zusammen bilden sie die große Polizeifamilie.

Polizisten erkennen sich. Sie denken, handeln und reden ähnlich. Ihre Prägung sitzt tief und lebenslang. Sie wirkt auch außerhalb des Dienstes und natürlich auch nach der Pensionierung.

Partner und Kinder von Polizisten erhalten zwangsläufig einen Stempel dieser Prägung. Nicht jeder hält das aus. Die Scheidungsrate in Polizistenfamilien ist hoch. Die Scheidung der Kinder ist die Rebellion gegen die Werte ihrer Eltern.

Es beginnt mit dem polizeilichen Blick.

Die Wahrnehmung ihrer Umwelt funktioniert bei Polizisten anders – ganz anders. Die Welt ist für Polizisten eine Lage, eine zu beurteilende Lage. Der Polizist lebt in dieser Welt, aber sie stellt sich für ihn im Vergleich zu seinen Mitbürgern anders dar. Eine Bundeskanzlerin berichtet zur „Lage der Nation“, der Polizist lebt in der Lage – übrigens ähnlich einem Soldaten im Einsatz.

Nur ist ein Polizist immer im Einsatz, beruflich wie privat. Das ist gemeint, wenn sich ein Polizist überall und jederzeit in den Dienst versetzen kann. Er lauert darauf, befindet sich stets auf dem Sprung. Sein Adrenalinspiegel funktioniert anders als der seiner Mitbürger, er ist flexibler.

Nicht jeder eignet sich zum Polizisten. Ich zum Beispiel nicht, jedenfalls nicht dauerhaft. Wenige Monate nach Abschluss meiner Polizeiausbildung quittierte ich den Dienst, weil ich das von wenig feinfühligen Vorgesetzten geduldete Mobbing nicht mehr aushielt.

Ja, es gibt auch Kameradenschweine und trotz seiner Schattenseiten kann ich mir mein Leben ohne die Polizei und meine Kollegen nicht vorstellen. Ich arbeite gerne in der Lehre und gebe mein Bestes in meinem Beruf, bewerte immer kritisch und hoffentlich auch konstruktiv.

Das fehlt mir in vielen Bereichen der Polizei, Fähigkeit zur Selbstkritik statt nutzloser Nabelschau.

Polizisten beurteilen sich auch gegenseitig, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes und nicht selten ziemlich ungerecht. Sie teilen sich und die Wertigkeit ihres Seins in hierarchisch sauber geordnete Laufbahnen auf und charakterisieren ihren Stellenwert im Leben gerne gegenseitig nach der Anzahl und Farbe ihrer Sterne auf den Schultern. Das ist der wahre Grund dafür, dass auch viele Kriminalisten zu besonderen Gelegenheiten gerne ihre Uniform aus dem Schrank holen. Kriminalisten sieht man ihren Dienstgrad nämlich nicht an, ihr Ansehen folgt der Qualität ihrer Arbeit und ihrem Charakter plus ihrer Fähigkeit zur Zusammenarbeit.

Die Mitbürger bräuchten das ganze Einordnen, Beurteilen und Befördern nicht, für sie ist auch ein Polizeidirektor in Uniform ein Wachtmeister, ein Schutzmann eben, praktisch reduziert auf seine wichtigste Aufgabe, seine Mitbürger zu beschützen. Viele Polizisten bräuchten es auch nicht, sagen sie zumindest, in Wahrheit liebäugeln viele von ihnen aber mit einem weiteren Stern oder einer Farbänderung derselben.

Außer den Edeka-Beamten (Edeka = Ende der Karriere, also nicht der größte deutsche Discounter, sondern der objektiv höchstmögliche erreichte Dienstgrad), die sind entweder locker drauf oder zynisch zerknirscht, also entweder lebenszufrieden oder eine Last für ihre Mitbürger, Familien, Freunde. Letzteren Kreis haben die Zerknirschten allerdings kaum.

Viele wurden in ihrer Laufbahn – ihr Leben ist nämlich im Wesentlichen das Absolvieren einer Laufbahn – von menschlich minder begabten Vorgesetzten ungerecht behandelt oder gar schikaniert. Es ist eben schwierig, wenn ein allwissendes Ministerium über allem thront und seine letztgültigen Weisheiten mit Macht bis ins letzte Glied durchdrückt.

Dieses Werteraster färbt ab bis nach ganz unten zum Polizeimeisteranwärter mit Schulterstücken ohne Sterne und Hoffnungsbalken (Polizeikommissarsanwärter haben wenigstens einen silbernen Querbalken auf ihrem Schulterstück, den so genannten „Hoffnungsbalken“, der die Erwartung auf das Verdienen des silbernen Stern mit dem erfolgreichen Studienabschluss ausdrücken soll). Es gibt eben kein allwissendes Ministerium.

Nicht einmal Jahrhundertgenies wie Einstein und Hawking hatten immer Recht und ihre wahre Größe zeigten sie, wenn sie zugaben, kurzzeitig auf dem Holzweg gewesen zu sein. Ein Innenminister kann das nicht und seine von ihm protegierten Polizeipräsidenten erst recht nicht. Die vielen guten Vorgesetzten und Kollegen, die echte Kameraden sind, geben allerdings den Mut und die Kraft, auch in schweren Zeiten durchzuhalten. Davon können besonders Bereitschaftspolizisten ein langes Lied singen …

Freunde unter den Polizeikollegen? Das wäre ein Glücksfall.

Mein Vater hatte in seinem fast vier Jahrzehnte umfassenden Polizistenleben genau zwei, die er mochte, mit denen er sich manchmal traf und oft unterhielt. Jedenfalls brauchen auch Polizisten Freunde, und zwar dringend. Ihr Beruf bringt Situationen mit sich, die nicht allein im Dienst geklärt werden können, die man nach Hause mitnimmt, die einen in den Träumen ungewollt begleiten – Bilder, die man nicht loswird, auch wenn man es will und dringend bräuchte. Eine Gefahr seines Berufes liegt darin, sich von seinem Umfeld abzukapseln, zu vereinsamen, sich sein eigenes Schneckenhaus zu basteln, inklusive Schmollwinkel.

Polizisten meinen vielfach, alles allein schaffen zu können.

Hilfe anzunehmen oder gar Rat ist nicht ihr Ding. Sie wissen und können es besser – von Berufs wegen sozusagen. Es ist fast wie bei Lehrern. Die haben morgens Recht und nachmittags frei. Polizisten haben immer Recht und nie so richtig frei. Das teilt ihre Umwelt in zwei Hälften, in Gut und Böse – nur wenigen gelingt das Wahrnehmen der Zwischentöne, der großen Masse der grauen Übergänge zwischen Schwarz und Weiß.

Dazu brauchen sie dringend geduldige Partner, die sie mit Realitäten konfrontieren, die ausgleichend wirken, die sie lieben, obwohl sie Polizisten sind oder gerade weil sie es sind. Partner wie diese muss man mit der Lupe suchen und mit Liebe festhalten, sie ausreden lassen, ihre Argumente abwägen, ihnen sogar Recht geben, wo sie Recht haben, auch wenn es schwerfällt –.

Gute Freunde braucht ein Polizist ebenso, Freunde außerhalb der Polizeifamilie. Freunde mit einem anderen Blick auf die Welt. Freunde, die auch einem Streit nicht ausweichen, die den Charakter von Polizisten locker aushalten können und sich tatsächlich getrauen, auch einen Polizisten mal unverblümt so richtig auf den Pott zu setzen wie man umgangssprachlich zu sagen pflegt.

Diese Familien, Partner und Freunde wünsche ich meinen Polizeikollegen, lebenslang und treu, humorvoll und mit der Liebe, die eine Polizistenseele für ihr Leben braucht. Meine zahlreichen nichtpolizeilichen Freunde verstehen es jetzt vielleicht ein klein wenig besser, was einen Polizisten umtreibt, was ihn ausmacht. Er ist eben auch nur ein Mensch, ein Mensch in Uniform.

Herzlich grüßt Euch zum Sonntag
Euer
Dieter Müller