Mit den Kollegen auf Streife: Der einsame Tod

9. März 2018 um 19:04 Uhr

Mit den Kollegen auf Streife: Der einsame TodRegelmäßig berichten uns Kollegen über Erlebnisse und Einsätze, die entweder lustig, kurios oder auch traurig sind und sie in unterschiedlicher Art und Weise beschäftigt.

Heute berichtet uns Kollege Don aus Köln über einen eher traurigen Einsatz, über menschliches Schicksal und die Gedanken, die man sich macht, wenn man als Polizist versucht heraus zu finden, wie es dazu kam:

—————-

Der einsame Tod….

Wer “zart besaitet” oder empfindlich ist, liest bitte nicht weiter, denn dies ist eine traurige Geschichte….

Mein Lautsprecher im Helm krächzt: “Don, kannst Du mal in die Straße Nr…. fahren und nach einem Herrn …. schauen, ob es ihm gut geht? Seine Ex-Frau hat hier angerufen, sie hat seit 3 Wochen nichts mehr von ihm gehört. Sie haben eigentlich regelmäßig Kontakt wegen der gemeinsamen Tochter. Aber selbst zum Geburtstag seiner Tochter letzte Woche hat er sich nicht bei ihr gemeldet, was absolut ungewöhnlich sei. Schau mal nach, ob dort alles in Ordnung ist.”

Ein Einsatz wie viele andere. Ich fahre in die Straße…., ich klingel bei Herrn….. niemand öffnet. Ich gehe routinemäßig vor, verschaffe mir Zugang zum Treppenhaus des Mehrfamilienhauses. Der Briefkasten des Herrn wurde länger nicht geleert, er ist voller Post. Die Nachbarn haben ihn länger nicht gesehen. Manche kennen ihn überhaupt nicht, “keine Ahnung” sagen sie.

Ich klopfe an die Wohnungstür, betätige mehrfach die Türklinkel…nichts….

Wieder krächzt mein Funkgerät: “Don, der Herr … hat noch einen Sohn und der hat auch seit einigen Wochen nichts von seinem Vater gehört. Von Erkrankungen ist der Ex-Frau nichts bekannt. Normalerweise meldet er sich regelmäßig bei seinen Kindern.”

Ich rieche an der Tür….nichts….

“OK 11/01, bestell die Feuerwehr zum Öffnen der Bude, da stimmt was nicht”, gebe ich via Funk durch.

5 Minuten später ist die Feuerwehr da. Die Tür ist massiv und diese zu öffnen würde schweren Schaden verursachen. Es gibt einen Innenhof, dort eine Feuerwendeltreppe, diese führt zur im 2. Obergeschoss gelegenen Wohnung. Die Kollegen der Feuerwehr schlagen dort ein Fenster der Wohnung ein, ich höre die Scheibe klirren….

Sie sind drin, öffnen mir die Tür von innen.

Da liegt er….in seinem Bett….tot!

Es ist eine Einraumwohnung und sie sieht…..schlimm aus…..wirklich schlimm. Wir finden seine Geldbörse mit Ausweis.

Der Notarzt wird gerufen, nimmt den Toten in Augenschein, stellt den Totenschein aus, “Todesursache ungeklärt”, so wird das immer gemacht, wenn kein Hausarzt erreicht werden kann, der den natürlichen Tod feststellt.

Die Notärztin drückt mir den Umschlag mit dem Totenschein in die Hand “Tschüß und noch einen schönen Dienst”.

“11/01, bitte informiere die Kollegen vom KK 11
(Todesermittlungen), die sollen sich auf den Weg hier her machen”, gebe ich an die Wache durch.

Nun bin ich alleine in der Wohnung mit dem Toten, der da auf seinem Bett liegt….

Die Wohnung gleicht einer “Messiwohnung”. Es wurde sicher über Jahre dort nicht mehr sauber gemacht. Jeder Schritt, den ich gehe, wird von einem klebrigen Geräusch unter meinen Schuhen begleitet.

In der Küche wurde über Monate nicht gespült, alles ist zugemüllt und mit Dreck/Staub bedeckt. Essensreste und Geschirr liegen teils auf dem Boden verteilt.

Ich stehe neben dem Toten und sehe ihn an. Es ist kalt in der Wohnung, es wurde nicht geheizt. Deswegen ist der Verwesungsprozess nicht weit voran geschritten. Da liegt er…. in einer dunklen Halbjogginghose und einem grauen, verfilzten Pullover….und erzählt mir stumm seine Geschichte:

“Hey Don, es tut mir leid, dass Du mich so sehen musst.
Ich bin am Ende. Mein Leben war eine einzige Katastrophe. Ich habe meine Ehe nicht retten können. Ich habe 2 Kinder von zwei verschiedenen Frauen. Es hat irgendwie nicht geklappt.

Ich habe es nicht geschafft, irgendwie lief alles schief.

Alles ging den Bach runter. Ich habe mich am Ende um nichts mehr gekümmert. Alles war mir egal. Ich war einsam und allein. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich an allem selber Schuld…vielleicht….egal, alles ist jetzt egal….und dann…hat mein Herz plötzlich aufgehört zu schlagen….”

Ich stehe dort ca. 30 Minuten bei dem Toten und “höre” seiner “möglichen Geschichte” zu. Einer Geschichte, wie sie 1000-fach hier und an vielen Orten gleichermaßen geschrieben wird.

In meinen 35 Jahren als Polizist habe ich sie oft gesehen.
Aber seit der Tod mir selbst 2015 und 2016 tief in die Augen blickte, haben diese “Geschichten” eine andere Wirkung auf mich. Sie berühren mich, sie machen mich traurig,

Tief traurig…..

Die Kollegen des KK 11 erscheinen vor Ort, übernehmen die Örtlichkeit und den Sachverhalt.

Ich gehe raus aus der einsamen und kalten Wohnung, durchs Treppenhaus hinaus auf die Straße….die Sonne scheint. Ich setze mich auf mein Polizeikrad und fahre um die Ecke, dann auf die Ringe. Ich stehe im Stau, neben mir sitzt ein junger Mann in seinem 3er BMW, er trägt ein Basecap, das Fenster seines Wagens ist herunter gekurbelt, er hört laut Rapmusik und singt die Strophen mit. Das Leben draußen brodelt, der Frühling naht…

….während in dieser Straße… in diesem Haus das KK 11 seine Arbeit verrichtet und ein einsamer Mensch stumm und still seine “Geschichte” erzählt. Hier und an vielen anderen Stellen der Stadt in irgendwelchen Wohnungen….

So ist das Leben und auch das zählt zum Beruf des Polizisten hinzu. So sitze ich nun hier vor meinem PC und schreibe diese Geschichte zu Ende. Dabei trinke ich eine Dose Jacky mit Cola auf Eis. Das habe ich mir verdient.

Ich bin traurig gerade….aber morgen geht die Sonne wieder auf!

Wir alle (fast alle..) haben diese “Katastrophen” dieses “Scheitern” oder “Stolpern” in unserem Leben. Auch in meinem Leben gibt es das.

Deswegen:

Lebt! Liebt! Lacht! Genießt dieses Leben und macht das BESTE daraus, denn wir haben nur dieses eine Leben!

Don

—————-

Diese und weitere Geschichten könnt ihr auch auf Dons Seite Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders. nachlesen.

Lieber Don,

mir ging es auch hin und wieder so. Es musste kein Suizid sein, es musste kein junger oder alter Mensch sein. Hin und wieder, wenn ich dem Tod begegnet bin, ging es mir nahe; überlegte genauso wie du, was mir dieser Mensch für eine Geschichte erzählt hätte, wenn er noch könnte. Und ich wusste nicht, warum…

Genieß das Jacky-Cola. Hast du dir verdient, zumal du ganz alleine dort in der Wohnung warten musstet. Cheers.

MV