Tätlicher Angriff im Dienst: Wenn das Trauma schlimmer ist als die körperlichen Verletzungen

5. April 2018 um 21:31 Uhr

“Du stehst als Polizist für das Recht und die Gerechtigkeit, leistest deinen Dienst für ein möglichst konfliktfreies Miteinander in unserer Gesellschaft – und erfährst plötzlich selbst Gewalt. Damit musst du erst mal klar kommen”, sagt der 35-jährige Polizist Florian Tilsner vom 1. Revier in Darmstadt (Hessen). Er weiß, wovon er redet.

Er ist aus voller Überzeugung Polizist geworden, dabei hat er einen völlig anderen Weg als seine Eltern eingeschlagen. Der Dienst an der Allgemeinheit ist ihm allerdings in die Wiege gelegt worden. Sein Vater ist Flugrettungspilot, seine Mutter Krankenschwester.

Florian weiß aus Erfahrung, dass die Gewalt im Dienst zugenommen hat. Pöbeleien, Beleidigungen, tätliche Angriffe gehören mittlerweile zum Polizeiberuf dazu. Doch ein Ereignis wird er vermutlich nie vergessen können. Es war zunächst ein Routineeinsatz (wie so oft), Streitigkeiten in einer Kneipe. Vielleicht braucht es beruhigende Worte, die Streihähne müssen getrennt werden, Deeskalation ist die Strategie.

Doch dann kam alles anders. Einer der Gäste pöbelt die anderen Gäste an, dann geht sein Begleiter plötzlich auf die Polizisten los. Beim tätlichen Angriff geht Florian zu Boden, aber hier hört die Attacke nicht auf. Nun setzt es Schläge und Tritte gegen seinen Kopf.

Verstärkung wird gerufen und als die eintrifft, wird es zunächst nicht besser. Die Stimmung ist aggressiv geladen. Die anderen Gäste in der Kneipe kommen den Polizisten nicht zu Hilfe, ganz im Gegenteil feuern sie die Gewalttäter sogar noch an. Die Situation konnte zwar letztendlich bereinigt werden, doch Florian war verletzt, kam in ein Krankenhaus.

Florian trug eine schwere Gehirnerschütterung davon und eine Wirbelsäulenverletzung. Eine Woche war er nicht dienstfähig. Doch die Verletzungen heilten, zumindest die körperlichen. Was Florian mehr belastete war die Psyche. Zwar wurde ihm Hilfe vom zentralpsychologischen Dienst der Polizei Hessen angeboten, doch die lehnte er ab.

“Ich habe mich selbst um psychologische Hilfe gekümmert und viel mit Freunden und meiner Familie gesprochen. Ich wollte diesen Abstand, ich brauchte die Reflexion jenseits der Polizeistrukturen”, erzählt Florian. Das Trauma betrifft schließlich nicht (nur) den Polizisten, sondern (auch) den Privatmensch Florian Tilsner.

Zwar werden Polizisten ebenso wie Rettungskräfte durch Schulungen, Trainings und Präventionsarbeit auf solche Einsätze vorbereitet. Damit könne man schon einiges abfangen, doch eben nicht alles. Eine immer weiter sinkende Hemmschwelle davor, Polizisten und Rettungskräfte anzugreifen, sowie der fehlende Respekt, sei ein gesamtgesellschaftliches, “ein nicht zu erklärendes Phänomen in einer sich wandelnden Welt”, erklärt Polizeisprecher Bernd Hochstädter.

Kollege Florian ist der Meinung, dass es auf die Art und Weise ankommt, “wie man als Mensch unter Menschen miteinander umgeht”. Letztlich, so Florian, fange Respekt im Privaten an:

“In der Familie, in der Schule, im Beruf. Wir dürfen nicht nachlassen, uns dem zu stellen und uns den Respekt voreinander zu bewahren.”

Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir zu diesem Vorfall noch die Wortmeldung einer Kollegin veröffentlichen.