Die Frau des Polizisten (von Volker Sebold)

13. Mai 2018 um 21:50 Uhr

Die Frau des Polizisten (von Volker Sebold)Wie ihr sicher bemerkt habt, haben wir den heutigen Tag von und mit unseren Kolleginnen gestaltet. Zum Abschluss des Muttertags möchten wir die folgende Geschichte von Volker Sebold (via Polizei-Poeten) erzählen. Denn hinter jedem Polizisten steht auch eine starke Partnerin, die oft auch Mutter ist:

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Die Frau des Polizisten wacht auf.

Ihr Traum gebar unruhige Bilder. Sie wälzt sich aus dem Bett und geht hinüber ins Kinderzimmer. Die Jungs schlafen tief und fest. Ihre Hand streicht zärtlich über die Wangen. Im Bad tröpfelt sie sich ein wenig Wasser ins Gesicht. Die Falten, die ihr der Spiegel zeigt, verraten, dass sie bald vierzig wird.
Es ist drei Uhr in der Nacht.

Sie schlüpft in den Frottebademantel, den sie zu Weihnachten geschenkt bekam. Auf leisen Sohlen tappt sie die Stufen hinab. Ihre Füße gleiten in ein Paar Slipper. Sie nimmt den Autoschlüssel für den Twingo vom Magnethalter und fährt in die Dunkelheit.

Hinter der Steinburg parkt sie und schlurft langsamen Schrittes in den Pavillon, der ihr den Blick auf die lichtüberflutete Stadt frei gibt. Sie schaut in die Leere des Nachthimmels und raucht.

Unter ihr, in der Stadt, fährt ihr Mann gerade Streife.

Er ist schweigsam geworden, seit die Sache mit dem Kollegen passierte. Hatte ihm nicht beistehen können, als der Fixer das Messer zog und zustach.
Seit dem schläft ihr Mann schlecht, wacht schweißgebadet auf, seinen Albtraum ausatmend.
Auch sie schläft schlechter.
Wissend, es hätte auch ihren Mann treffen können.

Wenn er ihre Hand ein bisschen zu fest drückt, spürt sie, dass ihm etwas weh tut. Doch er spricht nicht darüber. Das tut ihr sehr weh.

Sie heirateten jung. Die Eltern warnten sie, Polizistenehen halten nicht lange. Der Schichtdienst. Die Launen.
Doch sie arrangierten sich. Schön, sich die Zeit einzuteilen, wenn der Mann zeitversetzt arbeitet. Zeit für die Kinder. Zeit für sich.

Sie sind an den Stadtrand gezogen. Der Kinder und der Ruhe wegen. Klar, sie knabbern am Abbezahlen des Hauses. Aber es ist ihr Nest. Manche nennen es spießig, mit der akkurat geschnittenen Hecke und der gepflasterten Einfahrt.

Zuhause erzählt ihr Mann kaum etwas von seiner Arbeit.
Wenn Kollegen zu Besuch kommen, ziehen sie sich zurück und fachsimpeln oder tauschen Anektoden aus.

An die Abende, an denen sie alleine ins Kino geht oder Geburtstagsfeiern besucht, hat sie sich gewöhnt, auch wenn es ihr immer noch schwer fällt. Sie hofft, dass er bald in den Tagdienst kommt, um ihn regelmäßiger bei sich zu haben.
Die Geburt des Zweiten erlebte er nicht mit, da sich gerade ein Mensch erhängt hatte. Das Leben ist schon sehr zynisch, manchmal.

Als die Sache mit dem Kollegen passiert war, fuhren sie an die See. Die Weite des Meeres nahm ihnen ein wenig die Schwere.

Sie wünscht, dass die Kinder einen anderen Beruf wählen, obwohl die Jungs sehr stolz auf ihren Papa sind.

Ihre Augen folgen der großen, vierspurigen Strasse, die in die Stadt führt, bohrend, eine Wunde aufbrechend.
Hier vermutet sie ihren Mann, wie er gerade am Funk den nächsten Einsatz entgegen nimmt.

Angst.

Ja, sie hat Angst. Dass sie alleine dasteht, mit den Kindern und nicht weiß, wie es weiter geht. Die Angst ist immer da. Wenn sie ein Martinshorn hört, ist die Angst greifbar. Angst ist ihr ständiger Begleiter.

Die Frau des Polizisten erinnert sich an die Geste der Kollegenwitwe, die zärtlich den Sarg streichelte, bevor er in die Erde gesenkt wurde. In jenem Augenblick wusste sie, dass man mehr Liebe kaum geben kann.

Ihr Leben besteht aus Hoffen. Hoffen, dass er heim kommt.
Wieder, und immer wieder.

Sie seufzt.
Tritt die Zigarette aus.
Geht zum Wagen.
Fährt heim.

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Danke an die Frauen und Männer, die hinter uns Polizisten/innen stehen, das alles mit uns aushalten und uns den Rücken freihalten! DANKE!