„Die Polizei – Dein Freund und Helfer“ oder „Wo ist denn nur der Wachtmeister geblieben?“

8. Mai 2018 um 22:15 Uhr

„Die Polizei – Dein Freund und Helfer“ oder „Wo ist denn nur der Wachtmeister geblieben?“

Bild mit freundlicher Genehmigung von alex J. Photography (bitte auf das Bild klicken).

Die folgenden interessanten Gedanken von Dieter Müller möchten wir als Gastbeitrag an alle weiter geben:

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“Mit diesem – wahrscheinlich auf den sozialdemokratischen Innenminister der Weimarer Republik Carl Severing zurückgehenden – Zitat warb die Polizei um Verständnis für Ihre Aufgaben. Heute ist das Zitat zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten, auch in Polizeikreisen. Dabei beschreibt es doch so ziemlich genau das, was die meisten Bürger von polizeilichem Handeln erhoffen und erwarten.

Für viele ältere Bürger ist der Polizist, der ihnen auf der Straße begegnet, noch immer der „Herr Wachtmeister“– auch so eine Reminiszenz an frühere Zeiten; denn diesen Dienstgrad gibt es in der Polizei schon lange nicht mehr. Es war ein Dienstgrad des einfachen Dienstes, zu dem ich in der ersten Maiwoche des Jahres 1978, also genau vor 40 Jahren, gemeinsam mit meinen 49 Lehrgangskollegen im niedersächsischen Hannoversch Münden, der Stadt des Zusammenflusses von Werra und Fulda zur Weser, ernannt wurde.

In der ostdeutschen Volkspolizei, übrigens nicht die schlechteste Bezeichnung für eine Polizei, gab es diesen Dienstgrad sogar noch bis 1990. Warum die Bürger jeden Polizisten in Uniform immer mit dem untersten Dienstgrad angesprochen haben, ist unklar, mag aber damit zu tun haben, dass die Bürger sich im System der Dienstgrade und Laufbahnen nicht auskennen. Es ist jedoch nicht das schlechteste, einen Polizisten durch diese Ansprache daran zu erinnern, dass er in der Polizei mit dem untersten Dienstgrad seiner ersten und vielfach einzigen Laufbahn begonnen hat.

Diese Einschränkung galt übrigens nie für die Kriminalpolizei; denn Kriminalpolizisten sind nicht an ihrer Uniform erkennbar, sondern nur durch ihre Tätigkeit und natürlich durch ihre Dienstmarke. Sie waren schon immer die Kommissare oder in Bayern die Inspektoren. Aber auch sie sind Polizisten mit Leib und Seele. Wenn sie ihre Mitbürger auch nicht mehr vor der bereits begangenen Straftat schützen können, die sie gerade aufklären, so wollen sie doch zumindest die Straftäter dingfest machen, damit von ihnen keine weiteren Gefahren ausgehen.

Tatsächlich passt dieses Motto auch heute noch bestens für die Arbeit der Polizei; denn die mehr als 250.000 Polizisten in Uniform und Zivil müssen zuerst die Menschen in unserem Land beschützen. Polizisten sollen Gefahren für ihre Mitbürger abwehren, wenn möglich dafür wirken, dass diese gar nicht erst entstehen. Wenn Gefahren wie Verkehrsunfälle, Raub und Diebstahl, Brände und andere persönliche Katastrophen dann doch eintreten, müssen Polizeibeamte, natürlich sehr oft gemeinsam mit ihren Kollegen aus der Feuerwehr und dem Rettungsdienst, dafür sorgen, dass möglichst keine oder nur geringe Schäden für Menschen entstehen und verletzten Menschen schnell geholfen wird.

Aber verstehen sich Polizisten heute noch selbst als Freunde und Helfer?

Sie würden es sicher gerne, weil sie es von der Pike auf gelernt haben, sich für die Sicherheit ihrer Mitbürger einzusetzen. Wo Polizisten heute noch für die Bürger sichtbar sind, zumeist leider nur in Streifenwagen und nur noch sehr selten als Streifenpolizisten zu Fuß oder mit dem Fahrrad, erwarten die Menschen nämlich wie selbstverständlich von ihnen, dass sie für unsere Rechtsordnung persönlich einstehen.

Klar, es gibt auch Mitbürger, die die Polizeibeamten ungern sehen, weil sie z. B. nicht bei kleinen und großen Gesetzesverstößen entdeckt werden wollen, aber diese Menschen sind in unserem Land nach meinem Eindruck noch in der Minderheit. Die Polizei hat als Organisation in der Gesellschaft noch einen guten Ruf, den sie nicht verlieren möchte und auch nicht sollte.

Aber wie sieht die Realität aus?

Es gibt sie zwar noch, die Bürgerpolizisten in Uniform, die als Ansprechpartner für die großen und kleinen Sorgen der Bürger zur Verfügung stehen, aber man sieht sie seltener. Die Streifenpolizisten in den Großstädten hasten heutzutage mit ihrem Streifenwagen nur noch von Auftrag zu Auftrag und haben nur selten die Zeit, einfach nur einmal mit offenen Augen Streife durch „ihr Revier“ zu fahren. Dabei ist genau dies ihr Auftrag, in ihrem Revier zu schauen und darauf zu achten, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht. Doch dafür fehlt zumeist die Zeit –.

Der Streifendienst ist die Ursprungsform des Polizeidienstes. Wachsam sein, eben wie ein Wachtmeister. Aus dem Wachtmeister wurde bundeseiteinheitlich der Meister und auch dieser Dienstgrad ist in vielen Bundesländern bereits einer der zahlreichen Dienstrechtsreformen der letzten Jahrzehnte zum Opfer gefallen. Dort gibt es als untersten Dienstgrad nur noch den Polizeikommissarsanwärter. Nomen est Omen.

Es gibt keine Indianer mehr, sondern nur noch Häuptlinge. Irgendwann war es für die obersten Polizisten nicht mehr schick, nur noch Wachtmeister zu sein, man strebte nach höherem. Ob man dieses Ziel damit erreicht hat? Die Polizei will immer moderner werden. Das soll sie auch, wenn es um die beruflichen Inhalte geht, aber vielfach wäre es hilfreicher, wenn sie sich an ihre Wurzeln erinnern würde.

Ein Wort noch zu den Aufträgen. Polizisten werden inzwischen von vielen ihrer Mitbürger in eine Ecke gesteckt, in die sie nicht gehören. Wenn sie – hochgerüstet mit Schutzausstattung, Helm und Schild – in Hundertschaften bei Demonstrationen auftreten, entsteht oft ein anderes Bild von Polizei. Dabei ist doch gerade diese Tätigkeit aktiver Grundrechtsschutz, der aber nicht mehr als solcher wahrgenommen wird. Jeder von uns kennt diese Bilder. Flaschen und Steine werfende Demonstranten und mit dem Schlagstock prügelnde Polizisten. Polizisten wollen dies nicht.

Sie wollen auch keine angetrunkenen sogenannten Fußballfans vom Bahnhof durch die Innenstädte bis zum Stadion und zurück begleiten. Erst recht wollen sie keinen Geleitschutz für Atommülltransporte abgeben. Und schon gar nicht wollen sie in manchen Stadtvierteln in Hundertschaftsstärke auftreten müssen, um einen einfachen Vollstreckungshaftbefehl durchzusetzen, ohne selbst zum Opfer einer hemmungslosen und respektlosen Meute mit Migrationshintergrund zu werden.

Leider können sich Polizisten vor diesen Aufträgen nicht wehren. Die Ursachen für diese unerwünschten, aber doch energisch abgearbeiteten Einsätze liegen in einer oft verfehlten Politik und einer sich wandelnden und verwandelten Gesellschaft, die komplexer und vielfach undurchschaubarer geworden ist. Multi-Kulti müsste kein Problem sein, sondern wird es nur, wenn Grenzen nicht mehr respektiert werden und Grenzüberschreitungen alltäglich sind.

Es müsste der berühmte Ruck durch die Gesellschaft gehen, einer Gesellschaft, die aber seit Jahrzehnten unermüdlich dabei ist, ihre inneren Strukturen aufzulösen und dabei ihren Halt zu verlieren. Wie schön wäre es doch, wenn Polizisten als Wachtmeister wieder einfach nur die Freunde und Helfer ihrer Mitbürger sein dürften …

Euer
Dieter Müller”