Aus dem Seelenleben eines Polizisten: Als ich im Dienst schwer verletzt wurde

16. Juni 2018 um 18:38 Uhr

Aus dem Seelenleben eines Polizisten: Als ich im Dienst schwer verletzt wurde

“Liebes Team von Polizist=Mensch,

Ihr habt mit eurer Seite etwas geschaffen was es so nicht gibt. Ihr gebt den Kollegen die Möglichkeit ihre eigene Sicht der Dinge zu erzählen. Es tun nur viel zu wenige. Ihr seid zu unserem Sprachrohr geworden.

Ich verfolge euren Blog, da ich selbst weder Twitter noch Facebook habe und dies auch so beibehalten will. Diese sozialen Netzwerke sind Segen und Fluch gleichzeitig. Segen sind Seiten wie eure… Fluch dagegen, naja, ich glaube ihr wisst was ich meine. Vielen Dank dafür!

Naja, nun zu meinem eigentlichen Thema…

Ich bin Polizist und dies mit Leib und Seele, meine zweite große Liebe nach meiner Frau.

Wenn ich heute oft Berichte von Messerangriffen, Angriffe allgemein lese, dann kommt oft unweigerlich ein Einsatz bei mir wieder hoch.

Der Tag, damals vor über 15 Jahren, fing schon komisch an. Die Nacht zuvor schlecht geschlafen, aufgestanden schon mit einem komischen Gefühl im Bauch.

Normalerweise gebe ich meiner Frau an der Tür einen Kuss und ab geht’s in den Dienst. Dies war an diesem Morgen schon anders. Ich umarmte sie und sagte ihr das ich sie über alles Liebe und das sie der großartigste Mensch ist. Ohne ihren Rückhalt und ihre Liebe wäre ich nicht ich.

Nachdem ich dann gegangen war und auf der Wache ankam merkte ich auch hier, dass irgendwas anders war. Ich wusste nicht was, aber mein Bauch sagte mir, dass dies kein guter Tag wird. Das hatte ich so noch nie in meinem Leben.

Dann kam auch schon der Einsatzbefehl… Unterstützung eines Gerichtsvollziehers bei der Räumung einer Wohnung. Wie ich solche Einsätze hasse, aber sie müssen gemacht werden.

Am Einsatzort angekommen merkten wir schnell, dass dies kein leichtes Unterfangen wird. Wir klingelten und gaben uns als Polizisten zu erkennen. Doch niemand öffnete. Geräusche drangen aber aus der Wohnung. So entschlossen wir uns die Tür nun öffnen zu lassen.

Wir gingen rein, die Waffe in der Hand. Wir wussten nicht was auf uns zukommt. Wir schauten in den unteren Räumen nach, doch dort war kein Mensch. Ich ging zur Treppe und schaute vorsichtig nach oben. Niemand war zu sehen. Immer noch die Waffe im Anschlag. Ich stieg langsam die Treppe hoch und da war er plötzlich, dieser Knall… Schmerzen durchdringen meinen Kopf. Ich merkte noch wie ich die Treppe hinunter fiel und dann… nichts mehr.

Nach zwei Wochen Koma, in das ich nach der OP versetzt wurde, wurde ich wach. Die Augen geöffnet, sah meine weinende Frau, meine Kollegen denen die Tränen in den Augen standen.

Der Täter hatte durch die einen Spalt geöffnete Tür direkt das Feuer eröffnet und mich getroffen. Gott sei Dank war der Treffer nicht mitten ins Hirn…

Nach ein paar Tagen ging es mir schon viel besser und ich konnte wenigstens mal das Bett verlassen. Wisst ihr was mir für ein Felsbrocken vom Herzen gefallen ist, dass ich keine Ausfälle hatte?! Ich konnte laufen, ich konnte denken, ich konnte meine Arme bewegen.. Ich konnte alles.

Ich weiß, dass ich verdammt viel Glück hatte.

Die körperlichen Beschwerden waren nach einiger Zeit weg. Aber psychisch hatte ich danach länger zu kämpfen. Professionelle Hilfe wurde nicht einfach so gestellt. Man musste sich selbst darum kümmern. Dies hat sich heute verändert.

Nur mit der Liebe meiner Frau und Kollegen, die zuhörten, habe ich es geschafft. Aber die Bilder lassen mich auch heute noch nicht so ganz los. Sie sind nicht permanent da, aber immer wieder. Aber dies ist auch gut so… Sie lassen mich noch vorsichtiger in Einsätze gehen.

Auch dies erzähle ich heute meinen Schützlingen, die ich als Mentor bekomme. Jeder Einsatz kann unser letzter sein, dies muss uns bewusst sein. Man darf aber nicht mit Angst da raus gehen, sondern mit Respekt.

Auch wenn man Angst hat ist dies nicht schlimm, sie darf einen nur nicht lähmen. Sie muss uns hellwach machen.”

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, er möchte jedoch anonym bleiben.