Gedanken der Frau eines Berliner Polizisten: Ich denke an die Kollegen meines Mannes, sehe das Video und muss sofort weinen

4. Juni 2018 um 21:06 Uhr

Gedanken der Frau eines Berliner Polizisten: Ich denke an die Kollegen meines Mannes, sehe das Video und muss sofort weinenGestern Nachmittag kam es im Berliner Dom zu einem Vorfall, bei dem ein Polizist seine Schusswaffe gegen einen Angreifer mit einem Messer einsetzen musste. Hierbei wurde nicht nur der Angreifer verletzt, sondern auch der eigene Kollege des Schützen.

Was solche gefährlichen Einsätze mit den eigenen (nicht dort eingesetzten) Kollegen, aber auch deren Angehörigen, anstellen, davon berichtet uns die Frau eines Berliner Polizisten:

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“Mein Mann hat heute frei.
Kino. Ja, das wär doch mal was.
Um 16:29 Uhr fuhr unser Bus.

16:11 Uhr erhält mein Mann die Nachricht, dass ein Kollege vom Abschnitt 32 angeschossen wurde.

Fassungslosigkeit. Grundsätzlich hat diese bei meinem Mann eine andere “Qualität” als bei mir, geht es doch um einen Kollegen.

Die Lust, ins Kino zu gehen war im Keller, losgegangen sind wir trotzdem, da wir nichts genaues wussten. Mein Mann hält “Kontakt”. Ist in Abständen informiert. Im Kino bleibt das Handy aus. Trotzdem versucht mein Mann sich nichts anmerken zu lassen.

Ich merke, wie diese Situation über ihm schwelt. Ich frage nur kurz, ob es Neuigkeiten gibt. Der Film ist zu Ende. Wir gehen noch ein Bier trinken.

Peter sitzt am Handy. In einer solchen Situation normal.
Nach ein paar Minuten zeigt er mir ein Video auf seinem Handy.

Ich sehe zwei Kollegen meines Mannes, dazwischen einen Mann (der ein Messer in der Hand hält), der erst auf den einen Kollegen zurennt….um dann die Richtung zu wechseln und auf den Kollegen, der auf ihn schießen wird, zuspringt.
Mein Brustkorb wird eng.

Ich muss mich zusammenreißen und versuche, normal zu denken und zu atmen.

Tränen laufen. Von jetzt auf Gleich.

Kollegen, die in einer Situation waren, die sich niemand jemals vorstellen kann. Ich auch nicht.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie dieser Einsatz “zerrissen” und falsch interpretiert wird, vor allem von Gutmenschen, Besserwissern und selbsternannten Alltags(Maul)helden, die sich in einer solchen Situation, die Hose vollkoten würden.

Ich denke an diese beiden Kollegen meines Mannes. Wieder weine ich.

Denn, was psychisch “danach” kommt, tragen diese beiden Männer allein mit sich herum, versuchen es mit sich selbst auszumachen, auch wenn sie noch so viel Unterstützung erhalten. NIEMAND wird ihnen das abnehmen können. Der aufkommende Druck durch die Medien, die Selbstvorwürfe.

Das Leben ändert sich von jetzt auf sofort.

Das Erlebte erfassen, greifbar machen zu können, kommt einer hochkomplizierten Kunst gleich.

Ich sehe meinen Mann an und sage ihm: “Ich bin so froh, dass Du vor mir sitzt, dass Du nicht Zuhause liegst, regungslos, hilflos und auf mich angewiesen, was Du schrecklich finden würdest…. Das Du klar und deutlich sprechen kannst. Mit mir. Und Deiner Tochter.. unserer Family. Das Du gesund bist”.

Wer uns nahe steht, weiß, weshalb ich das schreibe.
Ich bin “nur” die Frau eines Polizisten. So wie viele “nur” Partner ihrer Frau oder ihres Mannes sind, die täglich ihr Leben einsetzen, um andere zu schützen.

Trotzdem habe ich so oft erfahren dürfen, dass ich dazu gehöre. Zur Polizeifamilie. Vorgesetzte meines Mannes und seine Kollegen, die, was immer auch passiert, auch für mich da sind.

Es tut gut, das zu wissen.

Ich verneige mich. Vor den beiden Kollegen meines Mannes, die sich heute in einer hochgefährlichen, lebensbedrohlichen Situationen befunden haben, für Ihren Einsatz mit Leib und Leben.

Ich denke, dass es niemand wagen sollte, diesen Einsatz auch nur annähernd zu kritisieren. Hinterher ist jeder schlauer, nicht wahr? Jeder hätte es anders und besser gemacht.

Wäre. Hätte. Könnte.
Wirklich?!

Und jetzt bitte ich alle jene, die der Meinung sind, es besser zu wissen und zu können, noch einmal nachzudenken und in sich, ganz tief, hineinzulauschen….”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, zum Schutz ihrer Familie möchte sie jedoch anonym bleiben.

Wir schließen uns den Wünschen der Autorin an und hoffen, dass die beiden Kollegen körperlich und seelisch den Vorfall bald verkraften können!