Mit den Kollegen auf Streife: Ein Suizidversuch der eine Familie vereint

9. Juni 2018 um 20:04 Uhr

Mit den Kollegen auf Streife: Ein Suizidversuch der eine Familie vereint

“Der Einsatz zu dem wir gerufen wurden, liegt nun einige Zeit zurück. Die Einsatzzentrale, irgendwo in einer Großstadt im Westen Deutschlands, meldete uns eine ältere Dame die bewusstlos in ihrer Wohnung liegen würde. Die Nachbarin sah die ältere Frau durch die verschlossene Terrassentür und rief uns zu Hilfe.

Die Feuerwehr, der Rettungsdienst und auch wir waren von den Kollegen der Leitstelle informiert worden. Wir machten uns sofort auf den Weg. Am Einsatzort kamen wir fast gleichzeitig mit den anderen Einsatzkräften an.

Die Kameraden der Feuerwehr öffneten die Tür. Mein Kollege und ich sind zuerst in die Wohnung, da wir nicht wussten was uns dort erwartet. Als wir alle Räume gesichert hatten, riefen wir die Kameraden der Rettung herein.

Sofort kümmerten sie sich um die ältere Dame. Puls und Atmung waren zwar schwach, aber die Jungs leisteten hervorragende Arbeit und so konnte die Frau stabil ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Wir fuhren am nächsten Tag zu der Dame um nach ihr zu schauen und weil das Krankenhaus uns mitgeteilt hatte, dass die 76-Jährige eine Überdosis ihrer starken Schmerztabletten intus hatte. Im Krankenzimmer angekommen saß vor uns eine Frau, schwach, ausgemergelt und sie weinte.

Wir traten an ihr Bett und fragten wie es ihr ginge und warum sie denn weine. Ich setzte mich zu ihr aufs Bett und nahm ihre Hand, ich wollte Vertrauen schaffen mit dieser kleinen Geste.

Sie weinte immer heftiger und plötzlich brach es aus ihr heraus…

Ihre Kinder lebten beide irgendwo im Osten Deutschlands. Zu weit weg für sie. Sie vermisste ihre Kinder und auch die Enkelkinder. Sie erzählte uns, dass die beiden nur noch ein oder zwei Mal im Jahr vorbeikommen würden und das sie diesen Zustand nicht mehr ertragen konnte. Aber sie wollten auch ihren Kindern nichts davon erzählen.

Wir sagten ihr, dass sie das doch ihren Kindern erzählen könne, dass sie doch ihre Mutter sei und dies das wissen sollten, wie einsam sie sich fühle. Sie erzählte weiter und dass sie ihren Kindern nicht zur Last fallen wollte und aus diesem Grund den Weg des Suizid für sich gewählt hatte.

Mein Kollege schaute mich an und gab mir mit einem Blick zu verstehen, dass er einen Plan hatte. Ich nickte nur und hielt weiter die Hand der Dame. Es dauerte eine Weile, dann kam mein Partner zurück und nickte nur. Ich wusste sofort was er gemacht hatte.

Nicht mal 24 Stunden später erschien eine Frau und ein Mann mittleren Alters bei uns auf der Wache. Sie verlangten explizit nach uns. Wir unterhielten uns eine knappe Stunde mit den beiden.

Es waren die Kinder der älteren Dame, die mein Kollege aus dem Krankenhaus heraus angerufen hatte und denen er von der Situation berichtet hatte. Sie waren beide nervös aber auch erleichtert. Sie hatten im Stress mit ihrer Firma und vor der eigenen Familie die Mutter vergessen und man sah ihnen an, dass sie ein schlechtes Gewissen hatten. Sie waren auch traurig darüber, dass ihre Mutter diesen Weg wählen wollte und dies nur weil sie sich einsam fühlte.

Die Erleichterung darüber, dass der Suizid nicht geklappt hatte, war beiden ins Gesicht geschrieben und sie versprachen uns die Mutter mitzunehmen und nicht alleine und sich selbst überlassen zurück zu lassen – damit sie nicht mehr einsam ist und ihre Familie täglich besuchen kann.

Auch wir waren erleichtert über diesen Ausgang.

Was wir damit sagen wollen, kümmert euch um eure Familie. Irgendwann ist es zu spät und ihr werdet es ein Leben lang bereuen.

Mir ging dieser Einsatz sehr nahe, denn kurz zuvor war meine eigene Mutter gestorben. Ich bin aber auch überglücklich über den Ausgang. Es tut gut, dass wir hier helfen konnten.”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, möchte aber anonym bleiben.