Sender in der Mitverantwortung? Zuschauer begehen nach TV-Beitrag Selbstjustiz

16. Juni 2018 um 15:55 Uhr

Sender in der Mitverantwortung? Zuschauer begehen nach TV-Beitrag SelbstjustizNach einem Fernsehbeitrag um die Mittagszeit glaubten mehrere Männer das Recht in die eigene Hand nehmen zu müssen und schlugen einen 50-Jährigen in Bremen derart zusammen, dass dieser lebensgefährliche Verletzungen davon trug.

Ein TV-Sender – wie mittlerweile bekannt, war es während der Sendung Punkt 12 auf RTL – hatte am Dienstag darüber berichtet, wie Reporter über das Internet zu vermeintlichen Pädophilen Kontakt aufnehmen. Hierbei gab man sich als eine 13-Jährige aus und verabredete sich zu einem Treffen mit einem Mann in Bremen. Am Treffpunkt wurde ein Mann gefilmt, der sich nach Auffassung der Reporter verdächtig verhielt.

Noch während die Sendung lief meinten mehreren Personen im Bremer Norden die gezeigte Örtlichkeit wiedererkannt zu haben. Die Männer verabredeten sich an besagter Anschrift, wo zufällig ein Mann im selben Alter des gezeigten vermeintlich Pädophilen (der im Beitrag unkenntlich gemacht wurde) lebt und diesen schlugen die Männer derart zusammen, dass der 50-Jährige lebensgefährliche Verletzungen davon trug.

Gegen die Angreifer wurde ein Verfahren wegen eines versuchten Tötungsdeliktes eingeleitet.

Noch am selben Tag meldete sich der von den Reportern als auffällig gefilmte Mann bei der Polizei. Wie die Ermittlungen zeigen, hat dieser Mann nichts mit Pädophilie zu tun. Gleiches gilt für den lebensgefährlich verletzten Mann, der ebenfalls kein Pädophiler ist.

Zwei Tage nach der Tat meldete sich zudem ein Tatverdächtiger bei der Polizei und gab zu, an der Selbstjustiz beteiligt zu sein.

Wie die Staatsanwaltschaft Bremen mitteilt, wurde ein Vorermittlungsverfahren gegen den Sender RTL, der den Beitrag ausgestrahlt hatte, eingeleitet. Was dem Sender vorgeworfen werden könnte, erkläre Behördensprecher Frank Passade nicht, denn dazu dienen die Vorermittlungen.

RTL hingegen hat bereits jegliche Verantwortung von sich gewiesen und der Polizei ihr Filmmaterial zur Verfügung gestellt.

Dieser Vorfall zeigt drei Dinge sehr deutlich:

  1. Gefährliches Halbwissen, in diesem Fall auch Nichtwissen, führt zu fatalen Fehlentscheidungen, unter denen andere leiden müssen. Und dies geschieht täglich, insbesondere wenn jemand im Internet etwas gesehen oder gelesen hat und meint sich damit eine Meinung erlauben zu können, ohne umfassende (oder zutreffende) Informationen erhalten zu haben.
  2. Medien, aber auch andere Plattformen, die Informationen verbreiten, haben einen Verantwortung ihren Konsumenten gegenüber, die diese Informationen erhalten und daraus Schlüsse ziehen. Wenn – wie in diesem Fall – die Informationen falsch sind, oder einfach nur ein vager Verdacht, dann muss dies auch so mitgeteilt werden und nicht zum Wohle der Reichweite unkommentiert womöglich als Tatsache dargestellt werden.
  3. Selbstjustiz ist aus gutem Grund verboten.

Wir wünschen dem verletzten 50-Jährigen eine möglichst vollständige Genesung und dass sämtliche Täter zur Verantwortung gezogen werden können – und zwar von Polizei und Justiz, die genau dafür da sind.