Leserbrief an gescheiterte Polizeibewerber

4. Juli 2018 um 20:33 Uhr

Leserbrief an gescheiterte Polizeibewerber

“Liebes Polizist=Mensch Team,

ich verfolge euch schon seit einiger Zeit. Es gibt einige Beiträge die ich euch habe zukommen lassen, doch diesen widme ich ganz besonders den Polizeischülern, die es nicht geschafft haben… oder an Bewerber, die nicht genommen werden, aufgrund von einer Mindestgröße oder einem anderen Ausschlusskriterium.

Gibt nicht auf! Wege entstehen, indem man sie geht..also baut euch neue Wege auf!

Nun erzähle ich euch eine Geschichte, wie es bei mir war und ich hoffe, dass ich euch etwas Mut machen kann, dass ihr euch andere Perspektiven sucht.

Wenn man in einer Familie voller Hass, Gewalt, Missbrauch und Kriminalität aufwächst, ist die Zukunft für das Kind vorbestimmt. In den meisten Fällen wird man genauso, wie die Menschen, die das einem vorgelebt haben.

Meine Eltern waren damals selbst noch Kinder, als sie mich bekommen haben (leibliche Mutter 14 + leiblicher Vater 16). Man hat sich dafür entschieden, dass ich bei meinen Urgroßeltern aufwachsen kann. Das war wohl Glück im Unglück. Meine Urgroßeltern haben mich aufgezogen mit allem was ein Kind benötigt…Liebe, Zuneigung, Geborgenheit, Respekt und viel Verständnis… jedoch hat das ganze drumherum nicht gestimmt…der Rest der Familie.

Als ich 9 Jahre alt war, verstarb mein leiblicher Vater bei einem Motorradunfall, ich distanzierte mich von Freunden, Bekannten und meiner Familie. Ich nahm in kürzester Zeit 50 kg zu und wurde zum Mobbingopfer der gesamten Schule.

Jeder weiß wie es ist, wenn man dazu gehören möchte… und einige wissen wie es ist, nicht dazu zu gehören… und genau so ein Mädchen war ich. Von klein auf war mein Leben ein Kampf.

Mein leiblicher Vater war nun tot… ich nahm 50 kg zu… wurde zum Opfer der Schule…und hatte eine leibliche Mutter die 4 weitere Kinder in die Welt gesetzt hatte. Eine leibliche Mutter, die sich weder um uns kümmerte, noch sich für uns interessierte… und von meinen schlechten Noten fange ich hier lieber nicht an.

Kurz nach dem Tod meines leiblichen Vaters, verstarb auch mein Urgroßvater, der die Vaterrolle übernahm, schmerzhaft an Krebs. Wie jeder Teenager in solchen Momenten zerbrochen wäre, zerbrach auch ich. Ich geriet das erste Mal aus meiner Bahn. Alkohol, Schule schwänzen und falsche Menschen bestimmten meinen Alltag. Das Ganze ging so lange, bis ich mich dafür entschieden haben die Schule zu schmeißen.

Nach meiner Entscheidung kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen meiner Urgroßmutter, die die Mutterrolle übernahm, und mir. Schließlich will jede Mutter nur das Beste für ihr Kind (eine Mutter ist diejenige, die das Kind großzieht und nicht in die Welt setzt! Meiner Meinung nach).

Ich war in meiner eigenen Welt und verließ meine Urgroßmutter und zog zur leiblichen Mutter – zu einer Frau, die sich nie für mich interessiert hatte und mich eigentlich nicht kannte. Ich begann mein Schulabschluss nachzuholen… doch bei dem Versuch blieb es.

Die Kreise meiner leiblichen Mutter waren schlimmer, als alles andere…das ständige Wechseln der Partner, Drogen, Alkohol, Gewalt und ihre Bekannten/Freunden aus der rechten Szene, sowie ihr rechtsradikaler Partner.. und so warf sie mich nach ein paar Monate raus. Nicht jeder kann mit Verantwortung umgehen, aber das war wohl das Beste was sie mir antun konnte…

Wie ich am Anfang schon sagte, Wege entstehen dadurch, dass man sie geht! Also beschloss ich, mir endlich Hilfe zu suchen. Ich war kurz vor meinem 18. Lebensjahr, hatte keine Schule, keine Ausbildung und kein Dach über mein Kopf.

Ich wandte mich also an das zuständige Jugendamt. Ich bekam eine eigene Wohnung im einzelbetreuten Wohnen, machte meinen Abschluss mit Unterstützung des Amtes mit 1,2 nach, nahm die 50 kg wieder ab, die ich zugenommen hatte und begann im Anschluss die Ausbildung zur Altenpflegehelferin.

Nach diesen positiven Nachrichten konnte ich endlich Kontakt zur Urgroßmutter aufbauen, die mehr als glücklich war. Ich dachte endlich würde alles wieder besser werden, doch plötzlich wurde alles anders….

Während meiner Ausbildung verstarb meine Urgroßmutter ebenso schmerzhaft und qualvoll an Krebs. Ich habe tagsüber die Ausbildung gemacht und ging nach meinen Diensten zur Urgroßmutter ins Krankenhaus oder zu ihr nach Hause, um mich um sie zu kümmern.

Ich habe den ganzen Sterbeprozess mit ansehen müssen, ich bin von Tag zu Tag immer mehr daran zerbrochen und ihr einziger Wunsch war, dass ich meinen Weg gehe, glücklich werde und etwas positives aus mir mache und nicht wie der Rest der Familie werde.

Kaum war ihr letzter Wunsch ausgesprochen, hat der Druck von ihren Händen in meinen Händen nachgelassen und sie schloss ihre Augen. Ein Moment, den ich niemals vergessen werde. Einer der schwierigsten Momente, wenn man seine eigene Mutter beim Sterben zusehen muss….

Die letzten Monate meiner Ausbildung waren die Hölle. Ich fand keine Distanz mehr zum Tod. Wenn der Beruf, den man gerade ausübt, keinen Spaß mehr macht, sondern zur Last wird, lässt die Lebensfreude nach. Ich ging weinend zum Dienst, weil ich meine Kollegen nicht im Stich lassen wollte und ging weinend wieder nach Hause.

Ich hatte niemanden, außer die letzten Worte meiner Mutter, die mir so viel Kraft schenkten und meine Hoffnung auf neue Ziele! Denn während der Ausbildung und nach dem Tod meiner Eltern bekam ich das Bedürfnis “Helfen”, statt “in den Tod begleiten” zu wollen…

Trotz den schrecklichen Monaten und den ganzen Tränen, absolvierte ich meine Ausbildung mit 1,6. Ich war mehr als Stolz auf mich. Mir liefen die Tränen…vor Freude und Trauer… wie sehr habe ich mir gewünscht, dass meine Eltern das noch miterleben hätte dürfen…

Nach meiner abgeschlossenen Berufsausbildung, meine neuen Ziele, ging ich in einen völlig anderen Beruf. Wie einige von euch aus meiner vorigen Erzählung wissen, ging auch hier alles den Bach herunter. Doch das Bedürfnis nach Ordnung, Schutz und Sicherheit war wesentlich stärker, als die erschreckenden Erlebnisse….

Ich bewarb mich aufgrund der nicht vorhandenen Mindestgröße und den ganzen Absagen von der Polizei und Bundeswehr, als Stadtpolizistin und Verkehrspolizistin.
Auch die Wachpolizei war dabei… ich bestand die Tests und scheiterte lediglich an der Mindestgröße, die bei 160 cm liegt.

Als ich mich bei der Bundespolizei beworben habe, wurde während den ganzen Untersuchungen eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt und somit war mein Traum beendet… Polizei, Zoll, Bundeswehr, Justiz…alles zerplatzt…-dachte ich!…

Träume sind dafür da, um sie zu verwirklichen… und Ziele kann man nur erreichen, wenn man Mut aufbringen kann und auch etwas wagt!

Ich arbeitete noch Monatelang, nachdem ich meine Ausbildung absolviert hatte, im Sicherheitsdienst, um Zeit zu überbrücken…

Eines Tages kam eine Einladung von der Stadt. Ich wurde zum Bewerberinterview eingeladen! (ahoi, ich war mehr als glücklich!)

In mir entsandt ein Hurrikan der Gefühle… Freude, Angst, Trauer… ich war sehr nervös, obwohl ich bis zum Gespräch noch jede Menge Zeit hatte. Noch nie war mir etwas so wichtig, wie dort Fuß zu fassen und ein Grundstein legen zu können… Also machte ich mich selbst verrückt, so wie es sicherlich jeder von euch mal getan hat, wenn es um eine bestimmte Sache ging.

Die Tests sind bestanden, was wenn man beim Bewerberinterview etwas falsches sagt…? Was wenn man den Herrschaften unsympathisch ist…? Was wenn die Hoffnung erneut zerplatzt..? Jeder von uns will sicherlich irgendwann mal ankommen – egal ob im Job, Familie oder in einer bestimmten Umgebung, in die man gezogen ist…

Das Warten wurde endlos… die Zeit verging nicht und mich plagten schlaflose Nächte, Schweißausbrüche und Alpträume. Ich sah mein ganzes Leben erneut an mir vorbeiziehen. Etwas was kein Mensch erträgt, sich mit seinen eigenen Gedanken und Gefühle auseinandersetzen zu MÜSSEN!

Ich sah den einen Weg vor meinen Augen, der mich in Richtung Glück bringen würde… und den anderen Weg, der mich in den Abgrund jagte. Viele von euch denken sicher: “Stell dich nicht so an//was für ein Drama wegen einem Job//dann bewirbst du dich halt noch einmal” oder ähnliches… doch ich glaube, dass nur Menschen, die das gleiche durchmachen, sich wirklich ansatzweise hineinversetzen können, wie wichtig das sein kann…wie wichtig für einen selbst das ist, endlich aus seinem eigenen Loch zu kommen!

Für die Landespolizei zu klein!
Für die Bundeswehr zu klein!
Für einen Job im Gefängnis ebenso zu klein!
Zusätzlich mit einer Stoffwechselerkrankung nicht diensttauglich für die Bundespolizei und dem Zoll… mir blieb also nur noch die Stadtpolizei und die Verkehrspolizei.

Und dann kam endlich dieser besondere Tag…
Im Mai hatte ich mein Bewerberinterview. Ich war viel unruhiger, als ich es sonst war… jeder der mich kennt, weiß dass ich sowieso ein sehr unruhiger Mensch bin. Meine Nervosität war mir deutlich anzumerken, ganz zu schweigen von meinen gestotterten Antworten. ( wenn ich zurück denke..ich habe mich benommen wie ein Trottel… )…

Ich habe dennoch zwischenzeitlich ein sehr gutes Gefühl gehabt, da bei bestimmten Antworten auf deren Frage immer ein Lächeln aufgekommen war. Je mehr Fragen kamen, desto lockerer war ich. Schließlich waren diese Menschen auch mal auf der gegenüber sitzenden Seite.
Jetzt heißt es warten. Nachdem ich fragte, wie lange ich ungefähr mit einer Zu- oder Absage warten müsse, teilten die Herrschaften vor mir mit, dass ich 2-3 Wochen warten muss.

Ich traute mich die nächsten Wochen gar nicht mehr an den Briefkasten zu gehen. Ich hatte viel zu große Angst, dass erneut eine Absage im Briefkasten liegt. Doch nach vergangenen 3 Wochen war noch immer keine Benachrichtigung im Briefkasten, also rief ich den Herrn an, der für mich zuständig war.

Er fragte mich, ob ich überhaupt nicht noch Interesse hätte… Ich musste nicht lange überlegen und antwortete ihm sofort, dass ich einsatzbereit wäre und nur auf eine Zusage warte.

Und dann sagte er die magischen Worte:
“Wir stellen Sie als Verkehrspolizistin ein!”…

Ich fragte nach, ob er es ernst meinen würde und er bejahte es! In diesem Moment, wusste ich nicht, ob ich mich für die Chance bedanken sollte oder ob ich weinen sollte, also tat ich beides :’D…

Ich musste so hart kämpfen.. mich permanent nach neuen Wegen und Perspektiven umschauen… und ich bereue diesen Weg nicht, ganz im Gegenteil.

Ich hab ein tolles Team, bin überglücklich und ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen!

Jetzt seid ihr dran!
Ihr könnt das genauso, haltet einfach die Augen für neue Wege offen!”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.