Offener Brief an Roger Lewentz, Innenminister von Rheinland-Pfalz

28. Juli 2018 um 20:44 Uhr

Offener Brief an Roger Lewentz, Innenminister von Rheinland-Pfalz

GAP: “Ich bin nicht gewillt das so hinzunehmen!”
Die Frau eines Polizisten berichtet

Uns erreichte diese Woche der folgende offene Brief der Ehefrau eines Polizisten aus Rheinland-Pfalz. Bevor wir euch die Zeilen präsentieren, möchten wir den Nicht-Polizisten und den Kollegen außerhalb von Rheinland-Pfalz kurz das Problem schildern, damit die Zeilen auch richtig verstanden werden.

Im Zuge der rechtlichen Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie wurde ein ganzes Maßnahmenpaket beschlossen, welches den Dienstsport, die Gesundheitsfürsorge und die Arbeitszeit bzw. die Schichtmodelle beinhaltet. Das Maßnahmenpaket trägt den Namen Gesünderes Arbeiten in der Polizei, kurz GAP.

GAP ist für die Polizisten und auch die Familienangehörigen, wie ihr gleich lesen werdet, zum Reizwort geworden. Denn Anfang Juli wurde die “Gestaltung des Wechselschichtdienstes” vom Hauptpersonalrat und dem Innenministerium unterzeichnet. Darin wird zum Beispiel festgelegt, dass nicht wie bisher Schichten mit neun oder mehr Stunden die Regel sein dürfen, sondern eine Schicht regelmäßig maximal acht Stunden lang sein darf.

Dies bedeutet je nach Schichtmodell, dass pro Jahr 10-20 Tage weniger Freizeit zur Verfügung stehen, denn um auf die Sollzeiten zu kommen, müssen die nun wegfallenden Zeiten nachgearbeitet werden. Hinzu kommen natürlich noch die Zusatzdienste wegen Einsätze oder der Fangquote und Ersatzdienste bei Krankheit anderer Kollegen.

Während nach uns vorliegenden Informationen in Bayern die Kollegen erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht die Beibehaltung des sogenannten Doppelschlags einklagten, wird in Rheinland-Pfalz nichts zur Besitzstandswahrung unternommen, sondern Fakten geschaffen. Und nur zwei Tage nach der Unterzeichnung übergab der Vorsitzende des Hauptpersonalrats sein Amt an seine Nachfolgerin.

Weniger Freizeit bedeutet weniger Zeit mit der Familie oder für Freizeitaktivitäten. Das soll als Information genügen. Hier nun der offene Leserbrief:

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Sehr geehrter Herr Lewentz,

ich habe als Frau eines Polizeibeamten in den letzten Monaten mitbekommen wie “toll” Ihre Vorschläge bezüglich der neuen Gestaltung des Wechselschichtdienstes bei meinem Mann und vielen seiner Kollegen angekommen sind. Ich denke die eingereichten Petitionen sprechen doch eine deutliche Sprache.

Zu Ihren Gunsten gehe ich einfach einmal davon aus, dass Sie sie auch gelesen… nein vielleicht zur Kenntnis genommen haben. Allerdings war ich doch ein wenig irritiert, als ich die Nachrichten über die sozialen Netzwerke gelesen habe, dass genau das beschlossen wurde, was so viele der Polizeibeamten als “nicht akzeptabel” und schlichtweg als “Mist” bezeichnet haben. Nähere Ausführungen erspare ich mir hier.

Ich schätze es ja wirklich sehr, wenn man der arbeitenden Gesellschaft versucht das Arbeitsleben zu erleichtern. Auf die Gesundheit sollte man ja auch achten, da bin ich ganz bei Ihnen. Allerdings schätze ich es nicht, wenn jemand die Realität ignoriert. Ich denke, so geht es derzeit auch vielen Polizeibeamten und vor allen Dingen auch deren Familien.
Das, was Sie hier mit Ihrem Beschluss angerichtet haben, ist schlichtweg gesagt ein Witz!!

Nur mal für Sie zur Info, damit Sie vielleicht einen kleinen Einblick haben über was Sie entscheiden und zwar nicht nur auf dem Papier.
Als Polizeibeamter mit Familie stellt sich das Leben in etwa so dar.

Die Hauptsätze, die meine Kinder in den ersten Lebensjahren bezüglich der Anwesenheit ihres Vaters zu hören bekamen lauteten in etwa wie folgt:

▪”Pst sei leise, der Papa muss noch schlafen, der ist eben erst nach Hause gekommen.”

▪”Schatz mach mal langsam, der Papa ist noch k.o., der hat nicht viel geschlafen.”

▪”Nein der Papa kann nicht mitkommen, der hat wieder einen Sonderdienst, da ist ein wichtiges Fest.”

▪”Komm wir gehen spazieren, der Papa muss vorschlafen damit er heute in der Nachtschicht wieder fit ist und heil nach Hause kommt.”

▪”Ja der Papa wollte heute was mit uns unternehmen, aber er kann nicht, er muss Vertretung machen.”

Und ich könnte die Liste unendlich fortführen. Das war ein Teil der Endlosschleife bis meine Kinder gar nicht mehr gefragt haben. Schlimm genug. Finden Sie nicht auch?

Ständig suchte man nach Gründen um dem Kind nahezulegen warum der Papa gerade mal wieder nicht, wie versprochen, für es da sein konnte.

Nebst, dass ein Familienleben keines mehr war und auch heute schwer aufrecht zu erhalten ist. Krampfhaft versucht man in den wenigen Wachstunden und “freien” Tagen (welche ja immer wieder durch Sonderdienste, Qualitätszirkel, DGL Besprechungen, Gerichtstermine oder Seminare und so weiter zu Arbeitstagen werden) so etwas wie soziale Kontakte zu pflegen und auch noch ein Familienleben zu führen.

Ach ja, Urlaube werden immer so angefangen: Schatz ich hab jetzt endlich frei, aber am …… muss ich zur Besprechung, am …… muss ich arbeiten, weil wir dann unter der Mindeststärke sind……

Ich verstehe wirklich nicht, wie man so fern von jedweder Realität solche Entscheidungen treffen kann?

Unterhalten Sie sich doch bitte mal mit einigen Polizeibeamten. Ich spreche nicht von denjenigen die im Tagdienst sind. Nein ich meine die Leute und auch Familien, über deren Kopf hinweg Sie einfach so solche Entscheidungen treffen.

Fragen Sie doch mal die Ehefrauen oder Ehemänner, wie sie es finden, wenn Ihre Ehepartner nach dem Schichtdienst total geschafft nach Hause kommen und kaum noch aus den Augen gucken können. Ansprechen ist schon fast strafbarer als Steuerhinterziehung oder Mord.

Es war mal wieder zu wenig Personal da für die Arbeit die angefallen ist. Dann wird die Arbeitsweise oftmals so erschwert, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Hintendran wird eh alles eingestellt. Also war die ganze Arbeit für die Katz. Wie frustrierend. Ich kann es verstehen.

Sie stehen als Ehepartner nur noch daneben, können nicht helfen und schauen zu wie der Partner den nächsten Anruf bekommt, weil wieder jemand ausgefallen ist oder, oder, oder……. und was macht der Gatte oder die Gattin? Er/sie schleppt sich wieder in den Dienst. Auf zur nächsten Runde, bzw. Verlängerung des Schichtblocks.

Huch, ach ja, da wollte man ja noch das ein oder andere besprechen. Na gut, dann halt ein anderes mal. Vielleicht treffe ich meinen Partner ja mal in einer Wachphase bzw. in der Freizeit an.

Durch Ihren Beschluss heßst das, dass ich mir das Schauspiel noch ca. 16 Tage mehr im Jahr ansehen muss. Mein Mann noch weniger für uns greifbar ist und unser Familienleben noch weniger stattfinden wird. Was das für die Gesundheit meines Mannes bedeutet… ich kann nur noch den Kopf schütteln.

So sieht unsere Realität aus.

Ich sehe gerade zu wie SIE mit IHREN Entscheidungen meinen Mann und viele gute Polizeibeamte die mit Enthusiasmus ihren Beruf ausführen, verheizen, verraten und verkaufen. Ich bin nicht gewillt das so hinzunehmen!

Was denken Sie eigentlich, wer hier täglich den Dienst verrichtet? Das sind alles studierte Leute. Warum nehmen Sie sich das Recht heraus, diese Leute für Dumm zu verkaufen?

Ich kann für meinen Mann sagen, er steht sehr hinter seinem Beruf und macht ihn mit Leib und Seele. Aber sehr oft kommt er inzwischen unzufrieden nach Hause. Ihre unbedachten Entscheidungen tragen nicht unbedingt zur Arbeitsmoral bei.

Und solche Entscheidungen wirken sich sehr auf unser aller Familienleben aus, und das nicht positiv.

Ich denke Sie sollten eines nicht außer Acht lassen. Hinter jedem Ehepartner und Vater/Mutter der/die für die Polizei im Wechselschichtdienst arbeitet, steht eine starke Familie, die all das toleriert und unterstützt.

Machen Sie es uns nicht unmöglich stark zu sein. Auch wir haben Grenzen. Und diese sind bald erreicht.

Mit Ihrer ach so familienfreundlichen Politik, für die die SPD doch immer so wirbt, treiben Sie die Scheidungsraten der Polizeibeamten in die Höhe, denn das ist keinesfalls familienfreundliche Politik und ab einem gewissen Punkt für die Beteiligten nicht mehr ertragbar.

Sie feiern sich gerade für etwas, für das man sich eigentlich schämen sollte!

Ich hoffe mein Brief wird Sie erreichen und Sie nehmen sich Zeit ihn zu lesen.

Verscherzen Sie es sich bitte nicht mit den Polizeibeamten, sie halten im Notfall auch für Sie und Ihre Familie den Kopf hin.

Nutzen Sie doch einfach die Möglichkeit des Dialogs an der Basis.

Vielleicht werden Ihre Entscheidungen in Zukunft dann ganz anders aussehen.

Derzeit fühle ich mich von Ihnen und Ihrer Art Politik zu betreiben extrem im Stich gelassen.

Mit freundlichen Grüßen
Diana Ockenfeld-Egner”