Steigende Suizidrate bei Frankreichs Sicherheitskräften: Ständige Terrorgefahr, Überstunden, schlechte Ausstattung, tätliche Übergriffe

8. Juli 2018 um 15:37 Uhr

Steigende Suizidrate bei Frankreichs Sicherheitskräften: Ständige Terrorgefahr, Überstunden, schlechte Ausstattung, tätliche ÜbergriffeWer die obige Aufzählung hinter dem Doppelpunkt liest und das davor nicht beachtet, der könnte meinen, es gehe um Deutschland oder den deutschsprachigen Raum. Ganz unähnlich sind die Situation der Kollegen hüben wie drüben nicht, wenn es auch ein paar gravierende Unterschiede gibt.

Frankreich wurde schon von verschiedenen Terroranschlägen heimgesucht, mit vielen Toten und Verletzten. Diese ständige Gefahr, dass ein erneuter Anschlag geschehen könnte und die Gefahr, in die sich die Polizisten dann begeben müssen, das unterscheidet Frankreich von Deutschland (noch).

Die Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung, besonders bei den Jüngeren, tätliche Übergriffe auf die Polizisten, auch gezielte Anschläge auf die Sicherheitskräfte, teils sogar bis in den privaten Bereich hinein, ist hier wie dort sehr ähnlich und belastet die Polizisten sehr.

Begonnen hat die Zuspitzung der Situation bereits 2005, als zwei Jugendliche während der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag getötet wurden und es danach wochenlang in den Vorstädten, den sogenannten Banlieues, zu gewalttätigen Aufständen kam. 3.000 Personen wurden damals festgenommen, 600 wurden verurteilt.

Doch für die Polizisten stellten diese Ausschreitungen eine Zäsur dar. Ein Polizeigewerkschafter sagte Anfang dieses Jahres während eines Streiks wegen der “Gewalt gegen Polizei”: “Damals ist ein Riegel aufgesprungen. Die kleinen und großen Gauner begriffen, wie groß die Macht ist, die sie über uns haben.”

Und dies hat Folgen für das Selbstverständnis der Polizisten und lässt die Sinnfrage in den eigenen Reihen diskutieren. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die Übergriffe auf die Polizisten nicht mehr nur im Dienst geschehen, sondern Kriminelle die Polizisten bis nach Hause verfolgen, was auch in Deutschland bereits geschieht.

2016 wurde ein Polizistenpaar zuhause in Magnanville vor den Augen ihres 3-jährigen Kindes von einem Kriminellen getötet. Dieser Anschlag auf das Privatleben der Beamten hat die Kollegen in Frankreich erschüttert und aufgezeigt, dass sich das Berufsrisiko nicht mehr nur auf den Dienst beschränkt. Und viele haben noch die Bilder vor Augen, als im gleichen Jahr Extremisten ein Polizeifahrzeug anzündeten, während die Polizisten noch darin saßen. Dies führt zu Verunsicherung und Unbehagen, die Arbeitsmoral tendiere gegen Null.

Und dann kommen noch 22 Mio. Überstunden der Sicherhreitskräfte hinzu, die weder abgefeiert werden können, noch ausgezahlt werden. Veraltetes Material, fehlende Ausstattung, zu wenig Munition um die vorgeschriebenen Schießübungen zu absolvieren, ständige Übermüdung und das Gefühl der Machtlosigkeit kommen noch hinzu.

Dies alles ließ die Suizidrate von Frankreichs Polizisten hochschnellen. Alleine im vergangenen Jahr hatten sich 65 Sicherheitskräfte von Polizei und Gendarmerie selbst das Leben genommen. Besonders schlimm war es im November 2017, als sich innerhalb von vier Wochen sieben Polizisten suizidierten. Die Zustände bewegten das Parlament dazu, die Situation zu untersuchen und man kam zu der Erkenntnis, dass die Suizidrate damit weit über der Durchschnittsbevölkerung liege.

“Präventionsmaßnahmen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit” sollen als Erkenntnis aus diesen Zuständen nun diskutiert werden. Auch sollen mehr Polizisten eingestellt werden, um die Arbeitsbelastung besser zu verteilen. So hatte Präsident Emmanuel Macron versprochen, während seiner aktuellen Amtszeit 10.000 Beamte bei Polizei und Gendarmerie zusätzlich einzustellen.

Wenigstens wird der Suizid bei den französischen Kollegen untersucht und nicht totgeschwiegen, wie hierzulande. Jetzt müssen nur noch die richtigen Lehren daraus gezogen werden, damit die Gesamtsituation für die Kollegen erträglicher wird.