Zahlen belegen: Immer mehr Einsätze mit verwirrten oder unberechenbaren Menschen

14. August 2018 um 15:46 Uhr

Zahlen belegen: Immer mehr Einsätze mit verwirrten oder unberechenbaren MenschenWir haben in letzter Zeit recht häufig über Polizeieinsätze berichten müssen, bei denen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen waren und Polizisten im Einsatz verletzt haben. Manch einer kommentierte, dass man das Gefühl habe, es würden immer mehr solcher Einsätze stattfinden. Was bislang nur ein Gefühl war, wurde nun mit Zahlen belegt, zumindest im Polizeipräsidium Mittelfranken (Bayern).

Schnell kann eine Situation eskalieren, besonders dann, wenn das polizeiliche Gegenüber sich in einer Ausnahmesituation befindet oder psychisch erkrankt ist. Wir Polizisten wissen dann oft nie, welche Situation wir vorfinden werden und wie sich unser Gegenüber verhalten wird, selbst wenn es bereits polizeiliche Erkenntnisse über die Person gibt.

So kann eine bislang unauffällige Person völlig ausrasten, während eine bereits bekannte Person sich kooperativ und einsichtig zeigt. Wir Polizisten müssen uns schützen, aber auch auf die Person und ihr Anliegen eingehen können. Manchmal ein Spagat der kaum zu schaffen ist.

So ging es auch Florian G., einem Polizist aus Nürnberg. Als er im Mai 2017 zu einem Einsatz hinzu kommt, in dem sich die Kollegen bereits befanden, war bekannt, dass der 34-Jährige, um den es ging, aus einer psychiatrischen Klinik ausgebrochen war. Eine Streife überprüfte die Wohnanschrift des Mannes und dort war er offenbar.

Durch die verschlossene Tür konnten die Kollegen ein Klirrgeräusch hören, wie es typisch ist, wenn jemand die Besteckschublade ruckartig öffnet. Es stand zu befürchten, dass sich der Entwichene etwas antun könnte und so war für die eingesetzten Polizisten klar, dass sie in die Wohnung eindringen müssen.

Als Florian G. zu den Kollegen hinzu kam, hielten die bereits den 34-Jährigen mit gezogener Waffe in Schach, da dieser ein langes Messer in der Hand hatte. Alle Versuche den Mann zu beruhigen schlugen fehl, er bat vielmehr darum, dass die Polizisten ihn erschießen sollen (suicide by cop).

Dies machte es für die Beamten schwieriger die Dienstwaffe tatsächlich einzusetzen und so versuchten sie ihn mit dem Pfefferspray außer Gefecht zu setzen, um ihn überwältigen zu können. Doch der Mann hatte kein Schmerzempfinden, das Pfefferspray zeigte keinerlei Wirkung.

Dann lief der Mann in einen anderen Raum, die Polizisten hinterher – und dort wendete sich das Blatt ganz plötzlich. Der 34-Jährige stach mit dem Messer in Richtung Gesicht von Florian G., traf zum Glück aber nicht. “Ich hob schützend meinen Arm nach oben. Die weit aufgerissenen Augen des Mannes in diesem Moment werde ich nie vergessen”, berichtet Florian heute noch.

Letzten Endes konnte Polizist Florian dem Mann das Messer aus der Hand schlagen, dann wurde er überwältigt und gefesselt. Florian trug Schürfwunden und Prellungen davon, hatte Probleme mit dem Rücken. Er war ein halbes Jahr dienstunfähig und in ärztlicher Behandlung. Heute ist er wieder fit.

Es sind Fälle wie diese, die so gefährlich sind. Gefährlich für denjenigen, wegen dem die Polizei alarmiert wird, gefährlich für die Polizisten, gefährlich auch für alle, die sich in unmittelbarer Nähe befinden, denn nicht jeder dieser Einsätze findet in einer Wohnung, sondern auf offener Straße statt. Hinzu kommen die Auswirkungen auf die Beteiligten an solchen Einsätzen, die Belastung kann enorm sein.

Das Polizeipräsidium Mittelfranken, zuständig für Nürnberg, führte vormals keine Statistik, die belegt, wie oft Polizisten es mit psychisch kranken oder unberechenbaren Menschen zu tun hatte. Doch das Gefühl der Polizisten sagte eindeutig aus, dass man zu immer mehr solcher Einsätze ausrücken müsse. Das PP Mittelfranken wollte es daher genauer wissen und ließ die Einsätze zählen.

Diese Zahlen belegen, was bislang nur ein Gefühl war: Im Jahr 2016 waren es 506 Einsätze in Nürnberg, im gesamten PP waren es 2.223. Im Jahr 2017 folgten 529 in Nürnberg bzw. 2.404 im gesamten Bereich des PP Mittelfranken. Diese Zahlen bestätigte Polizeisprecher Michael Petzold gegenüber Nordbayern.de

Woran es liegt, dass immer mehr Menschen sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden und dann die Polizei hinzu gerufen werden muss, das beantworten die Zahlen freilich nicht. Dies zu beurteilen und mögliche Konsequenzen zu ziehen ist nicht Aufgabe der Polizei, sondern anderer Stellen.