Die positive Geschichte von Julia: Der lange Weg des Wortes “Danke”

29. September 2018 um 21:24 Uhr

Die positive Geschichte von Julia: Der lange Weg des Wortes "Danke"Kürzlich hatten wir euch gebeten, uns eure positive Geschichten von/mit/über die Polizei/Polizisten zuzusenden. Wir möchten neben den oft schlechten Nachrichten, die es meist in die Presse schaffen, auch die schönen Geschichten erzählen, über die sonst kaum jemand berichtet.

Wir haben ein paar wunderbare Geschichten zugesandt bekommen, die wir nun nach und nach veröffentlichen werden. Hier ist nun die positive Geschichte von Julia:

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“Seit einigen Jahren arbeite ich bereits auf einer Mädchenintensivgruppe in der Nähe einer Großstadt und wie es halt so ist, wenn man in diesem Kontext arbeitet und nicht in einem Sportgymnasium für Hochbegabte, kommt es zu Streit, Körperverletzungen, Ausrastern und sehr häufigen Abgängigkeiten.

Diesem Kontext habe ich es zu verdanken, dass ich bis heute in einem Nachtdienst (wohlgemerkt der geht nur 24 Stunden) drei Polizeieinsätze hatte.

Vom Prozedere war es damals so, dass wir die zuständige Wache anrufen mussten, gaben den Kollegen den ausgefüllten Vordruck der vorläufigen Vermisstenanzeige mit, die sahen sich das Zimmer an und fuhren wieder. Umgekehrt sagten wir bescheid, wenn das vermisste Mädel wieder bei uns eingetrudelt war, die Kollegen fuhren erneut zu uns raus, führten eine Ansprache durch und verabschiedeten sich wieder.

In dieser Nacht hatte ich zwei Streifen mit jeweils zwei Kollegen da und eine Streife mit vieren – wobei zwei Anwärter waren.

Die Reaktionen der Kollegen reichten von nett, witzig bis genervt, vor allem wenn es immer die gleichen Mädels waren, die sich fort machten.

Zu dieser Zeit hatte ich häufig bei meinen Anrufen auf der Dienststelle immer den gleichen Kollegen am Telefon. Innerlich hatte ich bereits den Verdacht, dass es sich um seine Wohnanschrift handelte . Naja, jedenfalls kamen wir ins Gespräch und da ich aufgrund der häufigen Inanspruchnahme der Kollegen das Bedürfnisse hatte mal „Danke“ zu sagen, ergab sich folgender Dialog:

Er: „Polizei Z, Herr X"

Ich: „Frau Y hier, ich müsste mal wieder ein paar Vermisstenanzeigen aufgeben“.

Er: „Na, wen haben wir denn diesmal?“

Ich: „Die soundso und die soundso“. In meinem letzten Nachtdienst hatte ich übrigens dreimal ihre Kollegen hier. Welche Kaffeemaschine haben sie eigentlich?“

Er: „Ich glaube ich weiß worauf sie hinaus wollen. Wir dürfen das eigentlich nicht, aber Kaffeebohnen“.

Ich: „Und wenn ich den Kampfzwerg mime und sie ihrem Chef sagen, sie konnten sich nicht wehren?“

Er: „Hmm…“

Ich: „Ok, ich bring dann mal was vorbei“.

Gesagt getan und da meine Berufspraktikantin gerade neu bei uns auf der Gruppe angefangen hatte, fuhren wir mit Kaffee, Gummibärchen und Keksen rüber. In der Dienststelle, sagte uns eine Kollegin direkt, dass sie dies trotz der berichteten Vorgeschichte nicht annehmen dürfe. Herr X hatte aber Dienst und sie holte ihn. Bis dahin hatte ich den Kollegen nie in 3D gesehen und stellte fest, dass mein Bild vom Telefon mit der Realität mal so gar nichts zu tun hatte.

Ich betreibe zwar seit einigen Jahren Kampfsport, zähle aber in die Kategorie abgebrochener Meter. Herr X war weder klein noch untersetzt, sondern schlank und maß locker an die 2m. In diesem Moment hatte ich nur die Hoffnung er hätte meine Bemerkung mit dem Kampfzwerg wieder vergessen; die war mir nämlich jetzt reichlich peinlich.

Er schien sich zu freuen, aber war gleichzeitig peinlich berührt und versuchte aus der Nummer wieder rauszukommen. Meine Berufspraktikantin und mich schob er zu einem Gespräch unter sechs Augen in den Flur der Dienststelle. Er sagte er dürfe dies nicht annehmen, versuchte aber gleichzeitig einen Weg zu finden uns nicht vor den Kopf zu stoßen. So sagte er, man könne die Sachen schon vorbei bringen, aber nicht vor 18 Uhr, da sei der Chef noch im Hause. Alternativ könne man es auch den Kollegen mitgeben, wenn diese wieder auf der Gruppe seien oder er hole es selber ab, da er in der Nähe wohne.

Kurzum packten wir die Sachen ein und mussten diese wieder mitnehmen. Die nächsten Monate versuchte ich häufiger den Kollegen die Sachen mitzugeben, diese lehnten aber alle mit dem Argument, sie dürften nichts annehmen, ab.

Irgendwann musste ich nochmal auf der Wache anrufen und hatte einen anderen Kollegen dran. Diesem sagte ich, ich hätte immer noch den Kaffee hier stehen und ob ich diesen nach meinem Dienstschluss nach 20 Uhr vorbei bringen dürfe. Und endlich kam ein „Ja“.

Also nach Feierabend auf zur Wache und mit Kaffee rein. Vorne saß ein junger Kerl, den ich strahlend fragte „haben wir vorhin telefoniert?“. Antwort „Nein“. Mir schwante nichts Gutes.

Ich ihm die Story mit dem Kaffee nochmal von vorne erzählt und er „wir dürfen das leider nicht annehmen“. Also bezog ich mich auf Herr X und die Absprache. Der junge Kerl holte dann mal seine Kollegin von hinten. Diese sagte mir auch das Gleiche. Ich erzählte auch ihr von der Geschichte und sie sagte mir Herr X hätte ihr von dem Kaffee erzählt. Sie fragte dann nach meinem Namen und sagte sie würde Herrn X dann den Kaffee hinstellen.

Ich war nach drei Monaten endlich den Kaffee los und fuhr mit einem guten Gefühl nach Hause.

Kurz vor Weihnachten hatte ich mal wieder eine Vermisstenanzeige aufzugeben, diesmal per Fax. Kaum war das Fax drüben angekommen, zerriss das Telefonklingeln die nächtliche Stille und versetzte mir fast einen Herzkasper. Herr X von der Polizeidienststelle.

Er sagte er würde die Vermisstenanzeige erstmal zurück stellen und ich solle mich melden, wenn das Mädel wieder zurück wäre. Dann bedankte er sich für den Kaffee. Mich hat dies sehr gefreut und auch überrascht, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass Herr X dies nach Monaten noch auf dem Schirm hatte und offenbar darauf gewartet hatte, dass ich zur gleichen Zeit im Dienst war wie er.

LG Julia”

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Wenn du auch eine schöne Geschichte hast, kannst du uns diese gerne auch mit Bild Email an info (at) polizistmensch.de zusenden.