Gedanken eines Polizisten zum Einsatz im Hambacher Forst: Zwischen Gerichtsurteil und Lebensraum

28. September 2018 um 20:00 Uhr
Gedanken eines Polizisten zum Einsatz im Hambacher Forst: Zwischen Gerichtsurteil und Lebensraum

Das Bildmaterial wurde uns von Ron Weimann zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

“Nachdem der Konflikt um den Hambacher Forst seit Jahren unbemerkt verlief, zumindest überregional, prägt er seit vielen Tagen die täglichen Nachrichten. Während ich als Kollege diesen äußerst umstrittenen Einsatz ein paar hundert Kilometer entfernt in Nachrichten und sozialen Netzwerken verfolge, macht es mich jeden Tag wütender.

Es macht mich wütend, zu sehen, wie Kollegen und Kolleginnen dort im Wald vor einen Karren gespannt werden, den sie nicht ziehen sollten. Die Polizei sieht sich vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert, zum Handlanger einer Firma zu werden. Klar, das nervt.

Aber so sehr ich darüber nachdenke, ich komme unter dem Strich einfach nicht dagegen an. Auch wenn ich da die Politik eher in der Rolle des Handlangers sehe. Meine Kritik richtet sich in keinster Weise gegen die Kollegen und Kolleginnen, die dort eingesetzt sind.

Warum wäscht man hier die Wäsche eines milliardenschweren Konzerns, der für eine der dreckigsten Energien, gegen jegliche Vernunft und ohne Rücksicht einen riesigen Lebensraum abholzt? Ich sehe hier keinen Bürger in Not. Ich sehe keine Versammlung, die von unserer Verfassung abgedeckt ist und den entsprechenden Schutz erfordert. Ich sehe niemanden, der zum Schutz privater Rechte die Polizei hinzuzieht.

Ja na klar, es gab ein Gerichtsurteil. Wie war der schöne Spruch, den ich von einem meiner Ausbilder gelernt habe? Vor Gericht gibt es immer ein Urteil, aber selten Recht.

Nur mal nebenbei, und das ist hier meine ganz persönliche Sorge. Was ist, wenn wir in ein paar Jahren erfahren, dass irgendwo auf diesem Weg bis zur Rodung Geld den Besitzer gewechselt hat, das nicht hätte gezahlt werden dürfen? Wäre ja nicht das erste mal. Selbst wenn nicht, nur weil dem hier ein Gerichtsurteil zugrunde liegt, muss es noch lange nicht richtig sein.

Wie kommt so ein Urteil zustande? In Zeiten in denen ich mit meiner spießigen Familienkutsche gewisse Straßen meiden muss, da es das Klima belastet, wird plötzlich der Weg für unglaubliche Luftverschmutzung frei gemacht? Per Gericht und dann mit Hilfe der Polizei durchgesetzt?

Ich kann nicht fassen, wie ignorant man hier seitens der Politik und der Wirtschaft vorgeht. Und da wo sich Menschen diesem Treiben entgegenstellen, mit Gewalt dieses Urteil durchsetzt. Ich rede jetzt nicht von Chaoten, die Gewalt gegen Polizisten ausüben, die vermutlich nicht mal RWE buchstabieren können und einfach nur aus Abenteuerlust dort sind. Über Euch Spacken wurde genug geschrieben, belassen wir es dabei.

Es gibt aber auch viel Protest, der sinnvoll ist, der gerechtfertigt ist und der, wenn man den Zustand unserer Erde ansieht, nötig ist. Es wäre äußerst leichtfertig, diese Leute als “linke Spinner” abzustempeln. Immerhin machen sich Menschen Gedanken und ich bin froh über jeden, der das tut.

Ja, es gibt ein Gerichtsurteil zur Rodung. Und ja, es mag sein, dass die Rodung des Hambacher Forsts nicht das Ereignis ist, welches unser Klima endgültig kippen lässt. Aber was ist, wenn zig andere Konzerne durch zig andere Gerichtsurteile ermächtigt werden, die nächsten zig Wälder zu roden? Ist es dann immer noch richtig, wenn diese Urteile bewirken, dass unser Klima vor die Hunde geht?

Mein Sohn ist gerade drei und er versteht langsam, dass Papa bei der Polizei ist und es macht ihn schon stolz, dass Papa Menschen hilft und Räuber fängt. Aber, wenn er irgendwann groß ist und aufgrund von hundert anderen durchgesetzten Rodungen mit einer Staubmaske herumrennen muss, sage ich ihm dann, dass ich “dabei” war? Dass Gehorsam und Wohlverhaltenspflicht leider wichtiger waren, als unsere oder seine Zukunft? Irgendwie nicht.

Ich habe mal gelernt, dass der Sinn einer Gewaltenteilung darin besteht, dass verschiedene Instanzen sich gegenseitig kontrollieren. Nicht, dass eine der Instanzen blind durchsetzt, was immer sich die Andere (warum auch immer) als richtig hinlegt. Und wenn etwas, wie die Rodung dieses Waldes, so dermaßen wider jegliche Vernunft ist, dann wäre es vielleicht mal Zeit für eine dieser Instanzen, “Nein” zu sagen.

Wir leben in schwierigen Zeiten. Nicht weit von hier werfen andere ausführende Organe Bomben auf Schulkinder. Es ist noch nicht lange her, da haben ausführende Organe Menschen in Güterzüge gesperrt, nur weil jemand gesagt hat, dass es richtig ist. Hat sich damals, und auch jetzt, dabei auch diese “Naja, ist ja nunmal unser Job”-Einstellung durchgesetzt? Genau so entstehen Diktaturen. Genau so kann eine Regierung gegen ihr Volk handeln.

Wir sprachen neulich auf der Arbeit über die Rodung. Keiner der Kollegen am Tisch fand es auch nur ansatzweise richtig, was dort geschieht. Meinem Dienstgruppenleiter habe ich gesagt, dass er von mir eine Krankmeldung bekommen hätte, wären wir an diesem Einsatz beteiligt.

Natürlich, ich darf nicht streiken. Ich kann nicht willkürlich den Dienst verweigern. Ein Rechtsstaat funktioniert nur, weil es Menschen gibt, die ihren Dienst verrichten, auch wenn es mal ungemütlich wird. Und in diesem Job gehört es dazu, dass man mal gegen seine Überzeugungen arbeitet. Sei es bei Einsätzen im Streifendienst, sei es bei G20 oder beim Castor. Aber dieses Unternehmen lässt sich, meiner Meinung nach, mit keinem Sachverhalt vergleichen, sondern dient nur der Gewinnerhöhung eines Konzerns.

Ich wünsche allen Kollegen und Kolleginnen dass sie heile nach Hause kommen. Dass dieser Einsatz schnell vorbei geht. Und letztendlich hoffe ich auch irgendwie, dass diese Rodung doch noch ausfällt. Und dass in den Köpfen derer, die diese Welt lenken, endlich Vernunft einkehrt.”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, er möchte jedoch anonym bleiben. Diese Zeilen geben die persönliche Meinung des Autors wieder.