Gedanken von Torsten (Feuerwehr): Mensch bleiben – Warum mir bestimmte Einsätze immer mehr an die Nieren gehen

14. September 2018 um 20:07 Uhr

Gedanken von Torsten (Feuerwehr): Mensch bleiben - Warum mir bestimmte Einsätze immer mehr an die Nieren gehenFeuerwehr, Rettung und Polizei, wir sind eine Blaulichtfamilie, die öfter gemeinsam im Einsatz ist. Deswegen können wir das, was uns Torsten zu denken gibt, nachvollziehen und wir lassen ihn hier mit seinen Gedanken zu Wort kommen:

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Drama: Mutter tötet Kind in Essen

So oder ähnlich lautete die Meldung, als eine Mutter ihr 6 Monate altes Kind aus dem Fenster warf und dann selbst hinterher sprang.

Dieses und andere Meldungen gehen mir immer mehr an die Nieren.

Ich hatte etwas gezögert um dies zu posten. Weshalb?

Ich bin Feuerwehrmann, und bekannter Weise sind diese ‘hart wie Kruppstahl’.

Vor 26 Jahren sagten die Kollegen: „Man, stell dich nicht so an. Wenn du ein Problem hast, trink dir einen Schnaps.“ Dieses Denken hat sich glücklicherweise geändert. Es wird immer mehr auf die Kollegen (auch Hilfsorganisationen, Polizei u.s.w.) zugegangen. Psychosoziale Unterstützung heißt das.

Wer einmal in die Augen eines sterbenden Kindes oder auch andere einschneidende Augenblicke erlebt hat, kann solche Angebote wirklich gebrauchen. Warum gehen solche Meldungen und Einsätze mir immer mehr an die Nieren?

Als ich 1989 bei der Wehr anfing mutierte ich zum ‘Rettungsrambo’. Es wurde ‘gerettet’ was vermeintlich zu retten war. Komischerweise machte mir der Job die ersten Jahre nichts aus. Psychisch und physisch.

Zuerst kam dann der Frust. Das äußerte sich dadurch, dass ich ein Hass auf insbesondere Altenheimpatienten entwickelt habe. ‘Beule nach Sturz’. Dieser Einsatz, typischerweise in der Nacht. Zuerst fluchst du auf die Leitstelle, weil sie solche Einsätze überhaupt annehmen. Dann beschimpfst du die Pflegekraft. Sagst aber zum Kollegen: ‘Mach mal die Trage fertig’.

Im Krankenhaus mault Schwester und Arzt. Aber auch dieser röntgt den Patienten. Jeder hat Frust, sichert sich aber ab, um irgendwelche Beschwerden und Anzeigen zu vermeiden.
Und so geht es immer weiter. Im Innenstadt Bereich bist du ja vielleicht mal froh den Notfallkoffer zu öffnen. Von 10 Einsätzen 8 mit Berufstrinkern.

Im Laufe der Jahre hinterfragte ich mich immer mehr, was machst du denn hier und was tust du den einem oder anderen Patienten an. Damit meine ich nicht meine medizinischen Fähigkeiten, sondern das Wohl (Outcome) des Patienten und deren Angehörigen.

Hier kam, warum auch immer, bei mir immer mehr das Sich-reinversetzen in diese Personen auf. Mitgefühl.

Lieschen Müller ruft an, weil ihr krebskranker Mann im Endstadium zusammengebrochen ist. Sie wünscht eigentlich nur, dass ihrem Mann das Leiden genommen wird.

Fehlanzeige: Der Rettungsdienst wurde ja gerufen. Sofort stürzen wir uns auf dieses ‘Opfer’ und beginnen mit der Rea. Sei es, weil wir retten wollen oder weil wir uns juristisch nicht in die Nesseln setzen wollen. (Totschlag durch unterlassen).

Dann kommt der hoffentlich erfahrene Notarzt, der Veto einlegt. Aber wo haben wir den erfahrenen Notarzt? In der Regel sind das junge Ärzte, die wie Ich am Anfang der Laufbahn retten wollen. Ich kann diesen also keine Vorwürfe machen.

Ich bin nicht der liebe Gott, der über Leben und Tod entscheiden kann. Ich kann es aber beeinflussen. Ich hoffe, dass es immer zum Wohle des Patienten geschah und geschehen wird.

Eigentlich möchte ich den Patienten nur helfen. Nicht immer ist alles, was machbar ist, gut für den Patienten.
Hoffentlich habe ich einen milden Richter, wenn ich mal nur menschlich sein möchte.

Torsten
Ein nachdenklicher Feuerwehrmann”

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Der Autor ist uns namentlich bekannt. Diese Zeilen geben die persönliche Meinung des Autors wieder.