Auf ein Wort: Rechtsstaat nach moralischen Vorstellungen des Einzelnen. Wohin würde das führen?

2. Oktober 2018 um 20:44 Uhr

Auf ein Wort: Rechtsstaat nach moralischen Vorstellungen des Einzelnen. Wohin würde das führen?Ich bin Admin dieser Seite und in den letzten Tagen prägte unsere Berichterstattung über den “Hambi” das Bild unserer Seite.

Unter anderem “erfreute” sich der Leserbrief eines Kollegen großer Aufmerksamkeit, der seine Gedanken zum “Hambi”, bezüglich des Verhältnisses der Polizei zu Entscheidungen anderer Instanzen, äußerte. Hierbei stellte er auch auf den moralischen Aspekt ab und äußerte auch, dass er seinem Dienstgruppenleiter sagte, dass er sich krank gemeldet hätte, wäre er zum Einsatz im Hambi herangezogen worden.

Dieser Leserbrief sorgte für eine starke Reaktion. Weit über 1.000 Kommentare und unser Bericht wurde über 5.500 Mal auf Facebook geteilt.

Eine sehr sehr hohe Anzahl der User, die unter dem Bericht kommentierten, stellten dabei darauf ab, dass die Polizei vor Ort moralisch handeln müsse. Es wurde dazu aufgefordert, dass die Polizei die Helme abnehmen solle und sich auf die Seite der Demonstranten stellen solle. Es wurde gefordert, dass die Polizei streikt und es wurde gefordert, dass sich die Polizisten gemeinschaftlich krank melden sollen.

Darüber hinaus gab es eine Vielzahl von Beleidigungen, Anfeindungen und sogar Vergleiche der Polizei vor Ort am und im “Hambi” mit den Nazischergen des 3. Reiches, die dabei geholfen haben Menschen in Waggons zu stecken, zu deportieren und zu ermorden.

Gerade diese ganzen Dinge haben mich stark angefasst, obwohl ich gar nicht an diesem Einsatz beteiligt bin. Mich hat auch stark angefasst, dass auch wir als Seite und Admins dieser Seite, so stark angegriffen wurden, wir als empathielos, als gefühllos, als Handlanger des Kapitals, als Sklaven, als Totengräber des Klimas und Handlanger der Klimakiller und als Roboter bezeichnet wurden.

Ich bin eigentlich ein Typ der recht schwer zu beeindrucken ist. Ich bin fähig Negatives auszublenden. Aber die Kommentierungen unter dem Bericht haben mich beeindruckt – und zwar negativ.

Die Kommentierungen haben mir gezeigt, dass es mit Solidarität mit der Polizei nur dann weit her ist, wenn die Polizei für so viele nach deren Gutdünken handelt, ansonsten wird Polizei als Gegner betrachtet.
Dies wird mich nachhaltig beeinflussen, dessen bin ich mir sicher und es wird mein Bild von Bürger, Gesellschaft und mein Verhalten dazu nachhaltig ändern.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Menschen gibt, die sich eine Diktatur wünschen.

Viele werden sich jetzt fragen: “Was schreibt der da für einen Unsinn?”
Ich erkläre diese Aussage gerne.

So viele User, also Bürger dieses Landes, schreiben, dass sie von der Polizei moralisches Handeln in Bezug auf den Hambi und den dortigen Protest zeigen und aufgrund moralischer Gesichtspunkte ihre Arbeit niederlegen sollen, streiken sollen, sich krank melden sollen und sich dem Protest anschließen sollen.

Moral. Was ist das? Ist Moral das was die Protestler vorgeben? Ist Moral das was Regierung und Institutionen vorgeben? Ist Moral ein feststehender Begriff?

NEIN, das alles ist Moral nicht. Moral ist ein abstrakter Begriff, Moral ist das was jedes Individuum für sich dafür definiert.

Jeder Mensch hat unterschiedliche moralische Wertvorstellung. Was der eine für moralisch verwerflich hält, hält der nächste Mensch für völlig normal. Moral ist zudem wandelbar. Was vor 100 Jahren noch verpöhnt war, z. B. Nacktheit in der Öffentlichkeit, ist heute in vielen Bereichen absolute Normalität. Kaum jemand regt sich heute noch darüber auf, wenn beispielsweise im TV eine Frau mit ultrakurzem Röckchen gezeigt wird oder eine entblößte Brust usw.
Vor 100 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Da nun jeder Mensch eigene Vorstellungen von Moral und Werten hat, erklärt sich auch mein Satz, dass sich so viele offensichtlich eine Diktatur wünschen.
Nur in einer Diktatur ist nämlich Recht und Gesetz abhängig von den Moralvorstellungen eines Einzelnen, nämlich des Diktators und derer die er um sich scharrt, um seine Moralvorstellungen durchzusetzen.
Die Moralvorstellungen der anderen gelten nicht.

In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen müssen all die verschiedenen Moralvorstellungen unter einen Hut gebracht werden und dies geht nur dadurch, dass sich eine pluralistische Gesellschaft Recht und Gesetz verleiht. Hierdurch verzichtet sicherlich jeder Einzelne auch auf die Durchsetzung eines Teils seiner ganz persönlichen Moralvorstellungen, wobei er an anderer Stelle seine Moralvorstellungen berücksichtigt sieht.

Dies ist die einzige Möglichkeit, um eine Gesellschaft zusammen zu halten und so friedlich wie möglich zu halten, denn wenn jeder nur noch nach seinen moralischen Wertvorstellungen handeln würde, und wir nunmal wissen, dass diese individuell und manigfaltig unterschiedlich sind, dann hätten wir Faustrecht, dann hätten wir Selbstjustiz und dann hätten wir letztlich eine Diktatur und einen Polizeistaat.

Polizei kann und darf daher gar nicht nach moralischen Gedanken handeln, da eben auch jeder Polizist ein Individuum ist mit eigenen moralischen Wertvorstellungen.
Polizei kann nur nach Gesetz und geltendem Recht handeln, da dies die Dinge sind, die nicht perfekt aber eine Bündelung gesammelter moralischer Wertvorstellungen darstellen.

Das Grundgesetz sagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Es sagt auch, dass die verschiedensten Dinge zu schützen sind und es sagt aus, dass diejenigen die diesen moralischen Grundsätzen zuwider handeln, dafür sanktioniert werden.

DAS IST EIN MORALISCHER KOMPASS!

Deshalb wäre es fatal für uns, wenn wir Polizisten nur noch nach unserem eigenen moralischen Kompass handeln würden, denn dann würde jeder Bürger einmal feststellen, dass der moralische Kompass des ihm gegenüberstehenden Polizisten ein ganz anderer sein kann als sein eigener und dann hätte er echte Probleme, da der Polizist dann machen könnte was er will und dies auch noch mit seinen moralischen Wertvorstellungen rechtfertigen könnte.

Das wünschen sich so viele wirklich?
Oder ist es viel mehr so, wie ich es vermute, dass sich diese vielen Leute darüber überhaupt nicht bewusst sind, wenn sie so etwas in ihren Kommentaren fordern?

Ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag zum Nachdenken anregen kann, ob man wirklich will, dass Polizei/Polizisten ihren eigenen moralischen Kompass zum Grundsatz für ihr polizeiliches Handeln machen oder ob es nicht doch besser ist, wenn für Polizisten geltendes Recht und Gesetz Grundlage für deren Handeln bleiben soll.

Und Eines noch ganz persönlich an diejenigen, die sich moralisch im Recht sehen, dann aber aufs schwerste andere beleidigen, nur weil diese andere moralische Standpunkte vertreten:

Lasst es doch einfach sein, denn eure Wertvorstellung wird ad absurdum geführt, wenn ihr einerseits eurem “Gegner” moralisches Fehldenken vorwerft und gleichzeitig dabei die Würde des “Gegners” mit Füßen tretet indem ihr ihn beleidigt. Die Lächerlichkeit, die Unsinnigkeit und die Widersprüchlichkeit eines solchen Verhaltens müsste jedem klar sein.