Gedanken einer jungen Frau: Ich war Silvester 2015 in Köln und mache der Polizei keinen Vorwurf

27. Oktober 2018 um 21:13 Uhr

Gedanken einer jungen Frau: Ich war Silvester 2015 in Köln und mache der Polizei keinen Vorwurf

Hallo liebe Polizisten-Menschen!

Silvester 2015/16 war ich ich Köln und wollte das Feuerwerk ganz gemütlich mit einer Freundin am Rhein anschauen und dann wieder zurück ins Hotel. Keine Menschenmengen, keine Partys, einfach nur entspannt ins neue Jahr.

Es kam anders, wir gerieten in das hinlänglich bekannte Treiben und am Ende war ich eine der zahlreichen Frauen, die Anzeige erstattet haben.

Ins Detail möchte ich gar nicht weiter gehen. Meine Erlebnisse umfassten am Ende fast 5 DIN A4 Seiten.
Sie veränderten mein Leben, mein Weltbild und das Vertrauen in die Menschen (vorübergehend auch in die Polizei) nachhaltig.

Uns war damals ziemlich schnell klar, dass sich da etwas „sehr seltsames“ zusammen braute, mein erster Gedanke war, bloß nicht am Rhein entlang zurück, besser Richtung Domplatte bzw. Hauptbahnhof. Da ist immer Polizei, dann wird uns nichts passieren. Es war ein Trugschluss. Damit begaben wir uns in einen unsäglichen Spießrutenlauf, die Szenen und das Erlebte haben sich in mein Hirn gebrannt.

Polizei war da, allerdings nicht sehr zahlreich im Verhältnis zu der Menschenmenge. Die, die ich wahrnahm, standen da wie paralysiert. So war mein Eindruck damals. Wahrscheinlich ebenso paralysiert wie ich selbst. Nachdem wir endlich aus der großen Menge rauskamen, rannten wir durch den Bahnhof so schnell es ging und dann ins Hotel zurück.

Am nächsten Tag bei der Heimfahrt hörte ich im Radio von den überwiegend friedlichen Silvesterfeierlichkeiten in Köln und war entsetzt. Fragte mich in welchem Köln ich wohl gewesen war, ob vielleicht doch alles nur ein böser Traum war. Im Laufe des 1.1. telefonierte ich mit Familie und Freunden, erzählte Bruchstücke vom Erlebten. Die ersten Reaktionen waren ungläubig, so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein ect.

Doch, war es – und zwar sogar noch schlimmer. In mir stieg unsäglicher Zorn auf, den ich in einer E-Mail an die Polizei zum Ausdruck brachte. Rückblickend zum Glück ging diese E-Mail nicht raus, es gab ein technisches Problem. Am 3. oder 4. verfasste ich erneut eine E-Mail. Diesmal aber sachlich und nicht bzw. weniger emotionsgeladen.

Sehr zeitnah erhielt ich Rückmeldung und man nahm sich meiner Angelegenheit an. Es wurde dafür gesorgt, dass ich meine Aussage heimatnah machen konnte. Dem Polizisten, der sie am Ende aufnahm, bin ich bis heute unendlich dankbar. Sein professioneller und freundlicher Umgang mit mir, die Tatsache, dass er mich ernst nahm und mir eindringlich riet Hilfe anzunehmen, das Erlebte zu verarbeiten, wenn es denn nötig ist, war wie Balsam für mich.

Dass ich tatsächlich Hilfe nötig hatte, wurde mir allerdings erst klar nachdem ich 1,5 Monaten nicht geschlafen hatte.

Was ich nun sagen möchte ist, dass ich keinem der anwesenden Polizisten vor Ort einen Vorwurf machen möchte. Im Gegenteil, heute weiß ich, dass sie damals ebenso hilflos und überfordert waren wie ich selbst. Und vor allem in der Unterzahl.

Ich habe Hochachtung vor euch Polizisten-Menschen und vor all dem was ihr leistet und dem was ihr oft über euch ergehen lassen müsst. Insbesondere jetzt auch am Hambacher Forst ❤️️

Ich überlege oft, ob und wie ich die Polizisten vor Ort unterstützen könnte. Blumen, Kuchen, Snacks, meine Dusche zur Verfügung stellen, ein Gästezimmer, Spenden, was auch immer.

Eben auf dem Heimweg kamen mir 19 Polizeibusse entgegen und mir kam wieder der Gedanke, ich möchte mit keinem von euch tauschen 🙁

Und das, obwohl ich selbst in einem Beruf arbeite, dem wenig Anerkennung wiederfährt, aber immerhin stehen wir da nicht so im Kreuzfeuer.

Es war mir ein großes Bedürfnis das mal mitzuteilen.

Einen schönen Abend wünsche ich!”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, sie möchte jedoch anonym bleiben.