“Erfolgsgeschichte” Wache am Alexanderplatz: Eine Statistik die Fragen aufwirft

2. November 2018 um 20:17 Uhr

"Erfolgsgeschichte" Wache am Alexanderplatz: Eine Statistik die Fragen aufwirftVor rund einem Jahr wurde am Berliner Alexanderplatz die Wache eingerichtet. Hier versehen Polizisten in Uniform und Zivil zusammen mit Vertretern anderer Behörden ihren Dienst, da der Alex, wie die Berliner ihn nennen, ein Kriminalitätsschwerpunkt war. Touristen waren oft eine leichte Beute für die teils professionell agierenden Banden.

Folgerichtig wurde der Entschluss gefasst, dort eine Wache zu installieren, auf der Polizisten rund um die Uhr anwesend sind. Einerseits um Straftaten schneller verfolgen zu können, da sie sich eben direkt vor Ort befinden, andererseits auch durch die Anwesenheit Straftaten zu verhindern.

Nach einem Jahr Wache am Alex wurden nun Zahlen vorgelegt und Innensenator Andreas Geisel teilt der Presse überschwänglich mit: “Die Ermittlungsgruppe am Alexanderplatz ist eine Erfolgsgeschichte.” Demnach hätten sich zum Beispiel die Fälle von gefährlicher Körperverletzung auf die Hälfte verringert.

Auch was Taschendiebstähle angehe, hätten sich die Fallzahlen deutlich reduziert. Dies sei dem Umstand zu verdanken, dass man durch die Polizisten direkt vor Ort Täter der Verurteilung durch die Justiz hätte zuführen können. Innensenator Geisel: “So erklären sich auch die Rückgänge bei den Taschendiebstählen. Das sind reisende Banden, die das gewerbsmäßig betreiben. Und indem man dort zu Verurteilungen gekommen ist, sind ganze Tatserien unterbrochen worden.”

Nun, wir und auch die Kollegen vor Ort möchten dem Innensenator nicht widersprechen. Die Präsenz von Polizisten an einem Kriminalitätsschwerpunkt kann nur eine Erfolgsstory sein. Das ergibt sich aus der Natur der Sache. Beamte, die nicht erst anfahren müssen, sondern sich direkt vor Ort befinden, können schneller einschreiten. Ständige Präsenz verhindert Straftaten, zwar nicht gänzlich, aber spürbar. Das ist und war schon immer so.

Insofern geben wir dem Innensenator Recht, das Rad neu erfunden hat er damit aber nicht, nur eine logische und fällige Konsequenz gezogen und in die Tat umgesetzt. Das für sich genommen ist schon löblich.

Doch schaut man sich die Zahlen genauer an, sieht die Sache schon nicht mehr so rosig aus wie dargestellt. Martin Pallgen, Sprecher des Innensenatsverwaltung, war so freundlich auf Twitter die Zahlen zu veröffentlichen, die den Zeitraum 1. Quartal 2017 bis 3. Quartal 2018 umfassen.

Hier schauen wir uns insbesondere die sogenannten Rohheitsdelikte an, also die, bei denen der/die Täter Gewalt anwenden, wie Körperverletzung, Raub und Widerstand.

Bei der einfachen Körperverletzung stiegen die Zahlen von Anfang bis Ende 2017 kontinuierlich von 135 auf 211 Delikte, um dann bis zum 3. Quartal 2018 auf 119 abzusinken. Hier von einer Halbierung zu reden ist sehr kurzsichtig, da nur die langfristige Entwicklung eine Aussagekraft hat. Natürlich sind die Fälle von Quartal 4 2017 zu 3 2018 auf nahezu die Hälfte gesunken. Verschiebt man das Raster aber nur um ein Quartal nach vorne um den Zeitraum der Einrichtung der Wache abzudecken, ändern sich die Zahlen und von einer Halbierung kann keine Rede mehr sein.

Bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung sieht es noch einmal anders aus. Nach einem Anstieg bis zum Herbst 2017 haben sich die Fälle zwischen 13 und 23 eingependelt und bewegen sich nur geringfügig unter den vorherigen Fallzahlen. Auch hier gilt es zu beachten, dass nur langfristige Zahlen (also über mehrere Jahre hinweg) eine durchgreifende Tendenz erahnen lassen, was mit den vorliegen Zahlen schlicht nicht möglich ist.

Auch beim Raub sind die Zahlen vergleichbar wenig gefallen. Vergleicht man zum Beispiel die beiden erste Quartale 2017 mit 2018, bewegen sich die Fälle auf einem nahezu gleichen Niveau.

Fragen werfen allerdings die Zahlen für Widerstandsdelikte auf. Diese bewegten sich in 2017 zwischen sieben und 18 Fällen. Doch dann, ab 2018, kein einziger Fall. Nichts, nada. Es ist kaum vorstellbar, dass die Zahlen der Rohheitsdelikte sich nicht weit von ihrem statistischem Mittel über knapp zwei Jahre entfernt haben und ausgerechnet die Widerstandsdelikte über neun Monate hinweg vollkommen verschwunden sind.

Bestätigt wird diese Annahme durch die Kollegen vor Ort, die auch weiterhin davon berichten, dass Widerstände auf dem Alex nahezu an der Tagesordnung seien. Auch die Kollegen können sich diese Abnahme auf Null nicht erklären.

Wahrscheinlich ist, dass die Widerstände nicht mehr als solche statistisch erfasst werden, sondern, wenn ein Kollege hierbei auch verletzt wurde, in die Körperverletzungen “hinein gerechnet” werden. Dies würde zwar bedeuten, dass die Körperverletzungsdelikte gegen Nicht-Polizisten abgenommen hätten, gegen Polizisten jedoch nicht.

Eine Statistik mit fraglicher Aussagekraft. Hinzu kommt, was ebenfalls zu bedenken ist, dass diese Zahlen keine Aussage darüber treffen, ob durch die ständige Anwesenheit der Polizei auf dem Alex nicht ein Verdrängungseffekt eingetreten ist und dieselben Täter, anstatt auf dem Alex, woanders ihr kriminelles Treiben fortsetzen. In diesem Fall wäre diese Statistik eine Milchmädchenrechnung. Für den Alex im besten Falle gut, für Berlin belanglos.