Freispruch: Polizist begeht nach Weihnachtsfeier und ungewohntem Alkoholkonsum Straftaten

5. November 2018 um 16:21 Uhr

Freispruch: Polizist begeht nach Weihnachtsfeier und ungewohntem Alkoholkonsum StraftatenDas Amtsgericht Lübeck hatte einen ungewöhnlichen Fall zu verhandeln und sprach ein interessantes Urteil. Es geht um die Begehung von Straftaten nach Alkoholkonsum und offenbar gelten Strafmilderungs- bzw. befreiungsgründe auch für Polizisten.

Es war im November, als Polizisten in Lübeck ihre Weihnachtsfeier in einem Hotel begingen. Die 15 Beamten gingen bowlen, aßen im Restaurant und zum Abschluss ging es in einen Club. Überall wurde Alkohol getrunken, die Stimmung soll gut gewesen sein.

Gegen 23:30 Uhr sollen sich dann die älteren Polizisten aufs Hotelzimmer verabschiedet haben, während die Jüngeren noch in einen Club gingen. Kolleginnen von André, der später straffällig werden sollte, sagten vor Gericht aus, dass alle angetrunken waren und ihren Spaß hatten, auch André selbst. Eine Kollegin hatte ein Auge auf den zum Tatzeitpunkt 24-jährigen Kollegen, weil sie Sorge hatte, dass er André beim versehentlichen Antanzen die Partner der Frauen verärgern könnte.

Irgendwann war André verschwunden, warum, weiß er selbst nicht mehr und berichtet dem Gericht von einem Filmriss: “Ich war wie in einem Traum, alles war gedämpft, ich war in irgendeiner Straße irgendeiner Stadt.”

Während seines Filmrisses soll der Polizist laut Polizeibericht ein Fahrrad entwendet, einen Taxifahrer überfallen und verletzt, eine falsche Verdächtigung ausgesprochen und bei seiner späteren Festnahme Widerstand geleistet haben.

Erst nach Festnahme und Entnahme einer Blutprobe im Krankenhaus kam André langsam wieder zu sich und wurde sich bewusst, “dass es kein Traum war, in dem ich mich die ganze Zeit befunden hatte”.

Laut Gutachter hatte André 1,7 Promille Alkohol im Blut und das, obwohl er Alkohol nur sehr selten und in Maßen trinke. Der Polizist habe keine psychische Erkrankungen und seine Biografie sei unauffällig. Wegen des vorliegenden Alkoholkonsums sei vermutlich ein Derealisierungs-Vorgang eingetreten: “Dazu passt, dass gewisse Erinnerungsverfälschungen vorhanden sind”, so der Gutachter.

Auch der überfallene Taxifahrer bestätigte diese Annahme, als er in der Hauptverhandlung davon berichtete, dass der Beamte unnormal reagiert und Unfug erzählt hätte. Staatsanwältin Bettina von Holdt sah hingegen keine verminderte Steuerungsfähigkeit, wertete die Aussage das angeklagten Polizisten als “hilfloser Versuch, sein Handeln im Nachhinein zu rechtfertigen” und forderte eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und eine Geldstrafe.

Der vorsitzende Richter Felix Spangenberg sah die angeklagten Taten als erwiesen an, allerdings auch die Tatsache, dass sich André “in einem pathologischen Ausfall-Zustand” befand und in diesem Zustand eine “entwirklichte Wahrnehmung” hatte. Der Polizist wurde als tadelloser und netter Beamter und Mensch beschrieben und habe zudem kein Motiv für die ihm zur Last gelegten Taten gehabt.

Das Schöffengericht urteilte mit einem Freispruch für den nun 26-jährigen Hamburger Polizisten.