Gastbeitrag von Dieter Müller: Wertschätzung in der Polizeiarbeit

3. November 2018 um 18:32 Uhr

Gastbeitrag von Dieter Müller: Wertschätzung in der PolizeiarbeitWertschätzung ist keine Einbahnstraße. Auf der einen Seite erbringen Mitarbeiter Leistungen und auf der anderen Seite nehmen andere Menschen diese Leistungen mit einer mehr oder weniger großen Erwartungshaltung entgegen.

Die Polizei ist als Organisation und Teil der exekutiven Staatsgewalt ein Dienstleister, deren Auftraggeber einerseits die Bürger sind und andererseits andere Behörden, mit denen die Polizeibeamten aufgrund gesetzlicher Aufträge zusammenarbeiten müssen wie z. B. die Staatsanwaltschaft, die Bußgeldbehörden oder die Fahrerlaubnisbehörden.

Die Wertschätzung von der behördlichen Seite besteht darin, dass auf Augenhöhe vertrauensvoll und transparent miteinander gearbeitet wird, um die gesetzlich definierten Ziele zu erreichen.
Die Wertschätzung von Seiten der Bürger ist zwiespältig und selten von Freude geprägt, sondern zumeist von der Erwartung erfüllt, dass die „bestens bezahlten Beamten“ ohnehin nur ihre Aufträge erfüllen, zu denen sie verpflichtet sind.

Manchmal jedoch wird auch Bürgern bewusst, dass gute polizeiliche Leistungen keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Ausdruck einer beruflichen Professionalität, die durchaus auch einmal mit einem „Danke“ gewürdigt werden kann.

Vorgesetzte Beamte und Dienststellen können dazu beitragen, dass den Polizeibeamten ihre Arbeit für und mit den Bürgern und Behörden erleichtert wird, indem gute Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird, die bereits dazu geeignet ist, die geleistete Arbeit in den Gesamtzusammenhang einzuordnen und deren besonderen Wert nicht unter den Scheffel zu stellen. Dies gilt insbesondere für Interviews und Presseartikel, aber auch für die Arbeit im Bereich Social Media.

Eine andere Art von Wertschätzung kann allerdings polizeiintern durch vorgesetzte Beamte und übergeordnete Dienststellen gegeben werden. Oft besteht jedoch auf dieser Seite eine Erwartungshaltung nach dem Motto:

„Nicht gemeckert ist schon genug gelobt.“
Dabei handelt es sich um nichts anderes als um Ignoranz gegenüber der geleisteten Arbeit.

Eine Beurteilung der geleisteten Arbeit nach Strichlistenmentalität wäre dabei in jeder Hinsicht kontraproduktiv. Polizeibeamte sind nicht auf die bloße Anzahl vorgenommener Bar-Verwarnungen zu reduzieren, ihre Arbeitsleistung ergibt sich aus einer Zusammenschau aller Leistungen in sämtlichen Bereichen ihres breiten beruflichen Spektrums, zu der insbesondere auch die Bereiche der Prävention und Gefahrenabwehr gehören, die sich nicht nach Strichlisten abrechnen lassen wie z. B. der Verhinderung einer Trunkenheitsfahrt, indem ein angetrunkener Fahrzeuginhaber erfolgreich durch Ansprache und Sicherstellung des Fahrzeugschlüssels am Abfahren gehindert wird und dieser nicht nach wenigen gefahrenen Metern angehalten wird, um eine Trunkenheitsfahrt intern „abrechnen“ zu können.

Echte Wertschätzung besteht auch daraus, dass der Wert der geleisteten Arbeit von den vorgesetzten Beamten und Dienststellen nicht nur wortlos entgegengenommen wird, sondern inhaltlich zuerst auf die Erfüllung des gesetzlichen Auftrages hin geprüft wird, um daraufhin in einem zweiten Schritt fair und transparent auf die Qualität der Arbeiten bewertet zu werden. Wertschätzung bedeutet daher im Ergebnis, ein Urteil über die geleistete Arbeit abzugeben.

Dieses Urteil muss dabei nicht unbedingt ausschließlich positiv sein, sondern kann auch aus einem professionellen Hinweis auf fehlerhafte Arbeit bestehen, mit dem Ziel, die zu erbringende Arbeitsleistung in ihrer Qualität für die Zukunft zu verbessern. Vorgesetzte Personen und Dienststellen leisten dadurch einen Beitrag zur Verbesserung der Polizeiarbeit und die Wertschätzung besteht darin, ihre Mitarbeiter ernst zu nehmen und ihnen Hilfestellungen zu geben, um sie individuell zu fördern und dadurch ihre Akzeptanz auch im Kollegenkreis zu erhöhen.

Wird eine qualitativ hochwertige Arbeit geleistet, bei der den Mitarbeitern durchaus bewusst ist, dass sie sich durch die Qualität ihrer Arbeit von ihren Kolleginnen und Kollegen abheben, kann durchaus die Erwartungshaltung entstehen, für diese besondere Qualität auch einmal gelobt zu werden. Lob ist eine besondere Art von Wertschätzung, in der zum Ausdruck kommt, dass eine übergeordnete Person oder Dienststelle sehr wohl zwischen unterschiedlichen Arten der Auftragserledigung unterscheiden kann und positive Ergebnisse daher besonders würdigt.

Die Art dieser Wertschätzung kann durchaus unterschiedlich sein. Ein Lob kann unter vier Augen ausgesprochen werden, aber auch vor versammelter Mannschaft zum Beispiel einer Dienstgruppe besonders herausgestellt werden. Wertschätzung hat also auch etwas mit Vorbildfunktion und gutem Beispiel zu tun, um in die Zukunft hin wirksam zu sein.

Gute Vorgesetzte erkennen die Unterschiede bei ihren Mitarbeitern und loben Sie gerne. Schlechte Vorgesetzte geben die gute Arbeit ihrer Mitarbeiter als eigene Erfolge aus. Wertschätzung hat damit auch eine berufsethische Komponente, die von Vorgesetzten erkannt werden will, aber nicht von allen erkannt wird.

Neben der immateriellen Wertschätzung ist auch eine materielle Wertschätzung möglich. Diese kommt üblicherweise in der Möglichkeit zum Ausdruck, für dauerhafte gute Arbeit eine Geldprämie auszuschütten. Eine weitere Möglichkeit wäre es, Sonderurlaub zu erteilen.

Eine dritte Möglichkeit wäre es, Urkunden, Orden oder Ehrenzeichen zu vergeben, um besondere Arbeitsleistungen zu würdigen. Alle drei genannten Arten der materiellen Wertschätzung treten neben die immaterielle Wertschätzung und können miteinander kombiniert werden.

Die aus meiner Sicht beste und nachhaltigste Art der Wertschätzung geschieht jedoch im Kreis von Kolleginnen und Kollegen. Sie besteht aus der gegenseitigen Akzeptanz der geleisteten Arbeit in Form einer Kollegialität auf Augenhöhe und einer Kameradschaft wie sie heute leider selten geworden ist.

Diese Art der Wertschätzung kann man nicht erkaufen und nicht erzwingen. Sie ist ein Geschenk, das nur durch dauerhaft transparente, ehrliche, offene und fleißige Arbeit erworben werden kann. Diese Art der Wertschätzung wirkt nachhaltig und motivierend mit Richtung auf die Zukunft hin. Sie kostet kein Geld, sondern lediglich die richtige Einstellung zum Beruf, guten Willen und positives Denken sowie das Ziehen am gleichen Strang in gleicher Richtung.

Der Polizeiberuf ist nicht nur ein Erfahrungsberuf, sondern auch ein Beruf, in dem es darauf ankommt, einander in kritischen Situationen beizustehen und sich aufeinander zu 100 % verlassen zu können. Diese Einstellung kann wiederum durch vorgesetzte Personen und Dienststellen aktiv gefördert werden, in dem ein vertrauensvolles Klima geschaffen wird und gute Arbeit durch gegenseitige Wertschätzung belohnt wird.

Herzlich grüßt Euch
Euer
Dieter Müller

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Dieter Müller ist zwar kein Polizist mehr, er steht der Polizei sehr nahe. Er ist Professor für Straßenverkehrsrecht an der Hochschule der Sächsischen Polizei, begann seine Laufbahn jedoch als Polizist bei der niedersächsischen Polizei. Auch sein kürzlich verstorbener Vater trug die damals noch grüne Uniform. Dieter Müller kann es sich also durchaus erlauben, einen Blick in die Polizei und die Polizistenseele zu wagen.