Mit den Kollegen auf Streife: Aus dem Tagebuch einer Polizistin – Teil 1

14. Dezember 2018 um 21:16 Uhr

Mit den Kollegen auf Streife: Aus dem Tagebuch einer Polizistin - Teil 1Wir haben hier die Zuschrift einer Kollegin erhalten, die euch auf Streife mit nimmt. Eine Schicht lang gibt sie Einblick in die Polizeiarbeit und die Gedanken- und Gefühlswelt eines Polizisten. Der erste Teil ist hier zu lesen, der zweite Teil folgt morgen.

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Aus dem Tagebuch einer Polizistin

…und ich komme emotional und körperlich geschwächt von der Arbeit nach Hause und wünschte mir wie so oft, dass jemand in meinem Bett liegt, der auf mich wartet, an den ich mich kuscheln kann, um alles fallen zu lassen.

Der mich versteht und weiß, dass es auch solche Tage in meinem Beruf gibt, an denen man sich nichts mehr wünscht, als einfach in den Arm genommen zu werden mit dem Wissen, mein Partner ist stolz auf mich. Einen Ruhepol in einem oft so lauten Leben.

Es ist Freitag, mein Kollege und ich fahren den Dienst zwischen Spät und Nacht. Momentan ist das Einsatzaufkommen der Spätdienste ziemlich hoch. So auch heute. Diverse Kleinigkeiten aber auch größere Lagen im regionalen Bereich stehen auf dem Tableau.

Zu Beginn werden wir zu einer Unterstützung bei einem Ladendiebstahl gerufen. Die beiden Kinder sind betrunken, aggressiv und müssen zurück in die soziale Einrichtung, wo sie zurzeit betreut werden. Und schon bei dem Gedanken daran, gleich zwei halbstarke vor mir zu haben, die schon in diesem jungen Alter Alkohol konsumieren und aggressiv gegenüber autoritären Personen sind, stimmt mich auf einer Seite traurig.

Als wir angekommen sind, werden auch mein Kollege und ich direkt von den beiden angepöbelt. Wir müssen sie stützen, weil laufen kaum noch möglich ist. Es stellt sich heraus, dass die beiden nicht nur geklaut und getrunken haben, BtM, Sachbeschädigung an geparkten Fahrzeugen, Beleidigung und die Äußerung von suizidalen Gedanken sind ebenfalls dabei.

Die beiden sitzen nun hinten bei uns im Bulli, sind weiter vorlaut und einer von ihnen fängt an von innen gegen die Scheibe zu rotzen. Traurig aber wahr.

Mein Kollege macht ihm daraufhin eine Ansage, die jedoch das Ziel verfehlt. Während der gesamten Fahrt müssen wir uns von den beiden Halbstarken beleidigen lassen. Ich möchte nochmals betonen, dass es sich um Kinder handelt.

In der sozialen Einrichtung angekommen sprechen wir mit der anwesenden Betreuerin und entscheiden gemeinsam, dass beide in diesem Zustand nicht tragbar sind. Neben dem aggressiven verhalten, dem hohen Alkoholkonsum und den suizidalen Absichten entschließen wir uns, beide in die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu bringen.

Nach Absprache mit dem Jugendamt und einem Rettungswagen fahren wir beide dort hin. Einer im RTW, einer bei uns im Bulli. Ich glaube, es erübrigt sich zu erwähnen, dass wir während der gesamten Zeit und dem vorausgegangen warten weiter von den beiden beleidigt wurden. Als die RTW-Besatzung eintraf, blieben auch sie nicht verschont. Aufgrund der Tatsache, dass beide auch aggressiv uns gegenüber wurden – es flogen Flaschen, Becher und Mülleimer – mussten wir beiden zu ihrer und unserer Sicherheit Handfesseln für die Zeit des Wartens und des Transports anlegen.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie angekommen, werden beide voneinander getrennt untergebracht und bekommen erstmal eine Auszeit. Es wird sich zeigen, wann wir einen oder beide wieder auf der Straße aufgreifen.

Hinterher auf der Rückfahrt zur Dienststelle unterhalten mein Kollege und ich uns über den Einsatz und kommen zu dem Ergebnis, dass beide schon in diesem Alter ein polizeiliches Gegenüber darstellen. Das ist ziemlich traurig, aber es wird vermutlich mit den nächsten Jahren nicht besser. Wir werden diese beiden vermutlich immer wieder aufgreifen.

Keine Pause, es geht direkt weiter.

Da drinnen gerade Schichtwechsel ist, fahren wir den ersten Angriff bei einem Tageswohnungseinbruch einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. In der dunklen Jahreszeit kommt es vermehrt zu Einbrüchen. Und die meisten verlaufen ähnlich.

Die Mieter oder Eigentümer kommen nach Hause und gehen erstmal in alle Räume, fassen alles an und rufen anschließend die Polizei. Bis dahin sind leider schon ziemlich viele Spuren vernichtet worden. Eventuelle Fußabdruckspuren, die sich im Einstiegsbereich befinden oder Fingerabdrücke an Tür- oder Fensterrahmen. So auch in diesem Fall.

Die Mieter der Wohnung, ein älteres Ehepaar, rennt durch die gesamte Wohnung von Raum zu Raum und vernichtet somit viele Spuren. Mein Kollege begleitet die Eheleute in die Küche, wo der/die Täter nicht gewesen zu sein scheinen und ich beginne an dem Einstiegsort, der Terrassentür, nach verbliebenen Spuren zu suchen.

Als unser ziviler Kriminaldienst eintrifft, übernehmen sie den Tatort und wir ziehen weiter. Gerade im richtigen Moment, denn als wir gerade im Auto saßen, riefen Kollegen aus dem Landkreis um Hilfe. Einsatzfahrt durch den halben Landkreis im strömenden Regen.

Bei unserem Eintreffen stehen 15-20 Jugendliche auf der Straße und dem Bürgersteig verteilt. Wir verschaffen uns einen Überblick und erfahren, dass einer von ihnen im Besitz einer Schusswaffe sein soll. Erhöhte Vorsicht geboten in Bezug auf Eigensicherung.

Der Umgangston wird lauter und die Kollegen und wir sprechen den Verdächtigen an, legen ihm Handfesseln an und durchsuchen ihn nach der Schusswaffe. Plötzlich einsetzender Platzregen erschwert jegliche polizeiliche Maßnahme. Wir konnten keine Schusswaffe ausfindig machen und auch sonst keine strafrechtlich relevanten Hinweise erlangen.

Komplett durchnässt fahren wir zurück in unseren Zuständigkeitsbereich. Mein Kollege und ich finden nun Zeit, um durchzuatmen, etwas zu essen und einige allgemeine Verkehrskontrollen durchzuführen. Aber was wäre eine Freitagnacht ohne Streitereien am Bahnhof?!

Unser nächster Auftrag. Wir unterstützen die Bundespolizei am Bahnhof, weil es dort zu Streitereien zwischen alkoholisierten Personen gekommen sei. Wie sich herausstellt, existiert bereits ein bestehender Platzverweis für eine Partei. Der anderen Partei wird ebenfalls für die Nacht ein Platzverweis ausgesprochen. So gehen alle getrennte Wege und es kehrt Ruhe am Bahnhof ein.”

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Wie diese Schicht enden wird, könnt ihr morgen hier bei uns lesen.

Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.