Mit den Kollegen auf Streife: Aus dem Tagebuch einer Polizistin – Teil 2

15. Dezember 2018 um 21:36 Uhr

Mit den Kollegen auf Streife: Aus dem Tagebuch einer Polizistin - Teil 2Gestern haben wir euch den ersten Teil aus dem Tagebuch einer Polizistin vorgestellt. Die Kollegin schildert darin ihre Einsätze und was sie dabei denkt und fühlt. Wie diese Schicht endet, lest ihr nun hier im zweiten Teil:

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“Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Mein Kollege und ich nehmen einen Einsatz einer hilflosen Person an. Nähere Informationen hierzu haben wir nicht und wie sich später herausstellt, wird das nicht nur unser Feierabendeinsatz, sondern darüber hinaus werden für diesen Einsatz auch noch Überstunden fällig.

Aber von vorne.

Wir kommen am Einsatzort an und finden einen Mann vor, der allem Anschein nach mit sich und seinem Leben völlig überfordert war, ungepflegt, zeitlich und örtlich nur halbwegs orientiert. Mein Kollege unterhält sich mit ihm, um seine Personalien festzustellen und ich unterhalte mich mit der Anruferin, um mehr Informationen über den Sachverhalt zu erlangen.

Wie zu erwarten war, gab es kaum bis gar keine Informationen, die uns in unseren polizeilichen Maßnahmen weiterhelfen. Als wir endlich die Personalien der Personen feststellen konnten und diese über unsere Systeme haben laufen lassen, wussten wir immerhin, dass es sich um ein polizeilich bekanntes Gegenüber handelt mit dem Vermerk Hepatitis C Patient.

Weiter wird uns die Auskunft gegeben, dass unser Gegenüber einen offenen Haftbefehl hat. Da der Mann jedoch alles andere als haftfähig ist, ist es uns unmöglich ihn mit zur Dienststelle und ins Gewahrsam zu nehmen. Wir entschließen uns eine RTW hinzuzuziehen, da der Mann freiwillig in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden und dort professionelle Hilfe in Anspruch nehmen möchte.

Nachdem der RTW eingetroffen ist, hält die Besetzung Rücksprache mit der psychiatrischen Klinik über die Einlieferung des Patienten. Dort angekommen, schildern mein Kollege und ich dem zuständigen Arzt die Situation und es beginnt ein langes hin und her, ob und wer zuständig ist und ob der Mann professionelle Hilfe bekommt oder doch im Gewahrsam der Polizei landet.

Diese unnötige Diskussion hätte man abkürzen können. Zumal der Patient mit all seinen Sachen im Vorraum der Anmeldung sitzt und genau wie wir darauf wartet, ob ihm geholfen werden kann. Laut seiner Aussage und den Eindruck, den wir gewinnen, geht es dem Mann körperlich und geistig nicht gut.

Der polizeiliche Gewahrsam ist keine Möglichkeit, da ein medizinischer Fall vorliegt und kein Haftrichter dem Patienten eine Haftfähigkeit bescheinigt. Der zuständige Arzt diese Nacht jedoch sah dies anders. Nach etwa zwei Stunden mit Telefonaten und Gesprächen mit der Chefärztin ist es letztlich doch möglich, dass der Mann, so wie er wollte, in der psychiatrischen Klinik bleibt und professionelle Hilfe bekommt.

Da Wochenende ist, wird es bis voraussichtlich Montag andauern, bis entschieden ist, wie es weiter geht und ob eine Verlegung in eine JVA für die Vollstreckung des Haftbefehls möglich ist.

Ich werde oft gefragt, ob mir solche Einsätze nahe gehen und ich antworte immer dasselbe. Mir tun solche Menschen immer leid, keine Frage, aber ich versuche ihnen so gut es geht zu helfen. Da ich in der Regel keine emotionale Verbindung zu meinem Gegenüber habe, fällt es mir nicht schwer das ganze objektiv zu betrachten und die beste Lösung für alle zu finden.

Natürlich gibt es auch die andere Seite, die Einsätze, die einem emotional Nahe gehen, doch diese Art von Einsätzen gehören nicht dazu. Ich bin auch der Meinung, wenn man gewisse Dinge nicht mit dem nötigen Abstand betrachten kann, wird es schwierig diesen Beruf auszuführen.

Natürlich ist der Einsatz mit dem Verbleib des Patienten in der psychiatrischen Klinik nicht abgeschlossen. Auf der Dienststelle folgen noch Schreibarbeit, doch dann heißt es für meinen Kollegen und mich Feierabend.

Ich bin immer noch durchgefroren und klamm von dem Platzregen. Auch unter der Dusche merke ich, dass sich das warme Wasser auf der Haut heiß anfühlt und ich nehme mir einen Moment und stehe einfach nur da und genieße, wie sich mein Körper langsam aufwärmt.

Auf der Heimfahrt höre ich immer meine Lieblingsmusik und singe mit, aber heute war wieder einer dieser Dienste, wo die Musik irgendwann in den Hintergrund rückt, weil meine Gedanken den Dienst Revue passieren lassen.

Ich suche mir einen Parkplatz, nehme meine Sachen von Beifahrersitz und ich komme emotional und körperlich geschwächt von der Arbeit nach Hause und wünschte mir wie so oft, dass jemand in meinem Bett liegt, der auf mich wartet, an den ich mich kuscheln kann, um alles fallen zu lassen und einzuschlafen.

Der mich versteht und weiß, dass es auch solche Tage in meinem Beruf gibt, an denen man sich nichts mehr wünscht, als einfach in den Arm genommen zu werden mit dem Wissen, mein Partner ist stolz auf mich.

Einen Ruhepol in einem oft so lauten Leben.”

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Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.