Wie ein Brandbrief vor 10 Jahren in Düsseldorf half, die Partymeile wieder in den Griff zu bekommen

6. Dezember 2018 um 15:01 Uhr

Wenn man die Zeit vor und nach dem Brandbrief eines Polizisten von der Altstadtwache in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) vergleicht, dann hat sich einiges getan, sogar zum Guten. Auch wenn sich die Lage selbst nicht geändert hat, ist die Polizei nun so aufgestellt, der Lage wieder Herr zu werden.

Selbst der damalige Polizeipräsident hatte schon 2003 in einem öffentlichen Vortrag gesagt, dass er sich nach Mitternacht in der Altstadt nicht mehr wohl fühle – und sorgte damit für Furore. Doch es änderte sich nicht viel.

Junggesellenabschiede, gewaltbereite Fußballfans die sich zur dritten Halbzeit auf der Partymeile verabredeten, Sauftouristen und Migrantengruppen, die die betrunkenen Gäste für Raubüberfälle und Gewalttaten ausnutzten, hielten die Polizisten in Atem. Und das in Zeiten des Spardiktats, welches gerade voll zu greifen schien.

Es wurde sogar darüber diskutiert, keine Frauen mehr auf der Altstadtwache zu beschäftigen. Man wollte Fehlerquellen möglichst aussortieren, denn das Personal war auf Kante genäht und reichte nicht, um Straftaten zu verhindern, nur noch sie zu verwalten. Die Polizisten tippten völlig erschöpft nur noch den “ganz normalen Alltagswahnsinn” in den Computer und weiter gings.

Zwar wurden 2004 die Interventionstrupps und eine Kameraüberwachung eingeführt. Doch das Partyklientel hatte sich mittlerweile ebenfalls geändert. Wo bei Polizeieinsätzen zuvor nur teilnahmslos gegafft wurde, fühlten sich nun die Partygänger bemüßigt, sich einzumischen. Die Situation spitzte sich zu.

“Zu zweit konnte man nicht mehr Streife gehen. Die Beamten brauchten Kollegen, die sie sicherten, während sie ihre Arbeit taten”k, heißt es von einem ehemaligen Altstadt-Polizisten. Das alles war bekannt, weil es von den Beamten dokumentiert wurde. Doch es tat sich nichts. Die Polizisten hatten die Lage irgendwie doch noch mehr oder weniger im Griff, die vollkommene Eskalation konnte verhindert werden. Vermutlich auch nur, weil die Polizisten alles gaben, weil es zu ihrem Selbstverständnis gehörte, nicht aufzugeben oder den Kopf in den Sand zu stecken.

Dann kam im November 2008 der Brandbrief eines Dienstgruppenleiters der Altstadtwache. Eigentlich war nie geplant, dass dieser öffentlich wurde, er war an die Vorgesetzten gerichtet. Doch der Brandbrief fand seinen Weg in die Presse und veränderte damit so einiges.

“Die Polizei hetzte von Einsatz zu Einsatz (…) Kaum ein Besucher der Altstadt stellte sich normal dar. Die Gewaltspirale dreht sich immer schneller, und in den letzten Monaten kommen objektive Momente hinzu, die das erträgliche Maß überschreiten. Wenn wir als Polizei der Entwicklung keinen Einhalt gebieten (…) werden wir die Einsätze verlieren“, hieß es sehr deutlich in diesem Brandbrief.

Bereits zwei Wochen nach dem Brandbrief wurde das Konzept “Sichere Altstadt” vorgestellt und es war ein Sammelsurium an Maßnahmen, die man der Gewaltspirale entgegen setzte. Die Nachtdienste am Wochenende und zu Feiertagen wurden auf der Altstadtwache verdoppelt, Personal von außen in die Innenstadt verlegt.

Aufenthaltsverbote, teils mehrere Wochen lang, wurden gegen Randalierer ausgesprochen. Die Partyzeiten auf der Meile waren von nun an nicht mehr Alltagslage, sondern besondere Einsatzlage. Der damalige Innenminister zögerte zwar, entschied sich dann aber doch dafür, der Altstadtwache Unterstützung der Bereitschaftspolizei zuzusagen. Und auch die Reiterstaffel, die schon eingestampft worden war, wurde nun Teil des Konzeptes.

“Da gab es eine gesellschaftliche Veränderung, die wir als Polizei ein Stück weit verpennt haben. Der Bericht des Kollegen sprach vielen Polizisten in der Altstadt aus der Seele. Danach hat sich einiges getan”, wird ein Beamter zitiert, der diese Zeit selbst miterlebt hat.

“Es war das Beste, was uns passieren konnte”, sagen noch heute viele Polizisten über den Brandbrief. Denn ohne die Veröffentlichung hätte alles noch viel länger gedauert, wenn sich überhaupt etwas geändert hätte. Denn, so ein damals führender Beamter, die Polizei zeichne sich, wenn es um gewachsene Strukturen gehe, “durch ein enormes Beharrungsvermögen aus” – nicht selten zu ihrem Nachteil.

Das Konzept “Sichere Altstadt”, welches wegen des Brandbriefes in aller Schnelle aus dem Boden gestampft wurde, gilt bis heute und wird nach Evaluierung durch das Landeskriminalamt als “Konzept 2020” weiter entwickelt, mit geringfügigen Veränderungen nach der Silvesternacht 2015.