Auf ein Wort: Von der Lust am Polizei-Bashing

21. Januar 2019 um 20:48 Uhr

Auf ein Wort: Von der Lust am Polizei-BashingSchon mehrfach haben wir darauf hingewiesen, dass man eine Situation nicht danach beurteilen sollte, wie der erst Anschein vielleicht wirken mag. Zwangsmaßnahmen der Polizei sehen meist nicht schön aus, weil wir gegen den Willen unseres Gegenübers agieren müssen. Aber die Polizei ist nicht dafür da, eine Kür abzuliefern und dabei möglichst gut wegzukommen, die Polizei hat für Ordnung und Sicherheit zu sorgen.

Vor gut zwei Wochen kam es zu einer solchen Maßnahme in Berlin. Das Bezirksamt Mitte hatte angeordnet, dass ein Camp der dortigen Obdachlosen wegen hygienischer Gründe geräumt werden sollte und zur Durchsetzung der Maßnahme wurde die Polizei um Amtshilfe gebeten.

Die Räumung erfolgte dann am 9. Januar. Eine Augenzeugin verfolgte den Einsatz von Polizei, Ordnungsamt und Stadtreinigung und es kam zu einer Szene, um die es im folgenden gehen wird.

Eine Frau sitzt zwischen mehreren Polizisten auf einer Bank. Scheinbar sind die Arme auf dem Rücken gefesselt und zwei Polizisten ziehen der Frau ein weißes Tuch über den Kopf. Dann wird die Frau zu einem Mannschaftswagen geführt und man sieht, wie die Habseligkeiten der Obdachlosen durch Mitarbeiter der Stadtreinigung beseitigt werden.

Das Video wurde, wen würde es wundern, ausgerechnet der taz zugespielt, die dann bis zum 18. Januar wartete um es zu veröffentlichen. Das Video beginnt – wie sollte es anders sein – genau in dem Moment, als die Beamten der Frau das Tuch über den Kopf stülpen. Was vorher geschah sieht man nicht, soll man wohl auch nicht sehen.

Dann nimmt die öffentliche Empörung ihren Lauf, obwohl keiner derjenigen, die in Medien oder im Internet, die genauen Hintergründe kennen. Egal ob Politiker der Linken oder der Grünen, Medien oder Onlinefreizeitempörer, es wird auf der Polizei herum gehackt.

Schockierende Bilder seien es, die Maßnahme sei menschenverachtend, die Polizisten hätten das Recht auf einen menschenwürdigen Umgang aus Selbstschutz vermissen lassen. Die Freizeitempörer haben noch viel härtere Worte gefunden, die wir hier lieber nicht zitieren möchten.

Dabei ist dieser Vorfall ein trauriges Beispiel dafür, wie man auf ein Video herein fällt und wie die Lemminge das nachplappert, was das Video – eigentlich ganz offensichtlich – suggerieren soll. Keiner stellt sich die Frage, warum fängt das Video genau in dem Moment an, als der Frau das Tuch übergestülpt wird? Was ist vorher passiert, dass die Polizisten sich dazu genötigt sehen? Was könnte die Frau gemacht haben, dass die Beamten so reagieren?

Die Empörung ist allenthalben groß und keiner hinterfragt, jeder lässt seinen Emotionen erst einmal freien lauf, ohne sich für die ganze Geschichte zu interessieren. Und damit wird die Polizei in eine Ecke gedrängt, in die sie nicht hingehört. Die Polizei Berlin sieht sich genötigt, die Maßnahme zu erklären, doch dafür interessiert sich kaum mehr einer.

So heißt es von einem Pressesprecher der Polizei Berlin:

“Eine obdachlose Frau war aggressiv, trat unsere Kollegen und spuckte um sich, daher wurden ihr Handfesseln angelegt. Als sie die Mütze verlor, stellten unsere Kollegen schweren Läusebefall fest. Zum Schutz hiervor legten sie der Frau für den Transport ein Tuch über den Kopf.”

So einfach und so nachvollziehbar ist der Vorfall gewesen. Aber wie gesagt, das interessiert nicht mehr. Die Empörung herrscht vor und davon kann man kaum noch einmal zurück treten.

Und wer sich das Video aufmerksam anschaut, der wird sehen, dass die Kollegen weder Gewalt angewandt haben, noch musste sie mit Nachdruck gegen die Frau vorgehen. Das Tuch wird ohne Gegenwehr überstülpt, dann führen zwei Polizisten die Frau zum Mannschaftswagen. Ohne Eile, völlig unhektisch, offenbar darauf bedacht, dass die Frau nicht stürzt.

Wem fällts auf? Schaut es euch selbst an:

Das hat nichts menschenverachtendes, es ist eine Vorsichtsmaßnahme. Denn die Kollegen haben das Recht sich gegen womöglich ansteckende Krankheiten zu schützen und dazu erforderliche Mittel einzusetzen. Denn die körperliche Unversehrtheit der Kollegen ist auch ein Grundrecht, was viele Empörer an dieser Stelle vergessen und was wir Polizisten nicht durch Anlegen der Uniform aufgeben (müssen). Das Tuch war ein geeignetes Mittel und das hat nichts menschenverachtendes.

Menschenverachtend dagegen ist es, die Kamera drauf zu halten und die Frau, auch wenn man ihr Gesicht nicht sehen kann, vorzuführen – sie zu einem vorgeblichen Opfer eines unmenschlichen Staates in Gestalt der Ordnungshüter zu machen und medial hoch zu stilisieren.

Diese Empörungsflut der Medien, der Politiker und der Onlineempörungskommentierer hat nichts mit Journalismus, nichts mit Politik, nichts damit zu tun, sich als interessierter und aufgeklärter Mensch selbst einen Eindruck zu machen und Dinge zu hinterfragen.

All diese Empörungsfanatiker bewirken damit nur eines: Sie fallen den Kollegen in den Rücken, die hier versuchen, eine rechtlich begründete Maßnahme für alle möglichst schadlos über die Bühne zu bringen.

Außerdem wären die Kollegen schön blöd, wovon wir nicht ausgehen, wenn sie im Angesicht der Öffentlichkeit und mit der Kamera vor der Nase aus reiner Willkür so vorgegangen wären. Dann aber wäre die Sache ganz anders abgelaufen.

Und so können wir uns Julius Betschka, der für die Berliner Morgenpost einen Kommentar verfasste, nur anschließen:

“Denn was nach der Veröffentlichung des Videos passierte, ist bezeichnend für die kaputte Diskussionskultur in der digitalen Gesellschaft. Und dafür, wie viel Schaden das dauerhafte Drängen nach Aufmerksamkeit, die Dauererregung in den sozialen Medien auch außerhalb der Netzwelt, anrichten kann. Gehört wird nur, wer den härtesten Vergleich bringt, den schärfsten Ton wählt. Das wissen auch Politiker. Und lassen sich zunehmend davon treiben.”

Und weiter:

“Gerade als Polizist muss man sich in Berlin häufiger vorkommen wie ein Aussätziger. Was muss das für ein Gefühl sein, jeden Tag das Elend wegräumen zu müssen, dass die Politik nicht in der Lage ist zu beseitigen, abends den Fernseher anzumachen oder das Smartphone in die Hand zu nehmen und zu lesen, man sei menschenverachtend. Nicht von irgendjemandem, sondern von der Regierungskoalition: von Politikern, die das Land Berlin vertreten. Ohne die Chance, dazu Stellung nehmen zu können.”

Danke dafür! Dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen – außer vielleicht noch ein kleiner Tipp an die vielen Empörer: Erst Hirn einschalten, dann dazu äußern.