Leserbrief: Das L(i)eben eines Polizisten

5. Januar 2019 um 18:27 Uhr

Leserbrief: Das L(i)eben eines Polizisten

“Dieses Jahr traf ich einen Mann, der mir bei unseren ersten Kontakten erzählte er sei Polizist. Er sagte dies sehr vorsichtig und machte klar, dass er weiß, dass damit nicht jeder zurecht kommt.

Da hab ich schon gedacht: ‘Was muss dieser Mensch in der Vergangenheit schon mit Vorurteilen oder Verurteilungen wegen seines Berufes gekämpft haben?’.

Für mich war sein Job nie ein Problem, er lebte und liebte ihn und das wiederum liebte ich an ihm. Und obwohl er zu den jüngeren Kollegen gehört, ist er unglaublich gut darin. Ich hatte zwar gelegentlich unruhige Nächte aber dennoch nie Angst um ihn, weil ich wusste wie stark er ist.

Und ich wusste, dass er alles dafür tun wird, gesund zu mir und seiner Familie zurück zu kommen. Ich bewunderte ihn immer sehr für diese Leidenschaft zu seinem Beruf, obwohl er jeden Tag aufs neue massenweise gesellschaftlichen Mist in den schönsten Farben ertragen musste und immer wieder als Prellbock der Gesellschaft behandelt wurde.

Worin er nie richtig gut war, war das Gesehene, Gehörte und Erlebte richtig zu verarbeiten. Oft fragte ich mich, ob diese plötzliche schlechte Laune gerade mir galt oder eigentlich etwas in seinem Kopf steckt, was ihn beruflich beschäftigt.

Dann fragte ich mich, wie sehr passt das System in Deutschland eigentlich auf unsere Polizisten auf und gibt ihnen die Möglichkeit zu verarbeiten?
Aus meinen Erfahrungen kann ich nur sagen: Leider viel zu wenig bis gar nicht. Ich bin in einem therapeutischen Bereich tätig und überlege ernsthaft, mir das beruflich in Zukunft mal genauer anzusehen.

Mittlerweile sind wir nicht mehr zusammen und neben anderen Gründen – denke ich – einer dafür ist, dass dieser tolle Mann Tag für Tag, trotz der Liebe zu seinem Beruf, an dem deutschen System Polizei und der fehlenden Unterstützung durch Politik und Gesellschaft, zerbricht. Das als Freundin oder Partner zu erkennen und zu sehen, aber nichts tun zu können, außer da zu sein, wenn derjenige das möchte, ist nicht leicht.

Deshalb mein Appell an alle Partner und Familienmitglieder von Polizisten:

Schaut hin und sucht nach Zeichen, wenn es ihm oder ihr nicht gut geht und sie emotional und körperlich geschwächt von der Arbeit kommen. Versteht sie, wenn sie Euch verbal oder emotional von sich wegschieben, plötzlich von guter Laune auf wütend, durcheinander oder unruhig schalten und es objektiv keinen Auslöser dafür gibt.

In dem Moment werden sie vielleicht von ihren Emotionen oder gesehenen Bildern übermannt und sind sich dessen vielleicht selbst nicht bewusst.

Wisst, dass es auch solche Tage in ihrem Beruf gibt, an denen sie sich nichts mehr wünschen, als einfach in den Arm genommen zu werden.

Und auch ein Appell an euch Polizisten:

Auch wenn das schwer fällt, vertraut Euch uns an, selbst wenn wir vielleicht ein anderes Weltbild als ihr haben oder mit uns selbst beschäftigt sind, wir sind für Euch da und hören Euch zu.

Ihr müsst vielleicht im Beruf stark sein und die Kontrolle haben, aber bei uns dürft Ihr loslassen. Gebt die Kontrolle ab. Lasst zu, dass wir euch auffangen.

Auch wenn Du nicht weißt, dass ich es bin, während du diese Zeilen liest: Pass auf dich auf, ich bin unglaublich stolz auf dich!

E.”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt.