Oft sind es die kleinen Dinge, die die Welt ein wenig schöner und besser machen

4. Januar 2019 um 21:00 Uhr

Tagtäglich rennen wir von Einsatz zu Einsatz. Hier ein Schwarzfahrer, dort eine Schlägerei. Hier ein herrenloses Gepäckstück, dort der Diebstahl. Dazwischen die Sachbeschädigung oder aber auch der Personenunfall. Unser Blick ist geschärft und zielt auf den Gefährder. Wir tragen schwere Westen, Maschinenpistolen und Oberschenkelholster. Wehrhafte Polizei statt Bürgernähe. Zeit für einen Blick auf die schönen Dinge des Dienstalltags nehmen wir uns selten.

Doch manchmal gibt es sie doch. Die Momente, in denen wir vielleicht auch daran erinnert werden, warum wir Polizist werden wollten.

Sommer 2017, eine Streife der Bundespolizei geht durch den Bahnhof Hamburg-Altona. Plötzlich steht ein Junge in kurzen roten Hosen vor der Streife. Er lächelt freundlich. „Kann ich ein Abzeichen haben?“, fragt er. Der junge Mann heißt Lukas und kommt aus der Schweiz. Mit dabei ist seine Mutter. Ihr scheint es unangenehm zu sein. Sie kommen ins Gespräch.

Lukas ist ein großer Fan der Polizei und will unbedingt Polizist werden. Doch Lukas kam mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) zur Welt. Sein Wunsch wird vermutlich nie in Erfüllung gehen. Die Kollegen nehmen sich Zeit, zeigen ihm den Streifenwagen und ihre Ausrüstung. Erklären ihm den Arbeitsalltag. Ein Diensthundeführer kommt hinzu. Lukas möchte den Hund streicheln und darf das auch. Sie zeigen ihm das Revier, die Zellen und den Bahnhof.

Lukas hat einen Auftrag

Die Mutter steht daneben und beobachtet ihren glücklichen Jungen. Er strahlt … Sie erzählt, dass sie vor einigen Wochen gemeinsam in Dresden waren und Lukas unbedingt in eine Polizeiwache wollte. Ihr war es unangenehm, aber er ließ nicht mit sich verhandeln. Der Dresdner Kollege war überaus freundlich und einfühlsam und gab ihm einen Auftrag: „Wenn du schon so gerne zur Polizei gehst, dann musst du dort auch die Patches sammeln. Nicht übers Internet, sondern immer schön vorbeischauen.“

Mit diesem Auftrag ausgestattet geht er an keiner Wache mehr vorbei. Mit seiner Begrüßung: „Ich wollte nur kurz Hallo sagen“, zaubert er immer ein Lächeln auf die Gesichter der Kollegen. Dass fasziniert seine Mutter, erfahren die Kollegen. Zum Abschluss tauschen sie Adressen aus und Lukas bekommt natürlich seine Abzeichen.

Ich bin zwar der diensthabende Dienstgruppenleiter, erfahre davon aber nichts. Wochen später sitze ich zu Hause auf dem Sofa und bekomme eine Nachricht.

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Trotz der negativen Erlebnisse sind sie Mensch geblieben

Im Anhang die Kopie eines Briefes aus der Schweiz. Er ist von Lukas und seiner Mutter und an meine Kollegin Maren Welske adressiert. Gesendet vom Lebensgefährten der Kollegin.
„Wir haben ganz viele tolle Erlebnisse mit nach Hause genommen. Der Besuch bei euch auf der Polizeistation ist eines der Schönsten. Danke vielmals, die Abzeichen sind cool, darf ich nochmal kommen?“, kann ich dort lesen. Mit dabei ein Bild von meinen Kollegen Maren und Michael.

Ich rufe den Lebensgefährten an. Er erzählt mir die ganze Geschichte. Ich bin gerührt.

Bei der nächsten Gelegenheit spreche ich die beiden an. „Warum habt ihr mir nichts erzählt?“ „Warum sollten wir? Ist doch selbstverständlich.“ Wirklich?, denke ich und bin mächtig stolz auf meine Kollegen. Zeigt es mir doch eins: Trotz all der negativen Erlebnisse, die der Beruf mit sich bringt sind wir Mensch geblieben und darauf kommt es doch an.

Aus der ersten Begegnung ist mittlerweile eine echte Freundschaft geworden. Es war nicht der letzte Besuch von Lukas. Und der Gegenbesuch in der Schweiz hat auch schon stattgefunden.

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Der Autor, Kollege Ronny von Bresinski, hat diese wunderbare Geschichte zuvor in der Zeitschrift “Bundespolizei kompakt” veröffentlicht und uns dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.