Die andere Welt (von Thomas Blechschmidt)

24. Februar 2019 um 18:29 Uhr

Die andere Welt (von Thomas Blechschmidt)Die andere Welt

13 Uhr, Zeit aufzustehen,
mit einem Kaffee im Garten,
die andere Welt sehen.

Bis die Kinder kommen
ist noch Zeit,
ich schnapp mir die Hunde,
geh spazieren im Wald.

Hier kann ich entspann‘,
muss mich nicht umsehn,
niemand pöbelt mich an,
weil ich ein “Bulle” bin.

Die Kinder kommen Heim,
laufen auf mich zu,
„Papa wie war die Nacht,
geht es allen gut?“

Soll ich erzählen,
von der anderen Welt?
Was man dort erlebt,
das sonst niemand erzählt.

Von Kindern im Dreck,
kein Spielzeug im Zimmer,
die Eltern suchtkrank,
Schläge machen’s noch schlimmer.

Menschen sterben Zuhaus,
von Maden zerfressen.
Vermisst sie denn niemand?
Starben einsam vergessen.

Im Namen der Ehre
ein Messer in den Bauch.
„Er hat Arschloch gesagt“,
so ist das hier Brauch.

Blutüberströmt
auf einer Trage,
schwört er noch Rache,
das ist die Spirale.

„Was machst du scheiß Bulle,
lass den Mann gehen“!
Dass er zustach,
haben sie nicht gesehen.

Ein Rennen in der Stadt,
Ampel rot, das war’s.
Ein Unschuldiger stirbt,
nur so aus “Spaß”.

90 Taten gemacht,
das sei kein Problem,
meinte der Richter
und ließ ihn gehen …

Warum gibt es zwei Welten,
warum ist’s nicht wie hier?
Warum dieser Hass,
warum diese Gier?

Soll ich meinen Kindern erzählen
bevor ich geh,
von dieser anderen Welt
die ich täglich seh?

Sie sehen mich an,
ich muss zur nächsten Schicht.
„Papa, pass auf dich auf,
wir lieben dich“.

©️ Thomas Blechschmidt