Gastbeitrag von Andreas Troelsch: Ohne Corpsgeist würde nichts mehr bei der Polizei funktionieren

23. Februar 2019 um 20:52 Uhr

Gastbeitrag von Andreas Troelsch: Ohne Corpsgeist würde nichts mehr bei der Polizei funktionierenAndreas Troelsch war bis 2018 Kriminalpolizist in Berlin. Er beschreibt sich nun selbst als Cartoonist, Blogger, Autor und Quergeist. Auch wenn er sich nicht mehr im aktiven Polizeidienst befindet, lassen ihn aktuelle Polizeithemen nicht kalt.

Er macht sich seine Gedanken und diese teilt er über seinen Blog mit. So äußerte er sich unter anderem in seinem Beitrag Hängt ihn… auch zu dem Berliner Kollegen, der auf einer Einsatzfahrt in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt war und bei dem – allerdings nicht gerichtsverwertbar – Alkohol im Blut gefunden wurde.

In diesem Beitrag geht Troelsch auch auf den sogenannten Korpsgeist ein, der meist von Außenstehenden – wie auch in diesem Fall – negativ bewertet wird. Dass es ohne diesen Korpsgeist bei der Polizei aber nicht geht, das belegt Troelsch im vorgenannten Beitrag ebenfalls:

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Ein weiterer Punkt wird öffentlich an den Pranger gestellt. Am «Corpsgeist» entzündet sich der Unmut bis hin zu hassvollen Kommentaren. Fakt ist: Ohne ihn würde nichts mehr bei der Polizei funktionieren. Polizisten und Soldaten befinden sich in einer Gefahrengemeinschaft. Sie müssen sich gegenseitig im Einsatz blind vertrauen. Wenige Menschen in anderen Berufen kennen das. Aber es gibt sie. Bergsteiger befinden sich in der gleichen Lage. Ich vertraue einem anderen Menschen mein Leben an. Darüber hinaus findet eine Abkapselung statt. «Wir und die da draußen!»

Der Begriff Realität ist schwer zu fassen. Aber einem Einsatzbeamten wird die Natur des Menschen deutlicher vor Augen geführt, als einem Angestellten. Ein Einsatzbeamter kann sich nicht irgendwelchen Wunschvorstellungen hingeben, sondern er muss mit Fakten und Tatsachen arbeiten. Es wäre wünschenswert, wenn es vieles im menschlichen Verhalten nicht gäbe, doch die Realität sieht anders aus. Das findet Ausdruck im viel gesprochenen Satz: «Das darfst Du alles da draußen niemanden erzählen!»

Teile der Gesellschaft wollen mit Wattebäuschen und Balletttänzern der nackten rohen Gewalt begegnen. Nietzsche sagte: «Wenn Du lange genug in einen Abgrund blickst, schaut er eines Tages zurück.» Diese Teile wissen nichts von Gewalt und menschlichen Abgründen. Es ist ihnen schlicht egal, was der Umgang damit aus Menschen macht. Der letzte Krieg ist lange her. Einigen Leuten geht es sehr gut und sie können in Frieden leben. Andererseits bringt sie bereits das Lesen der Nachrichten in Wallung, Rage und Angst. Tatsächlich wurden sie selbst niemals Opfer oder es besteht eine geringe Chance, dass ihnen mal etwas passiert. Der Sturz von einer häuslichen Leiter, das Ausrutschen in der Dusche oder ein tödlicher Stromschlag sind die wahrscheinlicheren Ereignisse. Wir reden dann vom subjektiven Sicherheitsgefühl. Die Bedrohungen und der Anblick von Gewalt, Elend, Not, Verrohung und Leid sind für den Polizisten keine Annahmen, sondern die Realität. Wen wundert es, wenn sich diese Menschen zusammenschließen? Mit den «erlaubten» Mitteln, ist häufig der Auftrag nicht leistbar.

Wieder eine dieser philosophischen Fragen. Dazu ein kleiner Exkurs:

«… ein weiser Mann wird niemals jemanden tadeln wegen einer ungewöhnlichen Tat, wenn sie dazu dient, ein Reich in Ordnung zu bringen oder eine Republik zu gründen. Wenn ihn auch die Tat anklagt, so muss ihn der Erfolg doch entschuldigen».

Niccolò Machiavelli, «Discorsi».

Meinen Recherchen nach, u.a. auf der sehr empfehlenswerten Seite http://falschzitate.blogspot.com, wurde dieses Zitat später zu: «Der Zweck heiligt die Mittel.» Ähnlich äußerten sich Demosthenes, Ovid, Baltasar Gracián, Blaise Pascal und einige Jesuiten. Während auf Kant basierende Schulen dies ablehnen, wird es im Konsequentialismus, zu dem auch der Utilitarismus gehört, bejaht.
Ohne diesen Unterbau zu kennen, handeln viele Polizisten nach diesen ethischen Prinzipien und befinden sich damit im direkten Kollisionskurs zur deutschen Mittelschicht. Das schweißt zusammen und ein Schutzschirm wird installiert. «Corpsgeist» ist nichts anderes als «Group Thinking». Das Individuum ordnet seine eigenen moralischen und ethischen Prinzipien denen der Gruppe unter. Ein völlig normaler menschlicher Prozess. Dazu gehört auch die interne Regelung von Verstößen, da jedes Mitglied der Gruppe weiß: Draußen «hängen» sie Dich dafür. Man kann dazu stehen wie man will, aber in erster Linie ist es die Realität. Alles andere sind Wunschvorstellungen. Genauso wie es Realität ist, dass die Verrohung und die psychischen Erkrankungen in allen Gesellschaft zu nimmt. Wer dem betroffenen Polizisten «falschen Corpsgeist» unterstellt, sollte ich einige Gedanken mehr machen.

Wenn das nicht gewollt ist, muss das geklärt werden und diverse Konsequenzen müssen in Kauf genommen werden. Das ist immer so. Wer etwas fordert, muss die positiven und negativen Folgen mit in Betracht ziehen. Ebenfalls muss sich jedes Gruppenmitglied fragen, ob die vorhandene Gruppen Ethik den eigenen entspricht. Weiterhin muss es sich fragen, wie weit das gegenseitige «Decken» gehen darf.

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Wir danken Kollege Troelsch, dass wir diesen Teil seines Beitrags verwenden dürfen.