Gedanken von Dominik: Charly war meine Schwester. Eine von vielen, wie auch ich einer von vielen bin, auf einer dünnen blauen Linie.

19. Februar 2019 um 18:03 Uhr
Gedanken von Dominik: Charly war meine Schwester. Eine von vielen, wie auch ich einer von vielen bin, auf einer dünnen blauen Linie.

Bild: privat

“Ich hatte mir etwas vorgenommen… Nein. Ich wollte nicht trauern.

Ich wollte einfach nicht. Mir fehlte die Kraft. Das vergangene Jahr lag mir noch tief in den Knochen, war einfach nicht schön gewesen, zu schwer. Ich war nicht gut auf die Polizei zu sprechen. Vieles hatte ich vermisst. Die Freude an der Arbeit, die einstige Leidenschaft, die Begeisterung für die alltäglichen Eindrücke und Begegnungen, den vermeintlich familiären Geist jener “dünnen blauen Linie”, auf welcher wir alle stehen – Der unsichtbaren Verbindung zwischen allen Polizisten.

Ich wollte nicht über die Polizei sprechen, nicht an sie denken. Ich wollte die Schlagzeilen nicht sehen… wollte sie nicht akzeptieren… einfach übersehen… verdrängen… überleben.

Über einen Tag hinweg gelang es mir. So zu tun als wäre nichts. Dahinleben, weiter wie bisher, zumindest so tun.

Bis ich heute… ein Bild von ihr gesehen habe…

Charlotte Braun.
Kommissarin im Streifendienst bei der Polizeiinspektion Saarbrücken.

Ich komme nicht umher mir die Szenerie vorzustellen…

Es war der Morgen des 16. Februars 2019, kurz nach 6:25 Uhr, die Sonne war noch nicht aufgegangen aber kurz davor, die Stadt und die Landschaft zeigte sich verhüllt in gräulich-weißem Morgendunst und einem sich am Horizont abzeichnenden Schimmer aus schwachen orangenen Sonnenstrahlen. Die Straßen waren vermutlich nur spärlich befahren, aus ein paar Fenstern mag schon Licht geschienen haben. Vielleicht haben ein paar Vögel gezwitschert. Unschuldige Ruhe muss in der Luft gelegen haben. Die Melancholie der Szenerie in welcher sich die Nacht schlafen legt und in welcher der Tag erwacht.

Ich kenne diese Szenerie… vom Ende jener, manchmal turbulenten, manchmal zähen, Nachtschicht. Vom Beginn jener, manchmal von aphatischer Müdigkeit und manchmal von gut gelaunter Zuversicht geprägten, Frühschicht…

Eine solche unschuldige und unaufgeregte Hintergrundkulisse muss es gewesen sein, vor welcher das Gummi der Reifen die Haftung zum harten und kalten Asphalt verlor, vor welcher der Streifenwagen, gleichzeitig in Sekundenbruchteilen und doch in Zeitlupe, unweigerlich über die Straße rutschte und schließlich gegen den am Straßenrand befindlichen Laternenmasten prallte.
Das kalte Metall des grauen Laternenmastens verbog sich durch die Wucht der Kollision, aber konnte die Energie nicht hinreichend abdämpfen. Der Streifenwagen überschlug sich. Der demolierte Überrest des Laternenmastens bohrte sich durch die kalte Seitentür ins warme Fahrzeuginnere.

Das Fahrzeug blieb auf dem Dach liegen. Die unschuldige Ruhe verschwand… mit nur einem Funkspruch… und die Szenerie wandelte sich in ein Meer aus blauem und gelbem Licht, aus Menschen, Freunden, Helfern…

Nichts ist so kurz und wandelt sich so schnell wie der Moment. Jener, der dabei alles ist was wir haben und jemals haben werden.

Charlotte… sie wurde von ihren Freunden “Charly” genannt… verstarb noch an der Unfallstelle.
Sie wurde 22 Jahre alt.

Manchmal vergisst man…

Bundesländer spielen keine Rolle, auch nicht Geschlechter, Religionen, weder die Sexualität, noch das Alter oder die Erfahrung. Wir stehen zusammen. Wir weinen zusammen. Wenn es sein muss… fallen wir zusammen. Wir sind eine Familie. Charly war meine Schwester. Eine von vielen, wie auch ich einer von vielen bin, auf einer dünnen blauen Linie.

Alle geben etwas – Manche geben alles. Tag und Nacht. Für die Gerechtigkeit. Für unsere Sicherheit und unsere Freiheit.

In Stillem Gedenken an Charly, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Kollegen, und an alle Einsatzkräfte der Einsatzstelle.

In stiller Hoffnung, bestmöglicher Genesung und Verarbeitung ihrem schwerverletzten Kollegen und der gesamten Dienstgruppe.

Dominik