Gedanken von Heiko zur Beerdigung von Charly: Die dünne blaue Linie

25. Februar 2019 um 19:05 Uhr

Gedanken von Heiko zur Beerdigung von Charly: Die dünne blaue LinieAm vergangenen Samstag begleiteten viele Kollegen Charlotte “Charly” Braun auf ihrer letzten Dienstreise. Ein schwerer und schmerzlicher Weg, der doch den ein oder anderen im Nachhinein darüber nachdenken lässt – über die dünne blaue Linie (Thin Blue Line) und einen Gedenktag für im Dienst verstorbene Kollegen:

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Die dünne blaue Linie!

Es ist ein schöner, sonniger Spätwintertag, am Wochenende. Ein Hauch von Frühling liegt in der Luft, die Vögel zwitschern, die ersten Bienen sind auf Sammelflug, die ersten Krokusse stecken neugierig ihre Köpfe aus dem Boden.
Eigentlich ein Tag, um das Erwachen der Natur zum Ende der dunklen Jahreszeit zu genießen.

Leider ist der Anlass, zu dem ich diese Eindrücke in mir aufnehme, nicht dazu geeignet, den Tag zu genießen.
Erneut stehe ich auf einem Friedhof, wo eine junge Kollegin zu Grabe getragen wird.

Sie hatte ihr Leben auf tragische Weise während einer Einsatzfahrt mit Sonder- und Wegerechten verloren. Nun wird sie, einen Tag nachdem sie ihren 23-ten Geburtstag hätte feiern sollen, beerdigt.

Ich kannte sie nicht persönlich, uns verband „nur“ der gemeinsame Beruf und das gemeinsame Hobby Handball. Ich kenne aber viele Menschen, die auf die ein oder andere Weise mit ihr zu tun hatten. Aus deren Erzählungen und Beschreibungen der Person und der Persönlichkeit der jungen Frau hat sich bei mir das Bild einer Kollegin ergeben, die die gute Seele einer Gemeinschaft war, aber auch ihren eigenen Standpunkt vertreten konnte. Jemand mit dem ich gerne zusammengearbeitet hätte.

Auch wenn sie ihrer Ausbildung erst seit kurzem abgeschlossen hatte, war sie ein Mitglied der blauen Familie und hatte die Menschen, mit denen sie in zusammenarbeitete, schon stark durch ihre Persönlichkeit beeinflusst und geprägt.
Davon zeugen die Trauerreden ihres Dienststellenleiters, ihrer Gemeindepfarrerin und eines Freundes der Familie, die sie einen Teil ihrer Jugend begleitet hatten.

Charlotte war in ihrem Traumberuf angekommen, sie wollte mit Menschen arbeiten, helfen und getreu ihrem Konfirmationsspruch sich nicht vom Bösen besiegen lassen, sondern das Böse mit Gutem besiegen. Dies war sicherlich auch der Hintergrund für ihr freiwilliges soziales Jahr im Rettungsdienst.

Endlich war es geschafft, die letzte Hürde war genommen, alle Prüfungen abgeschlossen, die feierliche Ernennung zur Polizeikommissarin vor kurzem erfolgt. Sie kam zu ihrer neuen Dienststelle, kannte dort keinen, war aber innerhalb kürzester Zeit in der Dienstgruppe angekommen, was für ihren Charakter und ihre gewinnende Art spricht.

Ihr Dienststellenleiter formuliert es in seiner Trauerrede so: „Offen, herzlich, kontaktfreudig und helfende Hände. Man musste sie nie auf der Dienststelle suchen, sie war dort, wo am lautesten gelacht wurde!“.

Ähnliches galt wohl auch für ihre Sportkarriere. Alle Menschen, die ich kenne, welche mit ihr sportlich zu tun hatten waren voll des Lobes. Von ihrem Talent, aber auch von ihrem fairen und gerechten Umgang auf und neben dem Platz.

Dann kam der folgenschwere Wochenenddienst!

Kurz nach Dienstbeginn wird ein total betrunkener Autofahrer gemeldet, der Richtung Bundesgrenze unterwegs ist. Es rücken mehrere Streifen mit Blaulicht und Martinshorn aus. Wie oft bin ich selbst schon in solchen oder ähnlichen Situationen mit Wegerechten unterwegs gewesen, um „eine Gefahr für Leib oder Leben“ oder „für Sachwerte von bedeutendem Wert“, wie es so schön im Beamtendeutsch heißt, abzuwenden und immer ging es gut.

Diese Einsatzfahrt hatte leider kein gutes Ende! Kurz vor Erreichen des Einsatzortes verliert der Fahrer des Streifenwagens die Kontrolle über das Fahrzeug. Es kommt ins Schleudern, überschlägt sich und trifft auf mehrere Hindernisse. Der Fahrer wird schwer verletzt, die Kollegin verstirb noch an der Unfallstelle.

Ich habe in der letzten Woche oft an den Fahrer des Streifenwagens gedacht und mir vorgestellt, wie es mir ergehen würde, wäre ich in seiner Situation. Ich habe diese Gedankengänge stets abgebrochen, ich konnte und wollte es mir nicht vorstellen.

Es ist das, was unseren Beruf so abwechslungsreich und interessant macht. Kein Tag ist wie der andere, keine Situation gleicht exakt der anderen. Auch wenn man schon unzählige gleichgelagerte Sachverhalte hatte, irgendetwas ist immer anders.

Diese Kleinigkeiten, die anders sind, sind aber oft die Dinge, die das harmlose Geschehen zu einer Katastrophe werden lassen.

Ich denke an den Kollegen, der an Heiligabend zu einer harmlosen Personalienfeststellung in einen Nahverkehrszug gerufen wird. Eine Routineangelegenheit hat hier einen tödlichen Ausgang, der Täter zieht ein Messer und sticht auf den Kollegen ein.

Ich denke an die Kollegin, die im gleichen Alter, ebenfalls einen alkoholisierten Verkehrsteilnehmer stoppen wollte und dann auf der Autobahn verstarb, nachdem der betrunkene LKW-Fahrer in den Streifenwagen auf dem Standstreifen gefahren ist.

Ich denke an die Kollegin, an deren Grab ich ebenfalls schon stand, die auf der Autobahn verstorben ist, nachdem ein nachfolgendes Fahrzeug in die kontrollierenden Beamten gefahren ist.

Während der Trauerfeier in der Kirche stand das Bild einer fröhlich lachenden Frau neben ihrem, mit weißen Rosen, geschmückten Sarg.

Die Kollegen der Ehrenwache kämpfen mit den Tränen.
Vor dem letzten Segen der Gemeindepfarrerin wurde noch, ungewöhnlich für eine Trauerfeier, „Is this love“ von Bob Marley gespielt.

Die Pfarrerin forderte die Gemeinde auf, sich ein lebendiges Bild der Kollegin vorzustellen. Wie sie an einem Strand in der Karibik in der Hängematte liegt und einen Mojito genießt. Schlagartig werde ich an einen solchen Strand, mit rauschenden Wellen, türkisblauem Wasser, weißem Sand und sich leicht im Wind wiegende Palmen versetzt. Es ist ein schönes, ein friedliches Bild. Die Sonne lacht vom Himmel, genau wie draußen vor der Kirche.

In einer der Trauerreden wurde Charlotte als Sonnenschein bezeichnet, passend zu ihrer Person und ihrem Charakter scheint sich auch die Sonne von ihr verabschieden zu wollen.

Unter diesem strahlenden Himmel wird Charly auf ihrem letzten Weg von hunderten von Freunden, Kollegen aus dem In- und Ausland, Rettungsdienstmitarbeitern und Feuerwehrleuten begleitet.

Während, nach dem letzten Segen am Grab, langsam der Sarg in die dunkle, feuchte Erde sinkt, heben viele Anwesende ihre rechte Hand zum Mützenrand, zum letzten Salut, nicht wenige mit feuchten Augen.

Es wird auch zukünftig Einsatzfahrten, Einsätze und Kontrollen geben.

Meine Kollegen und ich werden weiter auf der dünnen blauen Linie stehen, die das Gute von dem Bösen trennt. Wir werden uns nicht vom Bösen besiegen lassen, sondern das Böse mit dem Guten besiegen. Wir werden aber auch immer derer gedenken, die ihr Leben auf dieser blauen Linie gelassen haben.

Ich habe mich entschlossen, mich zu engagieren, dass auch in Deutschland ein Gedenktag für im Dienst verunglückte und getötete Polizeibeamte etabliert wird, wie es bereits in vielen anderen Ländern normal ist.

Heiko

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Berührende Worte… 😢

Wie auch im vergangenen Jahr möchten wir auch dieses Jahr am dritten Samstag im Mai wieder einen Gedenktag zelebrieren.