Gedanken von Christiane: Darum schreibe ich jetzt darüber wer ich bin

8. März 2019 um 18:23 Uhr

Gedanken von Christiane: Darum schreibe ich jetzt darüber wer ich bin

“Es war der 29. Juni 2013. An diesem Tag wurde in Mitte ein Mann erschossen. Er war nackt in einen Springbrunnen geklettert und hat sich mit einem Messer selbst verletzt. Er rammte es in seinen Bauch. Schnitt sich die Arme und dann den Hals auf. Die Kollegen haben den Brunnen umstellt und einer ist rein gestiegen, um den Mann daran zu hindern sich weiter selbst zu verletzen.

Der Mann ließ sein Messer aber nicht fallen. Nein, er kam auf den Kollegen zu und hielt das Messer erhoben. Als er noch etwa 3 Meter entfernt war, hat der Kollege auf ihn geschossen. Obwohl Rettungskräfte und Notarzt vor Ort waren hat der Mann es nicht überlebt. Die Kugel hat seine Lunge durchschlagen.

Hätte man dem Mann helfen können? War er in einer psychischen Ausnahme-Situation? Hatte er Drogen genommen und war in einer eigenen Realität? War er Argumenten noch zugänglich? Oder wollte er seinem Leben ein Ende setzen und hat auf die Polizei gehofft (suicide by cop)? Hätte der Kollege etwas anders machen können? Ich weiß es nicht, denn ich war nicht dabei. Spekulationen helfen hier nicht weiter.

Tatsache aber ist, dass ein Mensch 8 Meter in weniger als 3 Sekunden zurücklegen kann. Und das ich (und meiner Schätzung nach 95% meiner Kollegen) mindestens 15 m Abstand brauchen um die Waffe aus dem Holster zu ziehen und in Schussposition zu bringen.

Dass die Frage Schießen oder nicht eine gefühlte Ewigkeit dauert. Schießen ist keine automatische Reaktion. Wenn ich die Waffe in der Hand halte, bin ich mir sehr bewusst, dass sie töten kann. Und das ein abgegebener Schuss, der einen Menschen tötet, einen das ganze Leben lang verfolgt.

Wir haben uns entschieden, Polizist zu werden um Menschen zu helfen. Wir wollen Leben schützen. Wollten wir das Leben von Menschen beenden wären wir Mörder.

Wir tragen Uniform. Trotzdem sind wir Individuen. Nicht wir machen die Gesetze. Manchmal wünschen auch wir uns, anders handeln zu können. Wir wollen nach dem Dienst zu unseren Familien nach Hause kommen. Wir sind Menschen.

Heute hatten wir Einsatztraining. Wir haben mit dem Schlagstock trainiert (ich bin ne echte Niete mit dem Ding, genau wie beim Boxen. Manchmal befürchte ich, dass ich mich selbst verletze…). Ich hatte bisher immer Glück und konnte angespannte Situationen durch mein Lächeln und meine freundliche, verständnisvolle Art lösen. Aber ich habe keine Garantie dafür, dass es so weiter geht.

Wir haben heute auch Schießtraining gehabt. Da ich hauptsächlich auf der Straße eingesetzt bin habe ich das ‚Vergnügen‘ 3 mal im Jahr. Nicht öfter. In 365 Tagen habe ich an drei Tagen die Möglichkeit auf eine Scheibe zu schießen. Sie bewegt sich nicht, sie reagiert nicht, sie schaut mich nicht an.

Ich muss eine bestimmte Anzahl von Treffern erzielen, um weiterhin Waffenträger sein zu dürfen. Also nehme ich mir die Zeit sorgfältig zu zielen. Ich schieße auf Kreise, Rechtecke und 2 sehr stilisierte Personen. Und sehr oft treffe ich nicht, oder nicht dahin wo ich wollte. Ich bin seit 12 Jahren bei der Polizei und habe heute das erste Mal auf ein bewegliches Ziel schießen dürfen. Auf einen Ball, mit einer CO2-Pistole. Der Ball wird mich um Jahrzehnte überleben.

Wir haben auch Rollenspiele gemacht. Zwei Szenarien. Pille-Palle-Einsätze eigentlich, aus denen sich plötzlich und überraschend ein ganz anderes Szenario entwickelt hat. Menschen, die sich in Ausnahmesituationen befinden, reagieren oftmals unvorhersehbar.

Wenn ich zu einem Einsatz komme, sind mir die Beteiligten in 99% der Fälle unbekannt. Ich habe keine Ahnung von ihrem sozialen, familiären oder beruflichen Hintergrund. Ich sehe sie in diesem Augenblick zum ersten Mal. Und aufgrund meiner eigenen Lebens- und Berufserfahrung treffe ich eine Einschätzung über sie und ihr Verhalten.

Wer hat nicht schon mal einen Menschen getroffen und ihn im ersten Moment falsch eingeschätzt?! Irren ist menschlich, die Uniform schützt uns nicht davor. Unser Handeln und Denken wird bestimmt, von dem was wir bisher erlebt haben. Wie bei jedem anderen Menschen auch.

Wenn ich sehe, was die Presse und vor allem das Internet aus der Tragödie am Neptun-Brunnen machte wird mir schlecht. Ich las Kommentare, in denen die Kollegen als Mörder bezeichnet wurden. Alle Polizisten sind schießwütig. Überhaupt sind wir aggressive Voll-Deppen.

Man spricht nicht von der Gewalt, die Polizisten begegnet. Aber von Polizeigewalt, wenn diese sich wehren.

Ein Thema aufzugreifen und mit einer indirekten Fragestellung (Mord oder Notwehr?) in die Welt zu stellen, veranlasst viele Menschen die Artikel zu lesen. Denn Menschen neigen dazu ihre Meinung für die einzig Richtige zu halten und sie auch zu vertreten. Lautstark, wenn es sein muss.

Und dann wollen sie ihre Meinung auch mitteilen! In Zeiten des Internets ein leichtes. Die ‚Unentschlossenen‘ schlagen sich auf die Seite der Mehrheit und die Presse erkennt klar die Richtung. Wer etwas verkaufen möchte, wird meiner Meinung nach niemals neutral darüber berichten.

Ich will hier keinen Freifahrtschein für die Polizei ausstellen. Dass die Öffentlichkeit unser Handeln und Tun beobachtet ist gut und richtig. Nicht alle Polizisten sind ‚heilig‘. Auch unter uns gibt es schwarzen Schafe. Und sie sollten schnellstmöglich erkannt und verbannt werden. Jemand, der Macht ausspielen will oder Aggressionen ausleben, ist bei uns auch nicht gern gesehen

Polizist zu sein hat viel mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn (manchmal wird er für uns selbst zur Belastung), hohen moralischen Wertvorstellungen und Idealismus zu tun.

Aber auch wir haben unterschiedliche Tagesverfassungen. Wir haben genauso private und berufliche Probleme wie alle anderen Menschen auch. Darum gibt es Tage, an denen ich mir über eine Stunde lang triviale Nachbarschaftsstreitigkeiten anhören kann und immer noch positiv eingestellt nach einer Lösung suche.

Und es gibt Tage, an denen ich in den 5. Stock hoch latsche, um mir von einem Bürger sagen zu lassen, dass sein Nachbar über ihm zu laut Musik hört. Und auf die Frage, ob er denn schon oben gewesen wäre und ihn um Ruhe gebeten hätte, höre: ‚Nee, deshalb hab ich sie ja angerufen…‘ Natürlich müssen Sie vorher nicht selber hochgehen und um Ruhe bitten! Wir übernehmen diesen Service gerne für Sie! Und wenn ich könnte würde ich gerne den Anrufer ordentlich durch schütteln.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich im Einsatz mein Leben lasse und von den Medien zerrissen werde… Ich würde mich im Grabe umdrehen und diejenigen heimsuchen, wenn es geht. Wir treffen so oft schwierige Entscheidungen in unserem Beruf, manchmal im Bruchteil von Sekunden. Nicht alle sind richtig.

Aber dafür verurteilt zu werden, ohne dass alle Fakten bekannt sind, so wie es damals mit dem Kollegen und dem Toten vom Neptun-Brunnen geschehen war – das wäre mir unerträglich. Wo sich langsam raus stellte, dass der Tote psychisch krank, aggressiv und Drogenkonsument war – da wurden die Berichte in der Presse immer kleiner. Es hätte auch anders herum ausgehen können.

Jeden Tag, wenn ich zum Dienst gehe, ist mir unterbewusst klar – es könnte mein letzter Tag sein. Ich ziehe meine Uniform an, lade meine Waffe bevor ich sie ins Holster stecke. Und hoffe, dass ich sie zum Feierabend wieder entlade. Und wohlbehalten zu meiner Familie nach Hause gehen kann.

Sollte ich jemals in so eine furchtbare Situation geraten und jemanden töten müssen oder mein Leben geben um Leben zu schützen, dann möchte ich, dass sich jemand an mich erinnert.

An den Mensch in der Uniform.

Darum schreibe ich jetzt darüber wer ich bin. Selbst wenn ich lange nicht mehr da bin kann jemand diese Worte lesen und an mich denken. Worte können ewig leben.”

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Die Kollegin ist uns namentlich bekannt. Diese Worte geben ihre ganz persönlich Meinung wieder.