Fünf Jahre später: Cybermobbing und die Spätfolgen

26. April 2019 um 18:52

Fünf Jahre später: Cybermobbing und die SpätfolgenEs ist mittlerweile schon fünf Jahre her, als wir über das Thema Cybermobbing berichteten und einen Leserbrief zu Thema veröffentlichen. Die damalige Autorin hat uns noch einmal angeschrieben und berichtet nun im folgenden, welche Spätfolgen Cybermobbing haben kann:

“Es heißt immer, dass die Zeit alle Wunden heilt. Doch ist das wirklich so?

Wie viel Zeit muss denn dann noch vergehen, frage ich mich regelmäßig. Vor inzwischen knapp 5 Jahren wurde ich von Mitschülern hauptsächlich über Whatsapp fertig gemacht. Meinen Leserbrief dazu gibt es hier.

Die Mobbingattacken hatten damals zwar aufgehört, doch ich hatte das Gefühl, dass man vieles weiter erzählt hat über mich. Dinge, die nicht stimmen. Es kamen in den beiden darauffolgenden Jahren immer wieder blöde Kommentare, nicht nur von denen, die mich gemobbt hatten, sondern auch von deren neuen Mitschülern.

Wie soll man es da richtig verarbeiten, wenn man ständig Angst hat, dass wieder eine blöde Bemerkung kommt und alles von Neuem beginnt? Dann hatte ich meine mittlere Reife erreicht, wechselte auf ein berufliches Gymnasium, hatte gehofft, den ganzen Mobbern zu entkommen. Dem war nicht so, eine von ihnen kam wieder in meine Klasse zurück.

Ich habe mir das nicht unbedingt anmerken lassen, habe sogar ein wenig Kontakt zu ihr aufgebaut. Vergangenes Jahr bekam ich im Bus dann mit, wie sie über mich lästerte, Sachen erzählte, die so nie stattfanden. Beim ersten Mal war ich fertig, habe aber nichts zu ihr gesagt, habe so getan als wäre nichts.

Bei einem weiteren Mal habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und ihr gesagt, dass sie es lassen soll. Sie meinte, ich müsse ihr ja nicht zuhören. Für mich war das dann klar, sie hat sich nicht wirklich verändert.

Sie weiß, wie die allermeisten Menschen nicht, was das Mobbing bei mir angerichtet hat und worunter ich auch heute, fünf Jahre später, noch leide. Seit damals lebe ich relativ zurückgezogen, habe nur zwei, drei richtige Freunde, aber auch diese wissen nicht wirklich, wie es in mir drin aussieht.

Ich möchte keinem zur Last fallen. Was ich stattdessen möchte, ist aufmerksam zu machen, auf das, was mit einem passieren kann. Ich habe damals keine Anzeige erstattet, im Nachhinein wünsche ich es mir immer wieder, es doch getan zu haben. Aber dazu ist es zu spät, es lässt sich nicht mehr ändern.

Ich habe mich seit damals wie gesagt immer mehr zurückgezogen, war früher schon immer etwas schüchterner als andere. Doch inzwischen fällt diese Schüchternheit auch anderen Menschen auf. Auch habe ich häufig extreme Selbstzweifel. Ich frage mich, ob ich gut genug bin. Gut genug für die Schule, für andere Menschen, für diese Welt. Und komme häufig zur Antwort, dass ich es eigentlich nicht bin.

Auch wenn beispielsweise meine Noten gut sind, Menschen mir sagen, dass ich so gut bin, wie ich es bin. Auch frage ich mich oft, warum mich jemand mögen sollte, wenn doch nicht mal ich mich selbst mag. Selten arten solche Gedanken auch aus, es kommt zu einem enormen Hass auf mich selbst.

Häufig hilft es mir, mich zu zwicken oder ähnliches, um einem Schmerz zu spüren. Es hilft einfach. In solchen Situationen mache ich mich häufig für das Ganze verantwortlich, bin ein Versager, ein Taugenichts, bin eine Schuldige. Schließlich habe ich es laut ihnen ja zu ernst genommen.

Ein paar mal habe ich in einer solchen Situation auch schon gedacht, was wäre, wenn ich nicht mehr leben würde. Diese Gedanken stimmen mich dann noch trauriger und wütender. ‘So darf man nicht denken! Du spinnst doch!’, denke ich mir dann und auch, dass es falsch ist das Leben wegen so etwas zu beenden.

‘Du musst kämpfen, nimm all deine Kraft und kämpfe gegen diese Gedanken an’, sagt dann mein Verstand.
Eine weitere Folge ist, dass ich mich in Gruppen nicht wohlfühle. Dies wurde mir höchstwahrscheinlich auch bei einigen Assessment Centern zum Verhängnis, ich konnte mich nicht wirklich einbringen, es ist eine Blockade in mir drin. Ein Hindernis, das sich nicht so einfach überwinden lässt.

Auch vertraue ich nur wenigen Menschen, so gut wie keiner dieser Menschen weiß, wie es im mir aussieht, was für Gedanken ich habe. Ich möchte damit keinen belästigen, bin der Meinung, dass ich es mit mir selbst ausmachen muss.

Ich kämpfe mich also seit rund fünf Jahren durch das Leben. Es gibt Tage, die sehr grau sind, aber die bunten Tage überwiegen meistens. Ich weiß, dass ein paar liebe Menschen diese Zeilen vermutlich lesen werden und wissen, wer diese geschrieben hat.

Ich möchte mich, nicht nur bei euch, sondern auch bei den anderen, die mich aufbauen, wenn sie merken, dass es mir nicht gut geht, bedanken. Danke, dass ihr mich auffangt, wenn ihr merkt, dass es mir schlecht geht, dass ihr mir zeigt, wie schön das Leben sein kann!”

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Die Autorin ist uns bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.

Hinweis:

Wenn du dich traurig oder depressiv fühlst, du keine Lust mehr hast, vielleicht sogar am (Weiter-) Leben, dann wende dich bitte an Freunde oder Bekannte. Rede darüber, denn reden hilft und du fühlst dich nicht so alleine!

Ansonsten kannst du auch die Telefonseelsorge oder eine andere Beratungsstelle kostenlos und anonym anrufen. Telefonnummern und Links für Deutschland, Österreich und die Schweiz findest du hier bei uns im Blog.