Emotionaler Moment bei der Europawahl: “Ich habe aus Wut und Frustration geweint.”

30. Mai 2019 um 19:03 Uhr

Emotionaler Moment bei der Europawahl: "Ich habe aus Wut und Frustration geweint."Als wir vorgestern Abend das Video des Kollegen aus München, der vor dem rumänischen Generalkonsulat für Sprechchöre “Polizei! Danke Polizei!” sorgte und anschließend emotional reagierte, online stellten, war nicht absehbar, welche Aufmerksamkeit dies haben würde.

Wir erhielten gestern mehrere Presseanfragen aus Rumänien, die diesen menschlichen Polizisten interviewen wollten. In Absprache mit dem Pressesprecher des Polizeipräsidiums München, Marcus da Gloria Martins, haben wir die Medien an die dortige Pressestelle verwiesen und der Kollege wurde mehrfach interviewt.

Wie wir erfahren, heißt der Kollege Martin, ist 31 Jahre alt, hat eine Frau und ein Kind. Er wurde im Ort Brasov in Rumänien geboren, verbrachte aber nur zwei Jahre seiner Kindheit dort. Die Familie zog es nach Deutschland, weil der Vater sich für seine Familie mehr Demokratie und weniger Korruption wünschte.

Martin besucht ein- bis zweimal im Jahr seine rumänische Heimat, wo er 2014 auch seine Freundin aus Kindheitstagen, ebenfalls in Rumänien geboren, heiratete. Bei der Hochzeit waren einige Polizeikollegen anwesend und lernten so Siebenbürgen kennen.

Martin wurde 2007 Polizist, für ihn kam nichts anderes in Frage. Es war ihm schon immer ein Bedürfnis Menschen zu helfen und gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Später wechselte er dann zum Unterstützungskommando (USK), einer Spezialeinheit ähnlich der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) anderer Bundesländer.

Was genau am Wahlsonntag für seine Emotionen sorgte, die man im Video sehen kann, erklärte er in einem Interview gegenüber der rumänischen Zeitung Pressone:

“Bei den Wahlen 2014 habe ich unter den gleichen Bedingungen mehr als 8 Stunden mit meiner Frau gewartet. Sie konnte nicht wählen, weil sie zur Arbeit musste. Als ich am Sonntag merkte, dass sich dieselbe Situation wiederholte, war ich frustriert und wütend.

Ich wusste, dass viele Leute nicht würden wählen gehen können. Ich war frustriert und nervös, dass sich seit den letzten Wahlen nichts geändert hatte.”

Von einem User auf Twitter erfahren wir, dass die Auslandsrumänen überwiegend Parteien der Opposition wählen und nicht die aktuelle Regierungspartei. Es stünden zu wenige Wahlkabinen zur Verfügung, was für die langen Warteschlangen sorge und zudem dazu führe, dass viele vor Schließung der Wahllokale ihre Stimme nicht abgeben konnten.

Martin erklärt weiter:

“Meine Kollegen fragten mich, was in Rumänien geschieht und warum es für die Menschen so schwierig ist, Grundrechte auszuüben. Ich habe es ihnen erklärt und viele hätten es nicht für möglich gehalten, dass dies in einem demokratischen Staat möglich ist.

Wir hatten den Auftrag, das Konsulat zu verteidigen, aber gleichzeitig wusste ich, dass etwas an der Art und Weise, wie die rumänischen Behörden die Wahlen organisierten, nicht stimmte. Die Neutralität hat uns gezwungen, zu versuchen, beiden Seiten gerecht zu werden.”

Martin habe daraufhin eingegriffen, die Warteschlange durch Absperrung organisiert und die Menschen innerhalb der Absperrung sollten auf jeden Fall zur Wahl gelassen werden. Jedenfalls hieß es so aus dem Generalkonsulat. Dies gab Kollege Martin per Megafon an die Wartenden weiter und er sah Hoffnung und Freude in den Gesichtern.

Doch dann wurde die Wahl gestoppt und nicht alle, denen die Wahl zugesagt wurde, konnte ihre Stimme abgeben. Er sah, wie enttäuscht die Menschen waren. Er konnte durch seine ruhige Art die Wogen glätten, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass die Wähler und er selbst wütend und enttäuscht waren.

Dann gingen plötzlich die Sprechchöre los, die Menschen klatschten, weil sie der Meinung waren, dass sie von Kollege Martin besser behandelt wurden als von den eigenen Behörden. Martin erklärt dazu:

“Ich war enttäuscht und traurig, aber das gehört oft zu meinem Job. Dann drückten diese Leute ihre Dankbarkeit und Wertschätzung aus, auch wenn sie wütend und traurig waren. Es ging mir direkt ins Herz, obwohl ich nicht glaube, dass wir diese Welle des Mitgefühls verdienen. Als Mitglied einer speziellen Polizeieinheit befinden wir uns selten in einer Situation, in der jemand dankbar ist. Wir treten normalerweise in schwierigen, dramatischen und gefährlichen Momenten auf, in denen wir nicht allen gefallen können.”

Vermutlich war es für Martin eine Mischung aus Wut und der überschwänglichen Dankbarkeit, die ihm diese Menschen entgegen brachten, die ihn übermannte und zu Tränen rührte. Abschließend sagte Martin:

“Wir Polizisten sind Menschen. Wir machen Fehler, wir sind nicht perfekt, aber wir tun alles, um Ihre Rechte und Ihr Leben zu schützen.”

Doch nicht nur zahlreiche rumänische Medien berichteten über diesen menschlichen Polizisten aus München, auch ein paar deutsche Medien griffen das Lob aus dem EU-Ausland auf und berichten mittlerweile darüber.

Hier noch einmal das Video, welches wir vorgestern veröffentlichten: