Erinnerungen von Holger: Rostock 1991 – Ihr steht nicht auf meiner Liste, Euch gibt’s nicht!

4. Mai 2019 um 18:31 Uhr

Erinnerungen von Holger: Rostock 1991 – Ihr steht nicht auf meiner Liste, Euch gibt’s nicht!

“Mitten in einem ganz normalen Unterstützungsdienst in Bad Harzburg kommt der Funkruf: ‘Alle Kollegen der Bereitschaftspolizei Braunschweig mögen so schnell wie möglich nach Braunschweig in die Unterkunft zurückkehren – Eilig!’

Also, schnell die persönlichen Sachen eingepackt, in den Privatwagen gesprungen und damit, so schnell wie irgendwie möglich über Landstraßen und einmal quer durch Braunschweig zur Kaserne gefahren.

Dort wird verkündet, dass wir alle zu den Rechtsradikalen Ausschreitungen nach Rostock müssen. Wie lange? Keine Ahnung, vielleicht eine Woche oder zwei.

Alle Kollegen sind total begeistert, denn keiner hat irgendetwas dabei außer der Wäsche, die man am Körper trägt. Schlafsäcke, Luftmatratzen werden verladen, alles dienstlich und ca. 20-30 Jahre alt. Da haben schon ganze Generationen von Kollegen drin geschlafen.

Nach gut einer Stunde ist auch der letzte Kollege vor Ort. Erste Kritik wird laut, denn in der Zeit hätten die Kollegen, die dichter dran wohnen zumindest noch etwas an Unterwäsche holen können. Die gepackten Taschen fallen so bei fast allen eher kleiner aus.

Dann geht sie los, die Fahrt. VW-Busse, Pkw für die Führungskräfte, Wasserwerfer und Sonderfahrzeuge machen sich in einer schier endlosen Reihe auf den Weg nach Rostock. Das wird dauern, weil, Autobahnen gibt es kaum und wenn dürfen einige Fahrzeuge diese nicht befahren.

Nach einem Dienstbeginn um kurz vor 6 Uhr kommen wir gegen 18 Uhr endlich in unserer vorgegebenen Unterkunft an.

Das erste, was wir dort zu sehen bekommen ist ein Schild: ‘Keine Lebensmittel lagern – Rattengift!’ Begeisterung sieht anders aus.

Handys gab es noch nicht, Telefonleitungen zwischen Ost und West gab es kaum, wie teilt man den Angehörigen mit, dass man heute erstmal nicht nach Hause kommt? Vor dem einzigen Telefon für rund 1.000 Polizisten bildet sich eine ‘etwas längere’ Schlange.

Schließlich sammeln sich alle Kollegen vor dem Speisesaal und stellen sich dort an, die Führungskräfte ganz vorne. Der Abteilungsleiter meldet die Hundertschaft aus Braunschweig an, der Leiter dieser Unterkunft teilt daraufhin lapidar mit:

‘Ihr steht nicht auf meiner Liste, Euch gibt’s nicht! Ihr kriegt kein Essen!’

Nach verdutztem Gesicht und kurzem Gemecker wird verhandelt und schließlich kommt man zu dem Schluss – Es gibt uns nicht, wir müssen draußen bleiben. Die bayrische Hundertschaft – die gibt es – darf uns Brote schmieren und rausbringen. Also gibt’s heute Picknick vor der Tür des Speisesaales.

Das Schlafen bringt seine ganz eigenen Probleme mit sich. Gruppenschlafräume immer für rund 50 Kollegen, die Schlafsäcke sind zu rund 50% undicht und platt, die meisten Schlafsäcke schimmeln innen bereits.

Wären da nicht die Ratten, die einem nachts über die Schlafsäcke laufen, könnte man vielleicht irgendwann einschlafen.”