Gedanken einer Polizistin: Ein Einsatz, der mich noch Tage später beschäftigt

1. Mai 2019 um 19:08 Uhr

Gedanken einer Polizistin: Ein Einsatz, der mich noch Tage später beschäftigt

“Wir kennen ihn alle… den Einsatz wenn Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn, Freund oder Freundin oder auch ‘nur’ ein Kollege einen Menschen meldet, den er nicht mehr erreichen kann und von dem er annimmt, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Oft ist der Grund hierfür das Alter, eine Erkrankung oder sonstige hilfebedürftige Lage, aber auch oft genug die Befürchtung, dass der liebe Mensch, den man vermisst, sich etwas angetan haben könnte.

In den meisten Fällen recherchierst du ein bisschen, fragst ab, ob die Person mit dem Rettungswagen transportiert wurde, es bereits einen Polizeieinsatz gab, rufst an. Und in vielen Fällen hast du bereits hier ein Ergebnis was mit dem Menschen, der nicht erreicht werden kann, passiert ist.

Oft fährst du aber zur Wohnung und musst dann abwägen was du tust. Mit Glück öffnet dir die Person und erklärt warum er oder sie gerade nicht erreicht werden will oder kann. Oder aber die Nachbarn verraten dir, dass sie die Person am Morgen das Haus haben verlassen sehen.

Was aber wenn nicht? Ist die Annahme des Anzeigenden so mit Hintergrund ‘gefüttert’, dass du in die Privatsphäre des Menschen eindringst und seine Wohnung öffnen lässt?

Und auch dann noch, wenn du dich dafür entschieden hast und dir die Kollegen der Feuerwehr Zutritt zur Wohnung verschaffen, hast du in den meisten Fällen Glück. Denn sie ist leer.

So leider nicht dieses Mal. Eine junge Frau, suizidgefährdet, von Familienangehörigen vermisst. Erhangen in ihrer Wohnung.

Das ist für mich nicht das erste Mal, dass ein Einsatz so endet, nicht das erste mal, dass du jemandem mitteilst, dass der Liebste, die Tochter, der Vater… verstorben ist.

Aber es ist das erste Mal, dass es eine junge Frau ist, die in meinem Alter ist. Die scheinbar liebe Menschen um sich hatte, die sich um sie sorgten, die bereits von den Kollegen aufgesucht wurden, die aller Welt mitgeteilt hat, wie verzweifelt sie ist, aber in den Momenten, wenn es darauf ankam, deutlich machte, dass sie keine Hilfe benötige und alles ok sei.

Ich weiß nicht woran es genau liegt, aber diesmal ist es anders. Anders sie zu sehen, anders der Mutter zu sagen, dass ihr Kind nicht mehr lebt, anders nach Hause zu gehen und es abzulegen, wie die Einsätze sonst.

Ich werde vermutlich noch oft an sie denken, ihren Namen nicht vergessen, nicht vergessen wie ich sie dort sah. Es wird mein Leben nicht auf Dauer belasten, aber es ist ein Einsatz von einigen, der mir von Zeit zu Zeit zeigen wird, wie viel du wegstecken können musst um weiter zu funktionieren.

Ich schreibe diesen Text, weil ich alle Kollegen ermutigen möchte über Einsätze zu sprechen, die sich in ihre Seele brennen. Denn es befreit.

Ich möchte daran erinnern wie stumpf man in diesem Beruf manchmal wird oder auch sein muss, aber wie viel Fein- und Mitgefühl man aufbringen sollte einer Mutter zu sagen, dass sie ihr Kind verloren hat.

Ich möchte diesen Einsatz erwähnen, weil das Thema Suizid oft noch ein Tabuthema ist. Sowohl in den betroffenen Familien, als auch bei Menschen, die aktuell Suizidgedanken haben.

Und ich möchte es: Weil mir der Einsatz in der Seele weh tut, weil ich um das Mädchen weine, dem keiner von uns helfen konnte und weil ich hoffe, dass ich sie und meine Gedanken um ihren Tod mit diesem Text loslassen kann.”

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Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch – auch zum Schutz der Hinterbliebenen – anonym bleiben.

Hinweis:

Wenn du dich traurig oder depressiv fühlst, du keine Lust mehr hast, vielleicht sogar am (Weiter-) Leben, dann wende dich bitte an Freunde oder Bekannte. Rede darüber, denn reden hilft und du fühlst dich nicht so alleine!

Ansonsten kannst du auch die Telefonseelsorge oder eine andere Beratungsstelle kostenlos und anonym anrufen. Telefonnummern und Links für Deutschland, Österreich und die Schweiz findest du hier bei uns im Blog.