2 Jahre danach: Liebe Jessica, wir denken an Dich

13. Juni 2019 um 18:37 Uhr
2 Jahre danach: Liebe Jessica, wir denken an Dich

Bild: Polizei München

Liebe Jessica,

heute ist es nun 2 Jahre her und wir können uns daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Du und Dein Streifenpartner von der Polizeiinspektion 26 in Ismaning wurden wegen eines Schwarzfahrers zum Bahnhof nach Unterföhring gerufen.

Auf der Fahrt dorthin ging Euch durch den Kopf, was Euch wohl erwarten würde. Eine Routinemaßnahme vielleicht, Personalien feststellen, Anzeige aufnehmen und später alles zu Papier bringen. Ihr konntet nicht wissen, nicht einmal erahnen, was dann passieren würde.

Als Ihr dem Schwarzfahrer gegenüber standet, tickte der aus, entriss Deinem Kollegen seine Dienstwaffe und schoss drauf los. Er traf Dich und verletzte Dich lebensgefährlich. Ob gezielt oder durch Zufall, das Schicksal wollte es, dass sich das Projektil in Deinen Kopf hinein bohrte.

Die Rettungskräfte taten alles, was in ihrer Macht stand. Sie konnten Dein Leben retten, doch es war nichts mehr wie vorher. Heute, 2 Jahre später, liegst Du immer noch im Wachkoma. Umsorgt von Deiner Dich liebenden Familie bist Du nicht in der Lage, Dich Deiner Außenwelt mitzuteilen.

Was musst Du wohl in dem Moment, als der Schuss fiel, gedacht, gefühlt haben? Todesangst? Zog Dein Leben an Dir vorüber? Hattest Du Angst, was mit Deinem Kollegen passieren könnte? Wir wissen es nicht. Du kannst es uns nicht sagen.

Aber wir wissen, was wir gefühlt und gespürt haben. Wir hatten Angst, wir waren betroffen. Wir waren niedergeschlagen, weil wir nicht wussten, wie es mit Dir weiter gehen wird. Würdest du es schaffen dem Tod von der Schippe zu springen? Würdest Du in den Streifendienst zurück kommen können? Würden wir irgendwann geschlossen hinter deinem Sarg gehen müssen?

Es kam alles ganz anders und irgendwie fühlt es sich nicht richtig an. Du bist nicht tot, Du lebst! Wir können Dich sehen, wir können Deine warme Haut berühren. Dein Herz schlägt und Du atmest. Aber wir können uns nicht mit Dir unterhalten. Wir können nicht über vergangene Einsätze lachen oder weinen. Es ist so komisch…

Wir denken an Dich, nicht nur heute, an dem Tag, als vor 2 Jahren plötzlich alles anders wurde. Wir stehen weiter auf der dünnen blauen Linie, verteidigen die Guten gegen die Bösen, schützen diejenigen, die sich nicht mehr schützen können. Und doch denken wir an Dich.

Du kannst unsere Briefe, die wir Dir schreiben, nicht lesen. Du kannst unsere Fragen, die wir Dir stellen, nicht beantworten. Du kannst über Anekdoten, die wir Dir berichten um dich an unserem Leben teilhaben zu lassen, nicht lachen. Aber vielleicht, tief in Deinem Herzen, spürst Du, dass Du immer noch ein Teil von uns bist.

Liebe Jessi, es ist so schrecklich Dich so zu sehen. Vielleicht meint es das Schicksal irgendwann wieder gut mit Dir und korrigiert seinen Fehler. Bis dahin denken wir an Dich…

Deine Schwestern und Brüder in Blau 💙