Gedanken einer Polizisten-Ehefrau: Scheißtag

14. Juni 2019 um 20:58 Uhr

Gedanken einer Polizisten-Ehefrau: Scheißtag

“Ein toller warmer Sommerabend und Zeit mit Freunden zu grillen. Endlich mal wieder ein freier Abend am Wochenende. Es ist schon etwas länger her, dass wir das hatten.

Aber jetzt, wo der Fußball Sommerpause hat, sei es uns auch mal gegönnt zwischen den ganzen sonstigen Zusatzdiensten weil Leute fehlen, Demos und sonstigen Veranstaltungen. Wir freuen uns auf diesen Abend.

Die Gäste sind schon da. Mein Mann fehlt noch. Wird halt öfter mal später, auch das ist ja normal. Irgendwann kommt er dann endlich und gesellt sich zu uns. Dann wird noch eine Runde mit dem Kleinen gespielt. Und alles ist ganz normal.

‘Wie war dein Tag?’, frage ich so ganz nebenbei.
‘Es war ein Scheißtag!”, bekomme ich zur Antwort und schon schlägt die Stimmung um.

Er ist total genervt und tolle Stimmung will da nicht mehr wirklich aufkommen. Dazwischen klingelt das Telefon… Mal wieder die Dienststelle…. Ja ganz toll. Jetzt hatte sie ihn den ganzen Tag und jetzt ist immer noch nicht Schluss. Ich bin total genervt. Der Abend ist gelaufen und alles nur weil er einen Scheißtag hatte. Gibt’s doch nicht. Die Gäste verabschieden sich und ich will ihn zur Rede stellen. Ich hatte ja vielleicht auch nicht so ein tollen Tag…

‘Einer ist gestorben…’, sagt er kurz und schaut an mir vorbei ins Leere. ‘Bei den anderen sieht es auch nicht gut aus.’
Mehr sagt er nicht.

Muss er auch nicht. Wir sitzen da, jeder mit einem Glas Wein in der einen und die Hand des Partners in der anderen Hand und schauen in den sternklaren Himmel.

Mir wird klar: ‘Mein Scheißtag’ ist in keinster Weise mit ‘seinem Scheißtag’ zu vergleichen.

Ich bin stolz auf ihn, dass er diese Tage, die mit Verkehrsunfällen, Toten, Verletzten, häuslicher Gewalt, Suizid oder sonstigem bepackt sind, immer wieder aufs Neue meistert. Und das schon so viele Jahre. Und doch merke ich, dass es ihm immer mehr an die Nieren geht.

Ich hoffe sehr, dass er diese Belastung auch in den kommenden Jahren noch einigermaßen gut wegstecken kann und wir weiterhin einen tollen Papa und Ehemann haben werden, der, so hart es klingt, die täglichen Schicksale nicht im Rucksack mit nach Hause bringt, ihn die Freiheit seiner Gedanken nicht beraubt und mit den erlebten Bildern belastet.”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, sie möchte anonym bleiben.