Gedanken einer Polizistin: Reportage „Scheißjob Bulle“ – Ich bin schockiert

1. Juni 2019 um 19:06 Uhr

Gedanken einer Polizistin: Reportage "Scheißjob Bulle" - Ich bin schockiertWir hatten euch in der vergangenen Woche auf die Rabiat-Sendung „Scheißjob Bulle?“ hingewiesen. Uns erreichen da verschiedene Meinungen zu dieser Ausstrahlung und eine davon möchten wir euch nicht vorenthalten. Sie kommt von unserer Kollegin drüben von Tagebuch einer Polizistin.

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„Ich habe diese “Reportage” gesehen, im ARD. Ich habe mir den Text dazu durchgelesen und eine offene, neutrale und vielleicht sogar realistische Berichterstattung über aktuelle Polizeithemen, Probleme und Chancen und den Menschen hinter der Uniform erwartet.

Was ich dann in der dreiviertel Stunde sah, hinterließ ein sprachloses junges Mädchen, das mit vollem Herzblut ihre Leidenschaft im Job der Polizistin findet. Pessimisten würden jetzt sagen “wart mal ab wie das in ein paar Jahren ist”. Ja und genau deshalb schreib ich es. Jetzt.

Ich weiß nicht wie ich es in ein paar Jahren sehe aber was ich jetzt sehe widerspricht der dortigen “Reportage” vollkommen. Ich setze die Anführungszeichen, weil ich es einfach nicht fasse, dass so etwas als neutrale Berichterstattung im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.

Ich saß also vor meinem Fernseher. Kopfschüttelnd. Schlimm. Bei der Aussage wollte ich es eigentlich belassen. Aber dann kam mir ein ausschlaggebender Gedanke: Wie viele Menschen sitzen bitte genau jetzt wieder vor dem Fernseher, gucken sich das an und steigern sich in die Hauptaussage der “Reportage” hinein: Die Polizei ist gewaltbereit, nur zum Prügeln da, alle sind rechts und die deutsche Polizei ist sowieso verloren.

Bitte was zur Hölle ist das? Ein offenbar links orientierter Reporter wundert sich, wieso er so viele Dienststellen anfragt und kaum einer mitmachen will? Also entschuldigt meine direkte Aussage hier aber: kann ich voll und ganz nachvollziehen, wenn so etwas dabei rauskommt. Und dann kommt der Rest und wundert sich daraufhin auch noch, wieso die Polizeien Deutschlands immer vorsichtiger mit Informationsweitergaben sind. Weil es doch eh alles gegen uns verwendet wird.

Ein paar richtige Sachen wurden natürlich auch genannt. Die Nachwuchsgewinnung stellt sich als schwierig heraus, das bekommt man durch die verschiedenen Länder so mit.

Der Kollege, Einsatztrainer, der sprach, sagte einen sehr schönen Satz, den man leider so in Kontext gebracht hat, dass die Kernaussage, die man auch positiv auslegen kann, nämlich komplett hinten runterfiel. Er sagte etwas wie, es gäbe 100.000 Polizisten in Deutschland (alleine hier schon: die Masse!) davon sind alle unterschiedlich politisch orientiert und EINIGE WENIGE möglicherweise mitte-rechts.

Mag sein. Kann ich nicht bestätigen, da ich zum Glück davon noch niemanden kennenlernen musste. Aber jetzt mal zu meinem Punkt: Ist jeder, der bei VW arbeitet, egal in welcher Position, nun ein schlechter Mensch, nur wegen der Abgas Skandale? Versteht ihr worauf ich hinaus will?

Wir reden immer von Rassismus. Wir wollen keinen Rassismus, wir wollen keine Fremdenfeindlichkeit. Wir wollen Gerechtigkeit, Fairness gegenüber allen Menschen. Spinnen wir das Rad mal weiter: Rassismus bezieht sich zwar auf biologische Merkmale, aber es unterstreicht meinen Punkt gerade gut. Bei Rassismus wird eine gewisse Bevölkerungsgruppe mit bestimmten biologischen Merkmalen als etwas schlechteres angesehen.

Fremdenfeindlichkeit: Ausländer sind danach prinzipiell schlecht und Flüchtlinge nicht erwünscht. Und von all dem wollen wir weg. Viele viele Menschen auf dieser Welt setzen sich dafür ein, dass es diese Dinge nicht mehr gibt, weil es falsch ist. Falsch, Menschen in einen Topf zu schmeißen und auf den Deckel einen gewissen Stichpunkt zu schreiben, ohne sie zu kennen oder sich mal mit ihnen auseinandergesetzt zu haben.

Und jetzt die Gegenfrage: Weil ein geringer Prozentsatz der Polizei eine gewisse Meinung vertritt, die die anderen jedoch nicht teilen, sind deshalb alle Polizeibeamten schlecht? NEIN!

Wir sind alles Menschen. Wie der eine Kollege im Film meinte: Auch nur Menschen, die am Schichtende zurück zu ihrer Familie kehren wollen – gesund. Wieso sind genau die Menschen, die für Gleichberechtigung kämpfen und sich “sozial” nennen, die, die von Polizeigewalt, Prügelbullen etc. sprechen?

Es gibt Verfahren gegen Polizeibeamte wegen Körperverletzungen im Amt. Diese werden eingestellt, wenn die Rechtsprechung, der Staatsanwalt oder der Richter das entscheiden. Nicht, weil wir uns verschwört haben und sie “eh immer auf unserer Seite stehen”. Was für ein Quatsch, ich bin fast vom Stuhl gefahren. Wie viele Menschen das jetzt gesehen haben und denken, dass das korrekt sei.

Damit wurde unser gesamtes Konstrukt an Gewaltenteilung, also das Gerüst, dass die Demokratie bei uns in Deutschland am Leben hält, in Frage gestellt und vor allem wurde mehr oder weniger strafbares Verhalten wie Strafvereitelung und ähnliches unterstellt. Wie man so etwas ausstrahlen kann lässt mich wirklich nicht kalt.

In der Polizei ist nicht alles rosarot. Es gibt Gründe wieso wir mehr und bessere Ausrüstung benötigen. Die Zeiten ändern sich. Es ist nicht mehr alles wie früher, ja. Und wir müssen uns anpassen. Die Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt, aus Sicht einer Berliner Beamtin (eigene Meinung, keine wissenschaftlich belegte Aussage) zu und wird gefährlicher. Die Art und Weise, der fehlende Respekt.

Es ist ein verdammt heikles Thema aber es ist ein wichtiges Thema und es muss besser werden. Denken die Filmemacher des RABIAT “Scheissjob Bulle?” wirklich, dass es mit solchen “Reportagen” besser wird? Alle Polizisten werden hier in eine rechte Ecke geschoben was ich absolut schockierend finde… Gerade die, die am lautesten schreien, wenn man Menschen scheinbar wahllos in eine Schublade steckt, stecken die Polizei in die wohl widerlichste Schublade die ich mir persönlich so verstellen kann.

Ich will, dass endlich differenziert wird. Klar, der “Bericht” sagt in keinem Moment, dass alle Polizeibeamtinnen und -beamte rechts orientiert sind und solche Aussagen tätigen. Aber die Art und Weise wie der Film gemacht ist, was gesagt und gezeigt wird, lässt einem Laien nur diese eine Möglichkeit, es genauso zu sehen.

Die Polizei findet keinen guten Nachwuchs? Komisch, wenn man eine “Reportage” ausstrahlt, die einen ehemaligen Anwärter zeigt, der schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wieso redet man nicht mal mit Menschen die ihren Job lieben. Ich hätte komplett andere Aussagen getätigt.

Und ich sage nicht, dass man die Aussagen des Anwärters nicht zeigen soll, nein. Man soll mehrere Perspektiven zeigen. Dann kann sich der Zuschauer aussuchen was er glauben und denken will. Eine solch einseitige Berichterstattung führt zwangsläufig zu genau einem Stimmungsbild.

Anfangs dachte ich der Titel sei provokant gewählt, um dann das Gegenteil zu berichten. Aber nein. Der Titel ist tatsächlich Inhalt und ich bin, jetzt wo ich alles rausgelassen habe, sprachlos.

Ich kann von mir sagen, dass ich mich mit dem, was in dem Bericht gesagt wurde, auf keinster Weise identifizieren kann und auch keine Kollegen im Umfeld habe, denen ich solch ein Verhalten, was dort dargestellt wird, zutrauen würde. Und deshalb tut es mir so weh zu hören, wenn ein in meinen Augen widerliches rechtes Verhalten der Polizei im Ganzen unterstellt wird.

Over and out.“

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Wie fandet ihr die Reportage?