Gedanken eines Kollegen: Verpisser!

12. Juli 2019 um 18:20 Uhr

Gedanken eines Kollegen: Verpisser!

“Vor einiger Zeit wurde ich krank. Das erste Mal in meinem Leben nennenswert krank. Ich war gezwungen, meinen Dienst nieder zu legen. Es fiel mir nicht leicht.

Lange habe ich gebraucht mir einzugestehen nachgeben zu müssen. Ich bin doch stets dienstbeflissen, gebe mir Mühe, springe kurzfristig ein, gehe in meiner Freizeit stets ans Telefon, wenn der Dienherr ruft. Regelmäßig treibe ich Sport, um den besonderen Anforderungen des Dienstes gewachsen zu sein.

Doch plötzlich geht nichts mehr.

Nach diesem einen Ereignis geht NICHTS mehr! Plötzlich wird der Alltag vom Grübeln geprägt ohne, dass noch Platz für anderes bleibt. Plötzlich sind alle harten Szenen aus all den Dienstjahren präsent, als wäre es gestern gewesen. Auch jene, von denen ich dachte, dass sie belanglos seien und ich sie problemlos ‘weggesteckt’ hatte.

Völlig überwältigt von der Situation suche ich Hilfe. Ein Arzt…?… Kann nicht helfen…! … Ein Psychiater? Was? Ich brauche keinen Psychiater und bunte Pillen, damit sind die nämlich schnell. Ich muss reden… ich brauche Abstand!

ICH! Wieso ICH?

Dabei hatte ich doch immer eine große Klappe. Habe immer gedacht, ‘Verpisser’ schieben solche Dinge vor um sich nen schönes Leben mit Ruhegehalt und Dienstunfähigkeitsversicherung zu machen… La Paloma auf Kosten des Steuerzahlers, frei nach dem Motto: ‘Selbst Schuld, wer sich noch abrackert für den Scheiß!’

Nach verhältnismäßig kurzer Zeit kämpfte ich mich, entgegen jeden Rat meiner wirklich guten psychotherapeutischen Betreuung, zurück. Habe wieder gelernt zu schlafen… wenn auch nur sporadisch. Habe gelernt mit den ständigen Gedanken, Sorgen und Bildern umzugehen, auch wenn es oftmals noch schwer ist.

Aber ich bin eben dienstbeflissen! Ich kann meinen Dienst verrichten, wenn auch nicht so wie früher. Aber das ist okay für mich, wenn auch nicht immer zufriedenstellend, weil immer dieses ungute Gefühl mit schwimmt. Dieses Gefühl, die Kollegen allein zu lassen mit den Dingen, die mich doch schon so krank gemacht haben.

Aber die schlimmste Erfahrung die man machen kann, ist fehlender Rückhalt aus dem Kollegenkreis bis hin zum obersten Dienstherrn. ‘One blue Family’? Gibt es schon… so lange man funktioniert. Tut man das nicht, ist man eben dieser ‘Verpisser’! Da sind Hintergründe egal… wie es dazu kam… was man durch gemacht hat! Immer frei nach dem Motto: ‘Alle wissen es besser, aber keiner will es haben.’

Die Tage sagte ein Kollege: ‘Du bist doch wieder fit, hast doch immer gute Laune. Wann willste denn mal wieder richtig anne Schüppe?’

Ich habe ihn gefragt, ob er diese Sonntagmorgen kennt… an denen die ganze Familie da ist, Mama, Papa, die Kinder… der Frühstückstisch ist gedeckt. Beim Brötchen holen hat man dieses Morgengefühl im Bauch, riecht die frische Morgenluft und ist völlig sorgenfrei. Wenn man die Tür rein kommt, duftet es nach frischem Kaffee! Kennst du dieses Gefühl, fragte ich ihn?

‘Klar…’, antwortete er… ‘Herrlich!’

‘Genau, das kenne ich auch….’, antwortete ich ihm… ‘Aber ICH FÜHLE ES NICHT MEHR . Ich erinnere mich, aber fühle nichts…. So viele kleine tolle Dinge im Leben, von denen ich weiß, dass ich mich freuen muss und, dass sie schön sind, aber ICH FÜHLE SIE NICHT mehr! Jeder Morgen, jede Minute, jeder Abend fühlt sich gleich an und ich kann heute nicht sagen, ob es immer so bleibt……’

Im weiteren Gespräch über meine Erlebnisse im Dienst und meine gesundheitliche Situation, verstand er immer mehr und meinte, an meiner Stelle wäre er Zuhause! Das bin ich aber nicht. Ich mag meinen Job und bin dienstbeflissen, nach wie vor!

Eines habe ich gelernt, jeder ist anders aufgestellt! Jeder kann unterschiedlich viel oder wenig in seinen ‘Koffer packen’. Niemals wieder werde ich mir ein Urteil über einen Kollegen bilden, dem es nicht gut geht.

Und noch viel wichtiger…. Wahre Kollegen reden nicht über dich! Wahre Kollegen fragen dich! Wahre Kollegen akzeptieren, wenn du nicht mehr so kannst wie früher, auch wenn man deinen ‘Bruch’ nicht erkennt!

Ich will kein scheiß Mitleid, ich verlange kein Verständnis…. Lediglich Respekt. Nicht jeder, dessen Koffer früher voll ist als der des anderen ist ein Verpisser!”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, er möchte anonym bleiben.