Gedanken einer Polizistin: Wer ist dieser Mensch in Uniform?

17. August 2019 um 19:44 Uhr

Gedanken einer Polizistin: Wer ist dieser Mensch in Uniform?

‘Die sind doch eh voreingenommen! Die haben doch kein Maß! Die sind doch eh nur Marionetten der Politik und voller Vorurteile! Schläger sowieso… Und Rassisten natürlich auch…’

Wenn ich meine Kollegen und Kolleginnen betrachte, entsteht ein für mich unglaublich emotionales, differenziertes Bild.

Ein Bild von Menschen, die sehr wohl unterscheiden können zwischen Gut und Böse und jeden Tag dieses Fingerspitzengefühl walten lassen. Egal wie viel Hass und Gewalt ihnen entgegen schlägt. Ein Bild von Menschen, die mitunter zutiefst bewegt sind von den Erlebnissen des Dienstes.

Und die dieses Erlebte mehr als oft ‘mit nach Hause’ nehmen und noch lange daran zu tragen haben. Und ein Bild von Menschen, die dennoch jeden Tag wieder motiviert zur Arbeit kommen weil es gut und wichtig ist, dass wir da sind!

Ich möchte meine Sicht schildern. Und das ist die Sicht einer Polizistin, die seit 25 Jahren Dienst ‘auf der Straße’ macht.

Dazu möchte ich drei von vielen Erlebnisse schildern, die mich maßgeblich beeinflusst haben:

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Ich war ganz frisch in der Funktion als Dienstgruppenleiterin und bekam den Auftrag eine Todesnachricht zu übermitteln. Eigentlich nahezu tägliche Routine. Nichts was man gern tut als Polizist. Dennoch eine ‘Lage’, auf die wir geschult werden.

In meinem Fall war es so, dass ich einem jungen Mann um die 20 Jahre mitteilen musste, dass seine komplette Familie (Mutter, Vater, 2 jüngere Geschwister) bei einem nicht selber verschuldeten Autounfall in Belgien ums Leben gekommen waren.

Routine?? Keineswegs…

Ich traf also die Entscheidung, mir eine theologische Seelsorgerin zur Unterstützung zu organisieren.

Wir trafen den jungen Mann zu Hause an. Ich hatte mich vorbereitet und alle Informationen, die er brauchen würde bereits aufgeschrieben. Und wie ich es gelernt hatte, überbrachte ich ihm diese schreckliche Nachricht schnell und sachlich ohne vermeintlich großes Drumherumgerede…

Kein Einsatz vorher war so schwer wie dieser. Und ich hatte schon viel Schmerz gesehen und erlebt.

Funktionieren steht da an erster Stelle. Dachte ich… Meine Grenzen wurden mir allerdings aufgezeigt, als der junge Mann weinend zusammen brach, gehalten von der Seelsorgerin und mir, und bitterlich weinte. Und wir weinten mit ihm. Es ging gar nicht anders. Das ist mir davor und danach nie wieder so passiert…

Am Folgetag kam der Mann auf meine Wache, um sich bei mir und der Seelsorgerin zu bedanken. Er hatte sich in dieser unfassbaren Tragödie gut aufgehoben und beschützt von uns gefühlt. Und das wollte er uns spiegeln.

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Einsatz Streit in einer Wohnung. Nachbarn waren Melder, die uns alarmiert hatten. Routine soweit…

Die Kollegen treffen vor Ort ein und auf Klopfen und Klingeln öffnet zunächst niemand.

Plötzlich öffnet sich die Tür einen Spalt breit und der Mensch dahinter schießt mit einer scharfen Schusswaffe in den Flur.

Eine Kollegin wird mehrfach getroffen. Sie kann sich aus dem Haus retten, während ihre Kollegen sich in eine höhere Etage des Hauses retten. Sie gibt schwer verletzt über Funk selber noch völlig dezidiert die Lage und ihren Standort durch.

Aber der Krankenwagen kann nicht zu ihr fahren, weil sie im Schussbereich des Schützen liegt und droht, zu verbluten. Sie konnte letztlich dem RTW zugeführt werden. Ihr Leben konnte dank einer Notoperation sowie der schusssicheren Weste, die sie trug, gerettet werden.

Sie konnte nach diesem Ereignis nie wieder in den Polizeidienst zurück kehren.

Und ihre Kollegen, die dabei waren und das Gegenfeuer eröffnet hatten, dachten lange, dass unter Umständen eine Polizeipatrone die Kollegin getroffen hatte. Dem war nicht so! Es waren die Kugeln des Täters. Aber die Kollegen haben lange mit dieser Vorstellung gehadert. Ein furchtbarer Gedanke…

Eine sehr mutige Kollegin, die bei dem Einsatz dabei war, hält heute Vorträge darüber. Bei jedem Vortrag, egal wie oft sie ihn gehalten hat, kommen ihr die Tränen. Und allen Zuhörern auch.

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Das dritte Beispiel ist recht pauschal, aber leider sehr aktuell.

Polizisten werden nur allzu oft im Einsatz gefilmt und die Bilder finden völlig unreflektiert Eingang in die sogenannten ‘sozialen Medien’. Nur allzu oft ergeht sich die ‘Community’ dann in unerträglichen Shitstorms. Die Betreiber der Seiten kommen oft mit der Regulierung dieser geistigen Ergüsse gar nicht hinterher.

Ich habe es erlebt, wie Kollegen völlig zu Unrecht in solch einen Shitstorms geraten sind und es hat mich zutiefst erschüttert! Und ich habe gesehen, was diese WORTE mit den Kollegen gemacht haben… 👿 🤬

Leute! Bitte denkt doch nach!!!

Und glaubt nicht jede Scheiße, die da in die Welt gepostet wird…

Es betrifft MENSCHEN! Und das Meiste ist – wenn man es mal wirklich hinterfragt – anders als zunächst vermutet…

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Das ALLES bestätigt mich aber in erster Linie als MENSCH!

Wir tragen zwar eine Uniform. Und wird halten mit Sicherheit auch mehr aus, als viele andere. Und das ist auch gut so!

ABER: Wir haben auch Grenzen! Wir sind Menschen mit Familie und Freunden.
Mit Ängsten und Sorgen.
Mit Zweifeln und Ungewissheit.

Und dennoch entscheiden wir uns täglich aufs neue dafür, all diese Gefühle zurück zu stellen und dem Gemeinwohl zu dienen!

Denn DAS ist mitunter unsere Berufung!

Und wenn nur jeder Einzelne da draußen einmal unseren Geschichten zuhören würde, würde er vielleicht anders über ‘die Polizei’ denken.

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Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, sie möchte jedoch zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Personen, über die hier berichtet wird, anonym bleiben.