Gedanken eines Polizisten und Vaters: Das virale Teilen angeblicher “Polizeigewalt” erzeugt nur Hass und einen weinenden Elfjährigen

2. August 2019 um 18:45 Uhr

Gedanken eines Polizisten und Vaters: Das virale Teilen angeblicher "Polizeigewalt" erzeugt nur Hass und einen weinenden ElfjährigenAnfang dieser Woche haben wir über den Vorfall in Frankfurt (Hessen) berichtet. Eine Personenkontrolle auf der Zeil nach einer gemeldeten Schlägerei eskalierte. Die Polizisten wurden angegriffen und verletzt, doch die in sozialen Netzwerken geteilten Videoschnipsel sollten die Sache umkehren: Polizisten zu Tätern und die Angreifer zu Opfern von Polizeigewalt machen.

Dazu haben wir die Gedanken eines Kollegen erhalten, der Vater eines elfjährigen Sohnes ist und mit dem vorgenannten Polizeieinsatz gar nichts zu tun hatte. Doch die Auswirkungen des Einsatzes und dem, was dann in den sozialen Netzwerken geschah, bekommen der Kollege und sein Sohn zu spüren. Eine Schilderung, die uns alle zu denken geben sollte:

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“Teilen von Videos polizeilicher Zwangsmaßnahmen in den sozialen Medien

Normalerweise ist es nicht meine Art, mich als Angehöriger der Hessischen Polizei über die derzeitige mediale Berichterstattung selbiger zu äußern, denn ich vertraue noch auf unseren Rechtsstaat. Es ist einiges vorgefallen, was aufgearbeitet werden muss, ihr habt darüber auch hier sachlich berichtet. Auf den Inhalt der Vorwürfe möchte ich weniger eingehen, sondern mehr darauf, wie derzeit medial damit umgegangen wird und welche Folgen das für uns einzelne hat.

Es geschah also in Frankfurt, dass Kollegen Zwang anwenden mussten. Danach zwitschert eine Dame das kontextlose Video dazu raus und fordert noch auf, es viral gehen zu lassen. Wenige Stunden später bekommt es auch mein 11-jähriger Sohn mit dem Untertitel ‘ACAB’, einem Wutsmiley und dem Verweis auf seinen Papa.

Kann sich annähernd jemand vorstellen, wie er sich fühlt?

Weder er noch ich haben mit dem Fall zu tun, die einzige Verbindung ist mein Beruf als Polizeibeamter. Er verzichtet an Feiertagen auf mich, nimmt Rücksicht, wenn ich zwischen Schichten schlafen muss, er ist stolz, wenn der Papa mal wieder Menschen aus einer Lebensgefahr befreit hat, freut sich, wenn er gesund vom Dienst heimkommt und muss sich dann schreiben lassen, dass sein Papa ein Bastard ist?

Weiter geht es, dass die Kollegen ‘Nazis’ und ‘Bastarde’ bezeichnet werden und man ein ‘Gewaltproblem’ habe. Die unterirdischen Wortwahlen auf den offiziellen Twitter- und Instagram Accounts kann ja jeder selbst nachlesen und den sachfremden Links folgen.

Auch wenn es Fehlverhalten einzelner in der Polizei gegeben haben mag – wenngleich bisher ja kein Urteil fiel – rechtfertigt das keinesfalls das Fehlverhalten hunderter Bürger, die sich beleidigend und bedrohend äußern, ohne vom eigentlichen Vorfall betroffen zu sein.

Sind jene Beleidigungen und Bedrohungen etwa moralisch besser?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Diskussion über die Vorfälle finde ich wichtig und richtig, aber bitte mit den Umgangsformen, die wir auch im persönlichen Gespräch pflegen. Oder sind aus den sozialen Medien beizeiten asoziale Medien geworden?

Und eines ist mir noch besonders wichtig: Sind unsere sozialen Medien zudem plötzlich übergerichtlich? Da wird an den Pranger gestellt, vorverurteilt, ohne Sachkenntnis argumentiert, verleumdet und verzerrt und der einzelne in Sippenhaft genommen.

Wenn schon Videos von ‘Polizeigewalt’ geteilt und diskutiert werden, dann beschäftigt Euch vor der Meinungsbildung mit den rechtlichen Grundlagen, zum Einstieg vielleicht mit Begriffen wie ‘Gewaltmonopol‘, ‘lex specialis‘ und ‘unmittelbarer Zwang‘. Ich bin gleichzeitig nachsichtig mit der ‘Generation Z‘, die erst wieder lernen muss, dass das Nichterfüllen von Pflichten auch Konsequenzen hat.

Denn beim kommentarlosen Teilen des Viralgehens willen kommt nur eines raus: Hass und ein weinender 11-jähriger Junge.

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, er möchte jedoch zum Schutz seiner Familie anonym bleiben. Text und Bild stammen vom Kollegen.