Auf ein Wort: Jeder sieht, was er sehen möchte

28. September 2019 um 17:39

Auf ein Wort: Jeder sieht, was er sehen möchteEigentlich hatten wir für heute andere Beiträge geplant, aber nach dem Vorfall von gestern muss dieses Statement sein. Es ist ein persönliches Statement des Administrators. Ich habe das Team nicht um ihre Meinung gefragt, vielleicht sind sogar ganz anderer Meinung. Aber das ist ok.

Gestern veröffentlichen wir den Bildgruß eines Kollegen, der breitbeinig auf einem Gleis stand (das Bild war zunächst nur auf Facebook erschienen und nach dem dortigen Shitstorm nirgends anders gepostet worden). Auch wenn einige wenige das Bild schön fanden, meinten einige, der Kollege würde sich erleichtern (was er nicht tat), Die überwiegende Meinung war allerdings sehr negativ. Die meisten warfen dem Kollegen unverantwortliches Handeln vor, warfen ihm vor ein schlechtes Beispiel zu sein. Ach ja, eine Warnweste trug er auch nicht.

Vor einigen Wochen veröffentlichten wir ein ganz ähnliches Bild. Ein Polizist geht mit der Taschenlampe zwischen den Gleisen und zwischen Zügen hindurch. Alle, ausnahmslos alle fanden das Bild toll. Niemandem war aufgefallen, dass auch dieser Kollege keine Warnweste trug. Und dass er zwischen den Gleisen ging, pah, wen interessiertes.

Warum also schwangen sich gestern bei diesem Bild die allermeisten zu Moralwächtern auf? Denn im Gleisbereich ist es immer gefährlich. Deswegen werden auf Bahnhöfen Linien auf den Boden gezeichnet, die bedeuten: Davor ist alles gut, dahinter ist böse, sprich potentiell tödlich. Denn der Luftsog, den ein schnell fahrender Zug hinter sich herzieht, kann spielend leicht einen menschlichen Körper anziehen und gegen die Waggons schleudern. Viele Kollegen kennen die Bilder von den Körpern, die dann am Boden liegen bleiben.

Der Oberkracher war dann eine Eisenbahnerseite, die unser Bild nicht, wie sonst üblich, teilte und dann ihren Senf dazu gab. Nein sie klauten es und luden es neu hoch. Und die Admins begannen ihren Text damit: “Wir müssen reden… Wir möchten niemanden diskreditieren…” und taten es dann doch.

Dabei befinden sich im Portfolio dieser Seite ebenfalls viele Bilder, die im Gleisbett entstanden sind, die Waggons zeigen, Waggonräder und Gleise. Und niemand beschwert sich. Auch wenn auf den Bildern überwiegend keine Personen gezeigt werden, muss sich für das Bild aber jemand im Gleisbett befunden haben. Wie sonst hätte das Bild entstehen können, wenn nicht der Fotograf mit seinem Handy oder einer Fotokamera mitten im Gleisbett oder auf dem Gleis gestanden hätte. Aber niemand beschwert sich. Wo sind hier die Moralisten?

Warum also dieser Shitstorm gestern bei uns?

Als wir intervenierten, hieß es: Man hätte dazu schreiben sollen, dass das Gleis gesperrt war, welche Aufgabe der Kollege hatte, um zu erklären, warum er dort stand. Schließlich sollte die Polizei in gutes Vorbild abgeben und das Bild animiere andere dazu, sich für ein Foto ebenfalls ins Gleis zu stellen.

Nein, tut es nicht. Wir Polizisten dürfen, wir müssen sogar manchmal ins Gleisbett treten. Es gehört zu unseren Aufgaben und wir machen das, wenn entsprechende Vorkehrungen getroffen wurden, damit wir das auch gefahrlos können. Die Gründe sind für die Öffentlichkeit uninteressant.

Denn bei anderen Bildern fragt auch keiner, warum die Polizisten nun genau dort stehen. Noch nie ist diese Frage gestellt worden, wenn ein Polizist bei seinem Bildgruß auf einer hohen Brücke, mitten auf der Autobahn oder an einem Abhang stand. Die Bilder wurden als Bildgruß so angenommen, wie sie waren und überwiegend für schön befunden.

Worin liegt also der Unterschied, ob jemand zwischen Gleisen steht, auf einer Autobahn, einer Brücke oder mitten auf einem Gleis? Brückenspringer gibt es auch immer wieder und niemand fand bisher, dass ein Polizist, der auf einer Brücke über einem Gleis steht, andere dazu animiere, von eben dieser Brücke zu springen. Oder in die Oberleitung zu fassen, denn das machen Suizidenten auch, die sich nicht dafür entschieden haben, sich vor einen Zug zu werfen.

Jeder sieht, was er sehen möchte und beweist damit seine eigene Doppelmoral. Ich persönlich habe in dem Bild von gestern einfach nur ein schönes Bild gesehen. Ich habe nicht hinterfragt, wie es zustande kam, weil es einfach unerheblich war. Ein schönes Bild ist ein schönes Bild, mehr muss ich dazu nicht wissen.

Zugegeben, manch einer mag das naiv finden. Aber ich bin lieber naiv, als doppelmoralisch wie die meisten gestern. Es zeigt, wie wenig das Vertrauen in die Polizei vorhanden ist, dass das schon seine Richtigkeit haben wird. Und nicht das Bild hat der Polizei geschadet, sondern das, was IHR daraus gemacht habt. Und nun dürfen diese Leute gerne diese Seite verlassen. Denn ihr widert mich an!

MV