Gedanken eines Polizisten: Von Unbeteiligten im Einsatz angegriffen worden – Das Grundvertrauen in uns wird ausgehöhlt

13. September 2019 um 18:52 Uhr

Gedanken eines Polizisten: Von Unbeteiligten im Einsatz angegriffen worden - Das Grundvertrauen in uns wird ausgehöhltHeute vor einer Woche veröffentlichten wir die Gedanken von Kollegin Mia Meine Arbeit, nicht deine! Lass mich meinen Job machen. Diese Zeilen sind von dem ein oder anderen falsch verstanden worden, denn es ging Mia nicht darum, dass polizeiliches Handeln nicht transparent und nachvollziehbar sein sollte.

Worum es ihr ging, das beschreibt ein Kollegen mit seinen folgenden Zeilen, der sich genau auf das Kernthema von Mias Gedanken bezieht:

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“Noch nie war ein Artikel treffender und vom Timing her so gut, wie der Beitrag von Mia.

Es ist gerade einige Nachtdienste her, in denen wir (mal wieder) in die gleiche Situation kamen. Nur dass unser Versuch, eine beginnende Schlägerei zu schlichten und die Kontrahenten zu trennen, nachdem sie auf Ansprache nicht reagierten, nicht nur damit endete, dass wir am Ende gegen beide Personen vorgehen mussten, weil sie sich gegen uns solidarisierten, sondern sich auch noch Unbeteiligte einmischten, um den beiden, die sich eigentlich untereinander prügeln wollten, nun gegen die Einsatzkräfte zu helfen.

Wir waren zahlenmässig anfangs hoffnungslos unterlegen und auch das wusste unser Gegenüber. Als wir von mehreren Seiten attackiert wurden, war die Situation nur noch mit Pfefferspray und anderen Zwangsmitteln in den Griff zu kriegen. Als Begründung hörte man später im Polizeigewahrsam von den eigentlich Unbeteiligten, dass man nur gesehen habe, wie die Polizei zwei Leute voneinander wegzieht und man sich dann zum Eingreifen entschlossen hätte.

Ohne Kenntnis, was vorher Anlass gewesen ist. Ohne Kenntnis oder Vertrauen darin, dass die Einsatzkräfte vor Ort ihre Maßnahmen nach bestem Gewissen, Recht und Gesetz getroffen hatten und mit allen milderen Mitteln bereits gescheitert waren.

An nächsten Morgen habe ich meinen Nachtdienst mit einem unguten Gefühl beendet – nicht wegen der Anwendung von Zwangsmaßnahmen, sondern weil ich erstmals seit vielen Jahren, in denen ich Polizist bin, erlebt habe, dass völlig Unbeteiligte aus einer Alkohol-Laune heraus entscheiden, dass sie sich gegen Maßnahmen der Polizei stellen müssen, obwohl sie nicht wissen, was vorher passiert ist und sich darüber auch im Klaren waren.

Sie haben einfach, per se, angenommen, dass die Maßnahmen der Polizei nicht rechtmäßig waren und wollten von sich aus “klare Verhältnisse” schaffen. Und dabei haben sie nicht, wie so oft, daneben gestanden und gepöbelt, sondern aktiv ein- und angegriffen.

Ich habe einige Tage später auf Facebook den Eintrag eines Beteiligten dieser Situation gesehen, der nun Zeugen für eben diesen “Fall von Polizeigewalt” gesucht hat. Die fand er zwar nicht, aber zahlreiche Leute die Dinge schrieben wie “Ich war zwar nicht dabei, aber es wird ja immer schlimmer mit der Polizei.”

Jetzt sitze ich hier, verfasse diesen Kommentar und bin erstmals wütend und hilflos.

Weil ich weiß, dass auch ein späteres Strafverfahren und eine Verurteilung der Täter, wenn es denn dazu kommt, nicht dazu beiträgt, die öffentliche Meinung über uns zu verbessern. Weil ich weiß, dass diese, jeder Grundlage entbehrenden Äußerungen, uns als Polizisten immer mehr Probleme machen werden, da sie das Grundvertrauen in unsere Arbeit aushöhlen – mit jedem Tag etwas mehr.

Ich bin Polizist geworden, weil ich den Menschen helfen will, auch in Situationen in denen sie diese nicht als Hilfe wahrnehmen können oder wollen. Auch in Situationen, in denen wir uns die Prügel einfangen, die sonst andere – auch Unbeteiligte – getroffen hätten.

Mich trifft es besonders hart, wenn genau diese Menschen das Vertrauen in unsere Arbeit verlieren – einfach weil sie glauben, es besser zu wissen. Und weil ich nicht mehr machen kann, als weiter zu machen und zu hoffen, dass das Vertrauen, welches ich als Kind und Jugendlicher noch zur Polizei auf der Straße hatte, auch wieder in das Hier und Jetzt zurückkehrt.”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, er möchte anonym bleiben.