Gedanken einer Polizistin: „Du musst Privates und Berufliches trennen“, sagten sie.

25. Oktober 2019 um 18:52 Uhr

Gedanken einer Polizistin: „Du musst Privates und Berufliches trennen“, sagten sie.

So sieht die Realität aus:

Als ich vor ein paar Jahren den Polizeidienst begann, wagte ich nicht daran zu glauben, wie es heute ist. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe meinen Job und ich habe auch kein Trauma oder sonst irgendwas erlebt. Ich glaube das, was ich hier beschreibe, ist etwas, dass viele Kolleginnen und Kollegen erleben, ohne jemals darüber zu sprechen.

Kritiker würden mit Sicherheit direkt von PTBS reden. Das muss aber ein Arzt beurteilen. Ich würde von mir selbst bei weitem nicht über PTBS reden.

ABER: Meine Erlebnisse beeinflussen mein Privatleben.

Die Trennung von Beruf und Privat ist in meinen Augen nicht hundertprozentig möglich. Mal ganz davon abgesehen, dass wir alle nur Menschen sind und uns mit Dingen auseinandersetzen, merkte ich über die Jahre, dass ich nicht nur darüber nachdenke, sondern sich auch mein Verhalten und meine Denkweise im privaten Umfeld geändert hat.

Mir fallen viele Beispiele ein. Diese möchte ich ansprechen. Es gab mal einen wundervollen Post auf der Seite Polizist=Mensch. Es ist schon einige Zeit her, aber diesen Spruch habe ich nie vergessen.

Du hast dich verändert, aber keiner fragt, wieso.’

Genau dieser Satz ist so unglaublich wahr. Man verändert sich. Das Leben verändert sich, wenn man einen solchen Job hat, wie wir Polizeibeamtinnen und -beamte. Und Außenstehende verstehen das nicht. So sehr sie es auch versuchen, aber sobald jemand fernab von Feuerwehr, Rettungsdienst, Sozialhilfe, Polizei etc. arbeitet, und einen ‘ganz normalen’ Bürojob hat, er/sie versteht es nicht.

Das ist auch nicht böse gemeint, im Gegenteil. Das ist sogar ganz richtig so. Denn wir arbeiten tagtäglich rund um die Uhr, um genau das zu bewirken: Ihre Welt soll heile sein, während wir versuchen, die andere Welt, die sie nicht mitbekommen, von ihnen fernzuhalten. Dann wiederum ist es ganz normal, dass sie uns nicht verstehen.

Bei mir hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Als Jugendliche war ich offen für alles, Adrenalin-Junky sozusagen, habe mir um wenig Gedanken gemacht. Adrenalin-Junky bin ich zwar immer noch, aber in anderen Hinsichten als früher. Sonst wäre ich in meinem Job auch falsch 😉

Aber, ich bin vorsichtiger geworden. Misstrauischer, skeptischer, hinterfrage viel und vermute hinter vielen Ecken Schlechtes. Dinge, die für andere Normalität sind, betrachte ich aus anderen Blickwinkeln.

Nachts alleine U-Bahn fahren? – nur wenn es nicht anders geht. Die Tür von innen nicht abschließen, wenn ich zuhause bin? – niemals, ich schließe immer ab. Es sind Kleinigkeiten, die sich verändern. Wenn man so viel Schei** erlebt, wie wir draußen auf der Straße, versucht man – bzw. ist das bei mir so – das Schlechte im Privaten so fern wie möglich zu halten.

Außerdem hinterfrage ich mehr. Bei einer häuslichen Gewalt ist immer die arme Frau das Opfer? – ich habe gelernt, dass es oft ganz anders aussieht. Alkohol ist witzig und macht Spaß? – nein, seit meinem Job hasse ich Alkohol. Alkohol und Drogen machen bestimmt 2/3 meiner schlimmen Einsätze aus. Gäbe es diese zwei Suchtmittel nicht, eins davon sogar legal (was für mich bis heute unverständlich ist), dann hätten wir viel weniger Einsätze, bei denen Menschen verletzt oder Dinge beschädigt werden.

Auch Widerstände sind sehr häufig unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol. Autofahren ist völlig ungefährlich? – Nein. Für mich nicht mehr. Jedes Mal, wenn sich mein Mann oder meine Familie ins Auto setzen für eine lange Fahrt freue ich mich über den Moment, wenn sie schreiben: ‘Wir sind gut angekommen’. Paranoid? Nein, ich sehe einfach nur zu viele schlimme Unfälle da draußen und ich sehe, wie es den Hinterbliebenen geht, wenn man die Todesnachricht überbringen muss.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sieht wie folgt aus:

Früher bin ich bei Konflikten auf der Straße einen großen Bogen gelaufen. Heute gehe ich dazwischen und will helfen. Früher wollte ich Obdachlosen nicht mal in die Augen gucken. Heute grüße ich sie lieb (sofern sie freundlich sind) und sie freuen sich. Früher fiel es mir schwer, Menschen anzusprechen – heute bin ich so offen wie nie. Früher hatte ich vor demenzkranken Personen Angst – heute habe ich Mitleid und behandle sie ganz anders, als ich es früher noch getan habe. Denn sie können nichts dafür.

Ich habe mich verändert, sehr. Ich bin auch keinesfalls panisch oder habe mein Leben deshalb vollkommen eingeschränkt, die Beispiele sind nur so deutlich formuliert, damit ihr versteht was ich meine. Aber wenn ich ehrlich bin… ich denke, jeder der einen ähnlichen Job hat, versteht auch ohne Rechtfertigung, was ich sagen will.

Aber, auf der anderen Seite stumpft man auch ab. Auch das ist eine Veränderung an sich, die man nicht verhindern kann. Auch hier ist ‘lass die Arbeit Arbeit sein’ unmöglich. Ich merke immer mehr, wie wenig mich bestimmte Einsätze tangieren. Ich arbeite sie nach bestem Wissen und Gewissen ab und fahre zum nächsten.

Es klingt hart, aber bei so vielen Dingen, die ich mit nach Hause nehme, lasse ich genauso viele Einsätze (gedanklich) links liegen. Der 20. Verkehrsunfall mit einem Radfahrer, der bei Rot über die Ampel gefahren ist, berührt mich nicht mehr. Die 15. Trunkenheitsfahrt, bei dem der ‘arme Fahrer’ in die Zelle muss, kümmert mich nicht. Die 10. Körperverletzung, bei der sich zwei Personen auf Drogen die Köpfe einschlagen und der ganze Boden voller Blut ist – ich empfinde dabei nichts.

Verdammt… das, was ich hier schreibe ist gerade sehr direkt. Aber es ist nun mal so.

Der Widerspruch ist deutlich und wird über die Jahre immer deutlicher: Manche Sachen berühren mich mehr als vor meinem Polizeiberuf. Andere Sachen lassen mich inzwischen kalt. Widersprüchlich auch zu dem, was viele aus meinem Umfeld empfinden. Man verändert sich, ob man will oder nicht. Jeder, der einigermaßen mit Herz bei der Sache ist, wird verstehen was ich meine.

Und für diese Veränderung muss man sich in meinen Augen nicht rechtfertigen. Die Außenwelt muss nur mehr Verständnis entgegenbringen, so wie sie es von uns erwarten. Aber das ist vermutlich zu viel verlangt. Also arbeiten wir weiter im Stillen und hoffen, dass uns nicht der nächste Bürger an den Pranger stellt, weil wir angeblich so unmenschlich sind.

Wir sind Mensch. Wir erleben nur andere Dinge.

Mit lieben Grüßen,
Frau Anonym, weil ich glaube, dass die Gesellschaft für diese ehrlichen und offenen Worte nicht bereit ist.”

——————

Die Kollegin ist uns persönlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.

Wer von den Kolleginnen und Kollegen sieht das ähnlich oder genauso?