Gedanken einer Polizistin: Halle – Ein Einsatz, der mich nachhaltig verändern wird

12. Oktober 2019 um 19:05 Uhr

Gedanken einer Polizistin: Halle - Ein Einsatz, der mich nachhaltig verändern wird

” ‘Ihr packt jetzt eure Sachen aufs Auto und fahrt nach Halle. Dort ist eine LebEL-Lage mit mindestens einer getöteten Person. Die Lage ist noch aktiv, zwei Täter sind flüchtig.’

Worte, deren Bedeutung mich so schlagartig trafen, dass mir augenblicklich schwindelig wurde. Ja, ich wurde kurzzeitig regelrecht panisch. Innerlich. Nach außen war man gefasst, packte die Westen und Helme aufs Auto und rüstet mit weiteren MPs das Fahrzeug auf.

Wir fuhren los mit dem Gedanken: ‘Wie fahren sowieso mindestens 30 Minuten. Und wir sollen sowieso erst einmal zur Kräftesammelstelle, das schaffen wir schon.’

Auf der Anfahrt dann die Meldung, dass ein Täter mit einem gestohlenen Taxi wenige Kilometer vor uns auf die Autobahn fuhr. Plötzlich ging alles sehr schnell. Parkplatz. Alles anziehen. Waffen durchladen und weiter. Völlig wider dem menschlichen Instinkt fuhren wir schneller immer näher zur Gefahr.

Immerhin waren da Kollegen, die unsere Hilfe benötigten.

Und trotzdem war die Angst da. Die tatsächliche Möglichkeit, diesen Tag nicht – unbeschadet- zu überleben. Bilder aus Paris waren im Kopf. Aus Paris. Die getöteten Polizisten. Eiskalt und ohne Chance im Fahrzeug erschossen.

Würde es uns genau so ergehen? Was muss ich heute sehen? Was wird eingefordert? Wie reagiere ich selbst, wenn ich dem Täter plötzlich gegenüber stehen sollte? Ich wusste keine Antwort auf die Fragen.

Dann die Meldung: ‘Verkehrsunfall, Täter fest, die Kollegen brauchen dringend Unterstützung’. Auf einmal war ein riesen PulK von Polizeifahrzeugen, die sich aus allen Himmelsrichtungen trafen. Kurze Erleichterung. Man war nicht mehr allein.

Danach folgten weitere Meldungen. War da noch ein zweiter Täter? Und wenn ja, wo hielt er sich auf? Wie war er ausgerüstet?

Wir fuhren zur Sammelstelle. Und warteten dort auf einen Auftrag. Hörten die Meldungen über Funk, und konnten doch nichts weiter tun, als zu warten. Stunden vergingen. Informationen über den aktuellen Stand erreichten uns nicht. Dafür Videos von Live-Aufnahmen während der Tat.

Für mich besonders schlimm die Sequenz, bei der eine unschuldige Frau feige ermordet wurde. Bilder, die ich nun oft vor Augen habe. Fragen, wieso das passieren musste, bleiben unbeantwortet. Ungewissheit. Dann in den Nachrichten: Es war ein Einzeltäter. Und doch keine Erleichterung.

Nur die Erschöpfung.

In der Nacht wurden wir aus dem Einsatz entlassen. Zurück bleibt das mulmig Gefühl, dass es ab jetzt nie mehr so wird wie früher. Und die Tatsache, das erste Mal reine und absolut tiefgreifende Angst verspürt zu haben.

Angst um das eigene Leben.
Angst um das Leben der Kollegen.”

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Die Kollegin uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.