Fiktive Polizeigeschichte: Verrückter Schweinehund

16. November 2019 um 19:03 Uhr

Fiktive Polizeigeschichte: Verrückter SchweinehundIch sitze zuhause auf der Couch und zappe geistesabwesend von Programm zu Programm. Was ich gucken will? Ich habe keine Ahnung.
Plötzlich kommt Leon herein gestürmt.

Er öffnet kurz seine Augen und schließt sie dann wieder unbeeindruckt. Ein Bullenschwein müsste man sein.

“Was machst du gerade?”
“Sieht man doch”, sage ich, “ich gucke TV.”

Leon geht vor mir vorbei, zum Fenster und schiebt vorsichtig den weißen Vorhang zur Seite.

“Und, was läuft.”

“Ich weiß nicht so genau”, sage ich. “Irgendeine Mischung aus einer Doku von Donald Trump, dem Film ‘Der Soldat James Ryan’ und ‘The Day After Tomorrow’.”

“Klingt nach der Tagesschau.” Leon lässt der Vorhang wieder los.

“Nicht, dass es mich brennend interessiert, aber ist heute irgendwas besonderes im Dienst passiert? Irgendwas, was du dringend loswerden musst?”

“Da wäre tatsächlich was”, gebe ich zu.

“Dann erzähle es jemand anderem. Wie gesagt. Mich interessiert es nicht.”

“Wir hatten heute einen Einsatz. Verdacht Unglücksfall.”

Leon setzt sich.

“Wir sind zu der Wohnung des 78-Jährigen gefahren und haben mit Hilfe der Feuerwehr die Wohnungstür geöffnet, weil niemand auf das Klopfen und Klingeln reagiert hat.”

“Und”, fragt Leon, “Verdacht bestätigt?”

“Ich bin sofort in die Wohnung gestürmt und dort mit dem Schlimmsten gerechnet.”

Ich nehme einen Schluck Wasser.

“Wie schlimm wars?”

“Als ich ins Wohnzimmer kam”, fahre ich fort, “lag dort Herr Schmidt auf dem Boden. Aber nicht leblos. Er hat sich gerade für seine Gymnastikübungen aufgewärmt.”

“Klingt nach einem Friede-Freude-Eierkuchen Einsatz.”

“Ja, an sich schon. Die Batterien seines Hörgerätes seien leer gewesen, weshalb er die Anrufe von den Nachbarn und Familie nicht gehört habe.”

“Du scheinst nicht zufrieden damit zu sein.”

“Doch doch, bin ich. Die Verwandten haben sich auch mehr oder weniger gefreut.”

“Mehr oder weniger?”

“Ja, die Tochter hat sich eher nach dem Goldschmuck erkundigt, ob er noch da sei.”

“Klingt wie eine Familie zum Knutschen.”

“Auf jeden Fall habe ich nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass das Leben viel zu kurz ist. Ich gehe Arbeiten und danach gehe ich nach Hause und gucke Fernsehen. Man arbeitet nur auf den Urlaub hinaus. Ich glaube, das reicht mir nicht mehr. Ich will irgendwas verrücktes machen. Irgendwas, an das ich mich, wenn ich alt bin, erinnere. Und nicht das Gefühl habe, etwas verpasst zu haben.”

“Und dann sitzt du hier vor dem Fernseher?”

“Was soll ich sagen? Mein Kopf sagt ‘mach was verrücktes’, mein Körper sagt ‘du bist zu alt für diesen Scheiß, geh lieber schlafen. Oder zappe optional sinnlos im Fernseher herum, Hauptsache, du bewegst dich nicht.’ ”

“Jetzt bin ich ja da. Was fällt dir als erstes ein, was du sonst nicht machen würdest? Etwas richtig verrücktes.”

“Nun”, überlege ich, “da ist dieser Späti, an dem ich bei jeder Streifenfahrt vorbeifahre. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wäre, dort einen Kaffee zu trinken.”

“Leben am Limit, was, du verrückter Schweinehund.”

“Ironie?”

“Sarkasmus!”

Leon greift nach meinem Handy und tippt die PIN ein.

“Woher kennst du die PIN?”

Leon wirft einen kurzen Blick zu mir.

“Kühlschrank?”, frage ich.
“Kühlschrank!”, sagt Leon.

“Und was hast du jetzt damit vor?”

“Ich mache etwas verrücktes.”

“Du wirst doch wohl nicht etwa…..”

“Ganz genau, ich bestelle uns eine Pizza.”

15 Minuten später klingelt es an der Wohnungstür und ich nehme die Pizzen an. Eine Pizza Hawaii mit einem Umfang von 33 cm und eine Pizza Fungi mit Käserand. Dazu gibt es noch eine Tüte mit kleinen Pizzabrötchen und zwei Cocktailsaucen zum Dippen. 25,90 €, + 5 € Liefergebühr und 3 € Trinkgeld.

Ein Pizzeria im selben Haus zu haben ist manchmal ganz praktisch. In diesem Fall ist es einfach nur verrückt.

©️ Mathieu Swoboda