Mit den Kollegen auf Streife: Ein lauwarmer Sommerabend, der meine Handeln veränderte

8. November 2019 um 19:17 Uhr

Mit den Kollegen auf Streife: Ein lauwarmer Sommerabend, der meine Handeln veränderte

“Es war ein Tag im Juli 2015, ein Sommertag wie jeder andere, dachte ich, als ich die Haustür verließ und zur Arbeit fuhr. Dass dieser Tag ein Tag werden würde, der mein Leben und Handeln als Polizist nachhaltig verändern würde, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht im Geringsten ausmalen.

Ich war Kommissaranwärter (Polizist in der Ausbildung), hatte einige Tage zuvor meine praktische Abschlussprüfung bestanden und durfte somit als zweiter Mann alleine mit meinem Ausbilder arbeiten.

Es war kurz vor dem Feierabend. Wir waren bereits auf der Wache, als es hieß, dass es einen lauten Knall an einem Bahnhof gegeben habe. Nun höre man Schreie und glaube, dass jemand an die Oberleitung gekommen sei. Wir liefen zum Streifenwagen und fuhren in Richtung des Bahnhofs.

Über die Leitstelle wurde uns übermittelt, dass weitere Anrufe auf der Leitstelle auflaufen, die alle den gleichen Inhalt haben. Aus dem anfänglichen Gedanken der Fehlmeldung des Bürgers wurde schlagartig Ernst.

Ich spürte wie mir das Adrenalin durch den Körper schoss.
Nach wenigen Minuten Anfahrt kamen wir am Bahnhof an.
Als ich die Tür des Streifenwagens öffnete begannen die Minuten, die ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Bereits beim Öffnen der Tür vernahm ich ein schmerzerfülltes Schreien, welches kein Ende nahm. Während ich die 300 Meter Entfernung bis zum Bahnsteig im Sprint überbrückte, griff mein Ausbilder sich geistesgegenwärtig das Erste-Hilfe-Set und eilte mir nach.

Der Lauf erschien mir schier unendlich, während mein damaliger Chef, der sich ebenfalls auf der Anfahrt befand, mehrmals regelrecht in den Funk schrie, dass wir aufpassen sollen aufgrund der Gefahren.

Als ich nach wenigen Sekunden am Bahnsteig angekommen war, sah ich zwei Männer, die wild winkend und rufend einige Meter auf den Gleisen an einem Güterwaggon standen.
Bereits zu diesem Zeitpunkt vernahm ich einen beißenden, verbrannten Geruch, wusste diesen jedoch aufgrund der Ausnahmesituation nicht richtig einzuordnen.

Die Bahnstrecke war noch nicht gesperrt, jedoch hatte ich den Drang zu helfen, schließlich bin ich Polizist und kann nicht einfach daneben stehen. Ich schaute also nach links und rechts über die Gleise und konnte über mehrere hundert Meter einsehen, dass kein Zug auf der Anfahrt war.
Ich sprang auf die Gleise und lief zum Güterwaggon.
Wenige Sekunden nach mir war mein Ausbilder ebenfalls zugegen.

Als ich um die Ecke des Güterwaggons kam, schloss sich der Kreis. Die Einsatzmeldung, das Schreien und der Geruch bekamen von jetzt auf gleich ein Bild. Auf dem Boden im Gleisbett lag ein Junge. Dieser war am gesamten Körper verbrannt. Seine Kleidung war nahezu nicht mehr existent, während Teile seiner Haut soweit verbrannt waren, dass man den blanken Knochen des Körpers sehen konnte.

Sein Fuß war nicht mehr vorhanden. Wie sich später herausstellte, war dies der Austrittspunkt des Stroms (20.000 Volt).
Er schrie unentwegt.
Ich versuchte das Erlernte abzurufen, doch dies konnte hier nicht angewandt werden.
Erste-Hilfe-Maßnahmen waren zwecklos, da unsere Ausstattung auf einen solchen Fall nicht ausgelegt war.

Der Junge schrie: ‘Wieso habe ich das nur gemacht? Wieso bin ich auf den Waggon geklettert?’ Er weinte und man konnte in seinen Schreien die Schmerzen hören und mitfühlen.

Ich wusste nicht wie ich ihm helfen konnte, außer ihm das Gefühl zu geben, dass jemand bei ihm ist und versucht ihm zu helfen. Ich setzte mich also neben ihn ins Gleisbett und sagte ihm wie ich mit Vornamen heiße. Ich fragte ihn nach seinem Namen und wo er wohnt. Urplötzlich wich das Schreien einer schmerzerfüllten Stimme die mit mir zu sprechen begann.

Ich sagte ihm, dass wir alles tun werden um ihm zu helfen.
Er erzählte und erzählte, und ich merkte, dass er begann an etwas anderes zu denken, da seine Stimme ruhiger wurde. Es schien, als nahm er zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr wahr, als dass ich mit ihm sprach.

Er konzentrierte sich nicht darauf, dass die Masse der Sirenen lauter wurde, dass sein Bruder und seine Freunde in seiner Nähe standen und weinten, sondern er erzählte von sich und kämpfte dabei hörbar mit den Schmerzen und um sein Leben.

Ich selbst war mit meinen Gedanken einzig und alleine bei dem Jungen und vertraute darauf, dass mein Ausbilder sich um alle weiteren Dinge kümmerte und meine Hilfe hierbei nicht benötige.

Dann merkte ich, dass es um uns herum begann hektischer zu werden. Ich versuchte mich jedoch hiervon nicht beeinflussen zu lassen, da ich wahrnahm, dass der Junge sich auf mich konzentrierte. Ich wollte ihm das Gefühl geben, dass jemand da ist. Jemand der ihm zuhört und sich in diesen vielleicht letzten Minuten seines Lebens ausschließlich um ihn kümmert.

Wenige Augenblicke später traf die Feuerwehr ein und übernahm die medizinische Versorgung. Sie kümmerten sich um die notwendige Erstversorgung und die Verbringung in eine Spezialklinik mittels Rettungshubschrauber.

Doch unsere Arbeit war noch nicht vorbei. Es blieben die Augenzeugen, die Freunde und der Bruder des Verletzten.
Ich merkte wie immer mehr und mehr Kollegen um mich herumliefen und begannen mir die Arbeit abzunehmen, sodass ich einen Moment zur Ruhe kommen konnte.

Nach und nach baute sich das Adrenalin ab und ich begann die Situation zu begreifen, während um mich herum weiterhin die polizeilichen und rettungsdienstlichen Arbeiten auf Hochtouren liefen.

Ich stellte mir Fragen wie: ‘Habe ich alles richtig gemacht?’ und ‘Wird er das alles überleben?’

Doch erst auf der Polizeiwache realisierte ich wirklich was soeben passiert war. Die Kollegen und mein Dienstgruppenleiter kamen zu mir und fragten ob alles in Ordnung sei. Sie kümmerten sich wie eine Familie um mich und meinen Ausbilder und versuchten uns beizustehen.

Doch es war keine Hilfe nötig, da ich begriff, dass diese Art von Einsätzen zum Berufsalltag des Polizisten dazugehören und man lernen muss mit diesen Bildern und Emotionen umzugehen, darüber zu sprechen und wenn nötig auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Man lernt damit umzugehen, nach den Einsätzen weiterzuarbeiten und nicht zu erfahren, wie es mit dem Menschen weitergeht.

So auch in diesem Fall!

Die Chancen des Überlebens standen nach der Aussage der Notärztin nicht gut, aber vielleicht hatte er ein Kämpferherz und hat den scheinbar aussichtslosen Kampf gewonnen.
Wir werden es wohl nie erfahren!

In solchen besonderen Einsätzen merkt man, dass man seine Emotionen trotz aller Professionalität auch als Polizist nicht abschalten kann.

Denn Polizist=Mensch! 💙”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.